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29.09.2015

12:15 Uhr

VW-Affäre und Gewerkschaften

Die IG Metall fürchtet den großen Crash

VonFrank Specht

Was die Finanzkrise für die Banken war, könnte die VW-Affäre für die Industrie werden, fürchtet IG-Metall-Chef Wetzel. Mit Schuldzuweisungen hält sich der Gewerkschafter zurück. Klar sei: „Die Putzfrau war es nicht.“

„Das ist etwas, was nie hätte passieren dürfen.“ dpa

Tunnel zum VW-Werk Wolfsburg

„Das ist etwas, was nie hätte passieren dürfen.“

FrankfurtEigentlich soll es um die Mitgliederentwicklung gehen, um Leiharbeit und Werkverträge und gute Arbeit im digitalen Zeitalter. Deshalb hat die IG-Metall-Spitze am Montagabend eine kleine Runde von Journalisten in die 20. Etage des Frankfurter Interconti-Hotels geladen, mit Blick auf den Main zu Füßen und den EZB-Tower in der Ferne. Vorbereitung auf den Gewerkschaftstag der IG Metall, auf dem die weltgrößte Einzelgewerkschaft ab dem 18. Oktober eine neue Führung wählen und das Arbeitsprogramm für die kommenden vier Jahre beschließen will.

Doch über gute Arbeit zu reden, fällt schwer an diesem Abend. Zu weit reicht der Schatten der VW-Affäre. Lug und Trug in Wolfsburg und Übersee beschädigen den Standort Deutschland – und setzen damit möglicherweise Tausende Jobs aufs Spiel. Die Autobranche ist das Herz der deutschen Industrie, jeder siebte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt von ihr ab. Deshalb sind die Sorgen groß in der IG-Metall-Zentrale an der Wilhelm-Leuschner-Straße. Was die Finanzkrise für die Banken war, könnte die VW-Affäre für die Industrie werden.

Ermittlungen gegen Winterkorn: Justizsache VW-Affäre

Ermittlungen gegen Winterkorn

Premium Justizsache VW-Affäre

Der zurückgetretene Volkswagen-Chef Martin Winterkorn war Held und Autokrat zugleich. Nun muss er sich wehren: gegen die Justiz – und auch gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber VW. Der könnte ihn in Regress nehmen.

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte hat das Gütesiegel „Made in Germany“ schwer beschädigt, fürchtet IG-Metall-Chef Detlef Wetzel. Er habe nicht für möglich gehalten, was sich in dem Konzern abgespielt habe, sagt der scheidende Gewerkschaftsvorsitzende. Volkswagen befinde sich in einer „extrem beunruhigenden Situation“, und es sei wahrscheinlich, dass die Krise auch auf das Auto als Produkt abfärbe. „Das ist etwas, was nie hätte passieren dürfen.“ Von ihrer nationalen Bedeutung her sei die VW-Affäre durchaus mit der Finanzkrise 2008/09 vergleichbar.

Mit Schuldzuweisungen hält sich der IG-Metall-Chef allerdings zurück. Es sei nun zunächst mal Sache der internen Ermittler und der Staatsanwaltschaft, die Verantwortlichkeiten zu klären. Eins sei aber auch ganz klar: „Es war sicher nicht die Putzfrau, die das verantwortet hat.“ Die Entscheidung, die Trickser-Software einzusetzen, sei von Leuten mit Macht und Einfluss getroffen worden.

Der VW-Abgasskandal - eine Chronik

Freitag, 18. September

Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren.

Samstag, 19. September

Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts der VW-Manipulationsvorwürfe ein Fahrverbot für Dieselautos. Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern noch stärker in Europa.

Sonntag, 20. September

Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung an. „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, teilte er mit und erklärt das Thema zur „höchsten Priorität“. Später räumt ein Konzernsprecher ein, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

Montag, 21. September

Volkswagen stoppt den Verkauf von Dieselwagen mit Vierzylinder-Motoren in den USA. Betroffen sind dort Modelle der Kernmarke VW und der Tochter Audi. Die Vorzugsaktie von VW bricht zeitweise um mehr als ein Fünftel ein. In den USA entschuldigt sich VW-Regionalchef Michael Horn: „Wir haben Mist gebaut.“

Dienstag, 22. September

Auch in Absatzmärkten außerhalb der USA gibt es Forderungen, Klarheit über das Ausmaß der Affäre zu schaffen. VW gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. In einem Video bittet Winterkorn um Entschuldigung.

Mittwoch, 23. September

Winterkorn tritt zurück. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt. Der Aufsichtsrat kündigt eine Entscheidung über die Nachfolge an.

