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23.09.2015

21:21 Uhr

VW-Abgasaffäre

„Made in Germany“ ist in Gefahr

Die Autoindustrie ist das Aushängeschild der deutschen Exportwirtschaft. Der VW-Skandal wirft allerdings ein schlechtes Licht auf die Branche. Politiker und Wirtschaftsbosse fürchten um den Ruf von „made in Germany“.

Nach VW-Skandal

Ist nun die Qualitätsgarantie „Made in Germany“ weltweit in Gefahr?

Nach VW-Skandal: Ist nun die Qualitätsgarantie „Made in Germany“ weltweit in Gefahr?

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BerlinSchon Autokanzler Gerhard Schröder wusste: „Wenn VW hustet, bekommt ganz Niedersachsen Grippe.“ Kein Wunder. An der deutschen Autoindustrie und der Zulieferindustrie hängt die deutsche Volkswirtschaft. Also findet die Branche in der Politik immer ein offenes Ohr. Da ist zum einen der Verband der Automobilindustrie (VDA), der vom Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte aus erfolgreich für die Interessen der Unternehmen kämpft. Zum anderen sind da da die Unternehmen selbst, die wie VW-Chef Martin Winterkorn direkten Zugang zu Kanzlerin Angela Merkel (CDU) haben.
Am Dienstag aber machte Merkel ihrem Unmut Luft, forderte „volle Transparenz“ und dass „möglichst schnell die Fakten auch auf den Tisch kommen“. Ihr Verkehrsminister Alexander Dobrindt stehe „in engem Kontakt“ mit Volkswagen. Der CSU-Minister hatte bereits das Kraftfahrtbundesamt angewiesen, bei den VW-Dieselmodellen umgehend strenge Nachprüfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen. Außerdem richtete er eine Untersuchungskommission unter Leitung seines Staatssekretärs Michael Odenwald ein. In dem Gremium sitzen Fachleute aus dem Ministerium und aus dem Kraftfahrtbundesamt. Die Kommission wird in dieser Woche nach Wolfsburg fahren, um Gespräche zu führen und Einblick in Unterlagen zu erbitten.
SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagte, es sei „erschütternd, was wir im Augenblick bei Volkswagen erleben“. Die Automobilindustrie sei „das Aushängeschild der deutschen Exportwirtschaft“. Es müsse aufgeklärt und es müssten „dann auch Konsequenzen gezogen werden“, forderte er.

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Seit bekannt ist, dass Volkswagen die Abgasmessungen in Dieselfahrzeugen manipulierte, sorgen sich die Koalitionäre um den Standort Deutschland. So wie bei Volkswagen jedenfalls hatten sie sich die Digitalisierung in den Fahrzeugen nicht vorgestellt. „Der Ansehensverlust ist eine Katastrophe für das Unternehmen wie für die gesamte Autoindustrie“, sagte der parlamentarische Geschäftsführer der CSU im Bundestag, Max Straubinger, dem Handelsblatt. „Auf alle Fälle ist das ein riesiger Schaden für die Industriemarke Deutschland“, sagte er.

Die aus Niedersachsen stammende stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Gitta Connemann (CDU), sagte, Volkswagen sei mehr als ein großer Konzern, es sei Deutschland. Das umso mehr, als das Unternehmen auch noch Staatskonzern sei – mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und dem Wirtschaftsminister Olaf Lies (beide SPD) als Aufsichtsräte. „Made in Germany“ habe „einen dicken Kratzer“ bekommen, sagte Connemann. So mancher fragt hinter vorgehaltener Hand, ob am Ende nicht auch andere Hersteller wie Daimler oder BMW ähnlich vorgingen, um auf dem amerikanischen Markt die überaus strengen Abgasvorgaben einzuhalten.
„Wichtig ist, dass VW jetzt bei der Aufklärung vorangeht und mit offenen Karten spielt“, forderte der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer. Nur so könne ein „weiter reichender Imageschaden von der deutschen Wirtschaft insgesamt abgewendet werden“. Pfeiffer stammt aus dem Daimler-Land Baden-Württemberg. Landeswirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) bezeichnete die Manipulation von VW als „absolut inakzeptabel“. Jetzt gelte es, den Skandal „restlos“ aufzuklären und „Schaden vom Ruf der deutschen Industrie insgesamt“ abzuwenden.

