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19.11.2016

17:32 Uhr

VW-Chef Müller zu E-Mobilität

„Es mangelt an der Nachfrage“

Reichweite, Infrastruktur, Preis: Es gibt viele Gründe, warum der geplante Ausbau der E-Mobilität stockt. Doch VW-Chef Müller glaubt an die Kraft der neuen Antriebe. Und kritisiert die deutschen Autofahrer.

Der VW-Chef hat die Haltung deutscher Autofahrer zur E-Mobilität als inkonsequent kritisiert. AFP; Files; Francois Guillot

Matthias Müller

Der VW-Chef hat die Haltung deutscher Autofahrer zur E-Mobilität als inkonsequent kritisiert.

WolfsburgBeim Thema E-Mobilität verhalten sich die Autofahrer in Deutschland nach Ansicht von VW-Chef Matthias Müller inkonsequent. „Auf der einen Seite denken und handeln viele Deutsche im Alltag grün, wenn es aber um E-Mobilität geht, haben wir als Verbraucher spitze Finger. So ganz habe ich dieses paradoxe Phänomen noch nicht verstanden“, sagte Müller der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (F.A.S.). Er wies zudem Vorwürfe gegen die Branche zurück: „Die Autoindustrie hat da nichts verschlafen. Am Angebot mangelt es nicht, sondern an der Nachfrage.“

Müller zeigte sich aber zuversichtlich, dass schon in wenigen Jahren deutlich mehr Elektroautos gekauft werden. „Die Preise werden sinken, die Reichweite steigt, die Ladezeit wird kürzer – all die Punkte, die den Erfolg der E-Mobilität bisher behindert haben.“

E-Mobilität spielt auch im VW-„Zukunftspakt“, den Vorstand und Betriebsrat am Freitag vorgestellt hatten, eine zentrale Rolle. Der vom Dieselskandal schwer gebeutelte Autobauer solle „auch im Bereich Elektromobilität zum weltweit führenden Volumenhersteller“ werden, hieß es in einem internen Informationsschreiben an die Mitarbeiter.

Was der Zukunftspakt für die VW-Standorte bedeutet

Wolfsburg

Bis 2020 sollen am Stammsitz rund 1000 Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern entstehen. Der nächste Golf 8 für die USA soll in Wolfsburg gefertigt werden, außerdem ein SUV für die spanische Tochter Seat. In anderen Bereichen läuft die Fertigung bis 2022 aus – unter anderem beim Lenkstangenrohr und der Räderfertigung.

Kassel

Das größte Teilewerk des Konzerns soll im VW-Konzern das Leitwerk für den Elektro-Antriebsstrang werden – samt Entwicklungsaufgaben. Zudem sollen in Nordhessen auch mehr Ersatzteile gefertigt werden.

Salzgitter

Das Motorenwerk in Salzgitter gilt als einer der Verlierer aufkommender E-Antriebe. Der Standort soll daher die Federführung bei der Entwicklung von Batteriezelltechnologien erhalten und – soweit wirtschaftlich tragbar – auch die Serienfertigung der Zellen. Die Produktion von Hauptkomponenten für E-Motoren soll sich Salzgitter mit Kassel teilen.

Emden

Ab 2019 soll Emden ein viertes Modell bekommen, um die Auslastung des Werkes an der Küste zu sichern. Im Zuge der Abgasaffäre hatte VW im März angekündigt, die Verträge von 2150 Leiharbeitern nicht zu verlängern.

Hannover

Die Gießerei und der Bereich Wärmetauscher standen auf dem Prüfstand, bleiben aber erhalten und sollen auch Komponenten für die E-Antriebe der Zukunft liefern. Zudem wird in der Gießerei der 3D-Druck von Teilen angesiedelt. In beiden Bereichen fallen jedoch Stellen weg.

Braunschweig

Das Werk bekommt die Entwicklung für Batteriesysteme in den Produktionsbaukästen des Konzerns sowie die Montage von einigen Batterien. Zudem soll die Produktion von Lenkungen ausgebaut werden. Die Kunststofffertigung wird dagegen bis 2021 eingestellt, auch Fahrwerke werden wohl Arbeit verlieren.

Zwickau

Neue Golf-Modelle sollen auch weiter in Zwickau gebaut werden, zudem soll das Werk ein Elektromodell erhalten. Dennoch wird die Zahl der Beschäftigten sinken.

Müller wehrte sich erneut gegen Kritik, dass der Konzern Autobesitzer in Europa im Zuge des Dieselskandals nicht entschädige - anders als in den USA. Die Situation könne man „nicht über einen Kamm scheren“, sagte der Manager. „Den Kunden in Europa entsteht ja kein Nachteil, weder beim Verbrauch noch bei den Fahreigenschaften.“ Sowohl „die rechtlichen als auch die regulatorischen Umstände“ seien in den USA komplett anders. „Emotional“ könne er den Ärger von Kunden und Verbraucherschützern aber nachvollziehen.

Der VW-Chef verteidigte zudem den Abbau von Zehntausenden Stellen im Rahmen des „Zukunftspakts“. „Der Volkswagen-Konzern, insbesondere die Marke VW, hat Fett angesetzt in den Erfolgsjahren. Deshalb braucht es eine Schlankheitskur, die nehmen wir jetzt in Angriff.“ Vorstand und Betriebsrat hatten sich auf einen sozialverträglichen Abbau ohne betriebsbedingte Kündigungen geeinigt. Weltweit sollen 30 000 Stellen gestrichen werden, davon bis zu 23 000 in Deutschland. Da auch 9000 neue Jobs entstehen sollen, geht es unter dem Strich um 14 000 Arbeitsplätze, die wegfallen.

Unterstützung kam von VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche. „Es haben alle gewusst, dass etwas passieren muss“, sagte der VW-Großeigner dem Branchenblatt „Automobilwoche“. „Eine Marke, die kein Geld verdient, ist auf Dauer kein attraktiver Arbeitgeber.“

Auch neue Arbeitszeitmodelle sind Teil des „Zukunftspaktes“. Unter anderem steigt die wöchentliche Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden. Markenvorstand Herbert Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh hatten wochenlang heftig um den Kompromiss gerungen.

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Unterdessen kommt es in der Eigner-Familie Porsche zu einem Generationenwechsel. VW-Aufsichtsrat Hans-Peter Porsche übertrug sein Vermögen und auch seine Anteile an seinen Sohn Daniell, wie dieser der „F.A.S.“ sagte. Die Dividenden würden geteilt: „Mein Vater erhält zwei Drittel, ich ein Drittel.“ Daniell Porsche will zudem eine Rolle im VW-Aufsichtsrat spielen. „Ich stelle mich zur Verfügung“, sagte der Urenkel von VW-Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche.

Von

dpa

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