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23.01.2006

11:10 Uhr

Vor dem Ford-Sparpaket

Desaster made in Detroit

VonJens Eckhardt und Josef Hofmann

Wohlstand war gestern. Heute versinkt die US-Autometropole in Depression. Der Rettungsplan, den Ford am heutigen Montag vorlegt, wird tausende Arbeiter mehr auf die Straße setzen. Das Porträt einer leidenden Stadt.

Wer Arbeit hat, gehört zu den wenigen Glücklichen. Hier die Ford-Produktion; ein Arbeiter montiert den Rahmen eines Geländewagens. Foto: dpa

Wer Arbeit hat, gehört zu den wenigen Glücklichen. Hier die Ford-Produktion; ein Arbeiter montiert den Rahmen eines Geländewagens. Foto: dpa

DETROIT. „Die Straßen in diesem Viertel am Fluss waren voller Schlaglöcher, die Rinnsteine erstickten in Unkraut und Müll. Die mächtigen Scheinwerfer erfassten Glasscherben auf dem Asphalt, außerdem Nägel, Metallstücke, alte Radkappen, Blechdosen, eine platt gefahrene Männerunterhose. Unter einer Überführung stand ein ausgeweidetes Auto ohne Reifen, mit zerborstener Windschutzscheibe, aller Chromzierrat war abgeschält, und auch der Motor fehlte.“ So beschreibt Jeffrey Eugenides in seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman „Middlesex“ das Detroit der 70er Jahre.

Lange muss man auch heute in Detroit nicht suchen, um solche Szenen zu entdecken. Gleich hinter dem neuen Stadion „Ford Field“, in dem Anfang Februar die beiden besten Football-Teams beim Super Bowl aufeinander treffen, dem wichtigsten Sportereignis in den USA, finden sich allerorten vernagelte Fenster und ausgebrannte Häuser.

Der Autoriese Ford hat der Stadt das Football-Finale mit der Teilfinanzierung des neuen Stadions erst ermöglicht. Wenn der Konzern heute sein neues Sanierungsprogramm inklusive massiven Stellenabbaus vorlegt, wird er allerdings der einst so prosperierenden Keimzelle der großen Autofabriken einen weiteren Tiefschlag versetzen. Leiden die Arbeiter bei Ford, General Motors und Chrysler, stöhnt auch Detroit. Eine Stadt, die sich von den Rassenunruhen der 60er-Jahre und der Flucht vieler Besserverdienender in die Vororte nie erholt hat und schon lange tief im Blues steckt.

Das können kleine Oasen mit Geschäften, Bars und Stadtleben um Renommier-Projekte wie das Ford Field, die Wayne State University, das Renaissance-Center mit der General-Motors-Zentrale und das Messezentrum Cobo Hall kaum kaschieren. Denn schon in Steinwurfnähe beginnt das Elend. Nur wenige Blocks von der Cobo Hall entfernt, wo sich regelmäßig zum Jahresanfang die großen Namen der weltweiten Automobil-Industrie auf der North American International Auto Show selbst inszenieren, sieht es aus wie nach dem Bürgerkrieg. „Nachts hält man hier an roten Ampeln nicht mehr an“, sagt Rob, ein Taxifahrer. Er zeigt auf baufällige und ausgebrannte Häuser in einer Einöde von planierten Grundstücken und auf Haufen von Bauschutt und Unrat: „Polizei gibt es hier nicht. Wenn sie jemand ruft, kommen die Beamten lieber erst zwei Stunden später, wenn die Gangster weg sind“, sagt der Taxifahrer.

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