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

Die Vorgaben in Deutschland

Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

Wer testet?

Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

Kritik an Prüfung

Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

Weitere Prüfungen

Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

Geplante neue Prüfmethode

Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Auch SPD-Fraktionsvize Sören Bartol sorgt sich um den Standort. „Es geht um die Glaubwürdigkeit des Gütesiegels ,made in Germany’“, sagte er.
Die Gefahr, dass nicht nur der Ruf der Automobilbranche Schaden nimmt, wird mittlerweile in weiten Teilen der Wirtschaft gesehen. Es sei jetzt wichtig, „dass die Verfehlungen zügig und umfassend aufgeklärt werden“, sagte Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), dem Handelsblatt. Die Herkunftsbezeichnung „made in Germany“ stehe weltweit für hohe Qualität und Zuverlässigkeit. Gerade der Mittelstand, der sich keine großen Werbekampagnen leisten könne, profitiere von dem Gütesiegel. „Da freuen wir uns natürlich nicht über die aktuellen Ereignisse“, sagte Börner. Verbandsvertreter, die sich nicht zitieren lassen wollen, werden deutlicher: Forderungen nach einem Rücktritt von VW-Chef Winterkorn, wie sie etwa Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter geäußert hatte, seien „durchaus angemessen“, heißt es in einem Wirtschaftsverband. Schon jetzt seien Schäden für die Exportwirtschaft absehbar.

Kommentare (2)

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Herr T M

23.09.2015, 07:19 Uhr

Aber....wenn VW das Ansehen "einer ganzen Branche" in Gefahr bringt und sogar das "ganze" Ansehen von Deutschland kippen könnte - vielleicht verbreitet sich diese üble Nachricht genausoschnell in die hintersten Winkel der Krisenherde dieser Welt, wie Mutter Merkel ihre aktive Flüchtlingspolitik? Gott hab sie alle seelig. Dann rettet am Ende VW uns vor dem weiteren Flüchtlingssturm, weil die einfach keine Lust mehr haben nach D zu kommen. Dank Volkswagen! Vielleicht muss VW auch seine Restbestände abverkaufen in Länder, wo man es nicht so eng sieht mit der Emission? Da bleibt eigentlich nur die USA und einige Krisenregionen übrig. Ein Touraeg ist schließlich auch nur ein Wüstenvolk - wäre ein prima Hummer-Ersatz. :)

Herr Otto Berger

23.09.2015, 08:02 Uhr

Wie sagte man in alten Zeiten : "Wenn die Zahlen nicht stimmen, müssen sich die Gesichter ändern" und die Zahlen werden bei VW nach diesem Abgas-Desaster auf Jahre hinaus nicht stimmen.
Das alles geschah unter der Ägide Winterkorn und es ist völlig egal, ob er etwas gewusst oder nicht gewusst hat ---- der Skandal ist mit seinem Namen verbunden und das verlangt seinen sofortigen Rücktritt. Mit lachhaften "Entschuldigungen" ist es nicht getan.
Nur eine Person, die nachweislich "unbelastet" ist, kann noch Glaubwürdigkeit vermitteln und --- vielleicht --- den Schaden begrenzen.
Im übrigen ist das Desaster so groß, dass man schon eher von Sabotage interessierter Kreise am "Made in Germany" sprechen kann.
Es kommt halt alles zusammen : Griechenland-Desaster, Flüchtlings-Desaster, Sanktions-Desaster, EU-Desaster, Energiewende-Desaster und jetzt das Abgas-Desaster bzw. das Desaster des "Made in Germany". Das sind alles Desaster, die den Standort Deutschland sehr "attraktiv" erscheinen lassen ---- und das alles rein zufällig ????? Da hat unser verehrter Herr Bundespräsident Gauck schon recht : In Deutschland wird es dunkel !!

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