Donnerstag, 24. September

Die Affäre bringt die gesamte Industrie in Bedrängnis. Vorwürfe werden laut, auch andere Hersteller könnten manipuliert haben. Viele dementieren das. Daneben gibt es etliche Personalspekulationen rund um VW. Medien berichten, Porsche-Chef Matthias Müller habe die besten Chancen, Winterkorn zu beerben.

Freitag, 25. September

Der VW-Aufsichtsrat wählt Matthias Müller zum neuen Konzernchef.

Montag, 28. September

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitet Ermittlungen ein.

Dienstag, 29. September

Volkswagen legt einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vor und will fünf Millionen Fahrzeuge der Kernmarke VW in die Werkstätten holen.

Mittwoch, 30. September

Das Präsidium des Aufsichtsrates tagt. Es schlägt vor, die im November geplante außerordentliche Aufsichtsratssitzung abzusagen. Trotz der Affäre soll der langjährige VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch weiterhin neuer Aufsichtsratsvorsitzender werden.

Die VW-Finanztochter verhängt einen Einstellungsstopp bis zum Jahresende, auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert.

Donnerstag, 1. Oktober

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig rudert zurück: Entgegen früheren Angaben führt sie kein formelles Verfahren gegen Winterkorn. Neuer VW-Finanzchef wird nach dem Wechsel von Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat der Leiter der Finanzsparte, Frank Witter.

Freitag, 2. Oktober

Der US-Kongress teilt mit, dass sich VW-Landeschef Michael Horn am 8. Oktober den Abgeordneten in einer Befragung stellen muss. Auf speziellen Internetseiten können Kunden von VW und Audi prüfen, ob ihr Wagen die Manipulations-Software verwendet.

Dienstag, 6. Oktober

Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für Jobs - laut Müller stellt die Abgas-Affäre aber bereits geplante Investitionen infrage.

Eine Mitverantwortung des Konzernbetriebsrats unter seinem mächtigen Vorsitzenden Bernd Osterloh weist Wetzel zurück: „Die Mitbestimmung nach dem VW-Gesetz bezieht sich nicht auf die Frage, welche Komponenten in einen Motor eingebaut werden.“ Natürlich müsse sich jeder an verantwortlicher Stelle fragen lassen, warum er von dem Skandal nicht früher erfahren habe. Aber wenn jemand mit krimineller Energie vorgehe, sei dem kaum beizukommen.

Zu lange seien Erfolge allein VW-Chef Martin Winterkorn gutgeschrieben und Misserfolge der Mitbestimmung angelastet worden. Bei dieser „Arbeitsteilung“ werde er nicht mitmachen, sagte der IG-Metall-Chef, der sein Amt beim Gewerkschaftstag an seinen Vize Jörg Hofmann abgeben will.

Kommentare (42)

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Frau Annette Bollmohr

29.09.2015, 13:16 Uhr

„Die Putzfrau war es nicht.“

Bestimmt nicht. Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her.

Herr Fritz Yoski

29.09.2015, 13:28 Uhr

Das einer kriminellen Vereinigung wie VW jetzt ordentlich eingeheizt wird finde ich gut. Allerdings sollte man es nicht nur bei VW belassen. Goldman-Sachs hat mit seinen gefaelschten Bilanzen (Stichwort Griechenland Rettung) Schaden in Hoehe von mehreren 100 Milliarden Euro angerichtet. Wenn die EU Justiz nicht solche Weicheier waeren dann waere GS schon laengst ein Verfahren von rund 500 Milliarden Euro ins Haus geflattert.
Egal ob in den USA oder Europa, kriminelle Firmen muessen brutalst moeglich verfolgt werden. Das Arbeitsplatz Argument zieht hier nicht. Arbeitsplaetze die bei kriminellen Firmen verloren gehen werden bei ehrlichen Firmen neu geschaffen. Ein Nullsummenspiel.
Hier ein Beispiel wie man in den USA mit solchen Kriminellen umspringt:
http://www.nytimes.com/aponline/2015/09/21/us/ap-us-salmonella-outbreak-sentencing.html?_r=0
Fuer verseuchte Erdnuesse kam der Manager 28 Jahre ins Gefaengnis. Das Beispiel sollte in Deutschland Schule machen.

Frau Annette Bollmohr

29.09.2015, 13:33 Uhr

Bezüglich der Meldungen über die bereits 2011 irgendwo in der Firmenhierarchie "versandeten" Warnung eines Technikers:

In solchen Fällen (wenn sie mit ihrer "Message" nicht durchdringen) müssen Mitarbeiter immer die Möglichkeit haben, sich direkt an den Mann an der Spitze zu wenden.

Und sei es über eine anonyme Whistleblower-Mailadresse wie die unter "VERTRAULICH" unten auf der HBO-Seite.

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