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26.07.2017

11:15 Uhr

VW, Daimler, BMW

Hinweise auf Autokartell als „Beifang“

VonMartin Wocher

Im vergangenen Jahr machten Fahnder des Bundeskartellamts Razzien bei sechs Autoherstellern und Zulieferern. Der Verdacht: Preisabsprachen beim Einkauf von Stahl. Doch der Fall wurde viel größer als angenommen.

Krisensitzung der Autobauer

Illegale Absprachen bei VW? Das Kartellamt ist alarmiert

Krisensitzung der Autobauer: Illegale Absprachen bei VW? Das Kartellamt ist alarmiert

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Razzien des Bundeskartellamts gehören zu den Erfahrungen, die Unternehmen möglichst meiden wollen. Sie sorgen für schlechte Presse, rücken die Firmen in ein dubioses Licht und am Ende drohen saftige Strafen, sollten den Managern wirklich unerlaubte Absprachen nachgewiesen werden. Dieses maue Gefühl dürfte auch die sechs Autohersteller und deren Zulieferer beschlichen haben, als die Beamten der Bonner Behörde, der Polizei und des Landeskriminalamtes am 23. Juni des vergangenen Jahres zahlreiche Firmenräume durchsuchten. Es ging um unerlaubte Absprachen beim Einkauf von Stahl – dem wichtigsten Werkstoff für die Autobranche. Ziel der Razzien war es, entsprechende Beweismittel sicherzustellen.

Die Ermittlungen dazu dauern an. Wie lange noch, konnte ein Sprecher des Bundeskartellamts auf Anfrage nicht sagen: „Manchmal reicht ein halbes Jahr, im Schnitt sind es aber zwei bis drei Jahre.“ Zu mehr wollte er sich nicht äußern. „Details laufender Verfahren können wir nicht kommentieren.“ Doch welch Überraschung: Im Zuge der Ermittlungen wurde die Behörde noch in anderer Hinsicht fündig – und stieß wohl auf belastendes Material gegen die deutschen Autohersteller.

Zwar führen die Wettbewerbshüter nach eigener Aussage kein Verfahren zu möglichen Absprachen im technischen Bereich, es lägen der Behörde wie der Europäischen Kommission aber „Informationen in diesem Bereich vor“, heißt es in einer Mitteilung. Mittlerweile haben VW und auch Daimler den Ermittlern mitgeteilt, inwiefern sie an Arbeitskreisen teilgenommen haben, um sich über die Technik ihrer Fahrzeuge sowie über Kosten, Zulieferer, Märkte und Strategien abzusprechen. Das könnte als mögliches Kartell gewertet werden.

So wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland

Umsatz

Gemessen am Umsatz ist die Autobranche der mit Abstand bedeutendste Industriezweig in Deutschland: Die Unternehmen erwirtschafteten 2016 einen Umsatz von mehr als 405 Milliarden Euro. Das entspricht rund 23 Prozent des gesamten Industrieumsatzes.

Unternehmen

Mittelständisch geprägte Zulieferer sind für den Großteil der Wertschöpfung – etwa 70 Prozent – verantwortlich. Insgesamt werden mehr als 1300 Unternehmen der Branche zugerechnet.

Beschäftigte

Die Autounternehmen zählen in Deutschland direkt mehr als 800.000 Mitarbeiter. Indirekt sind es viel mehr, da für die Fahrzeugfertigung viele Teile, Komponenten und Rohstoffe zugekauft werden.

Abhängig von Autokonjunktur

Viele Beschäftigte in der chemischen Industrie, der Textilindustrie, bei Maschinenbauern sowie in der Elektro-, Stahl- und Aluminiumindustrie sind abhängig von der Autokonjunktur. Auch Autohändler, Werkstätten und Tankstellen sowie weitere Dienstleister – etwa Versicherer – zählen dazu.

Exporte

Fahrzeuge sind der größte deutsche Exportschlager. Mehr als drei Viertel der in Deutschland hergestellten Pkw werden exportiert: 2016 waren es gut 4,4 Millionen.

Auslandsumsatz

Die Ausfuhren von Kraftwagen und Kraftwagenteilen summierten sich 2016 auf mehr als 228 Milliarden Euro. Das entspricht fast einem Fünftel der gesamten deutschen Exporte. Ein Großteil des Auslandsumsatzes wird in den EU-Ländern erwirtschaftet.

Forschung

Weltweit investierte die deutsche Autoindustrie zuletzt fast 39 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (FuE). In Deutschland sind es knapp 22 Milliarden Euro, was mehr als ein Drittel der gesamten Ausgaben der heimischen Wirtschaft für Forschung und Entwicklung entspricht.

Mitarbeiter und Patente

Mehr als 110.000 Mitarbeiter sind in den Entwicklungsabteilungen beschäftigt. Von den weltweit 3000 Patenten zum autonomen Fahren entfallen etwa 58 Prozent auf deutsche Firmen.

Dass die Ermittlungen im Umfeld der Stahlindustrie ihren Anfang nahmen, ist kein Zufall: Kaum eine andere Branche ist in der Vergangenheit so häufig mit Kartellverfahren überzogen worden wie Thyssen-Krupp & Co. Wegen Kungeleien etwa bei Draht, Bau- oder Edelstahl hatten Behörden Ermittlungen eingeleitet und zum Teil hohe Strafen ausgesprochen. Kaum ein Hersteller war davon verschont geblieben.

Ort der Absprachen zu Stahlpreisen soll Düsseldorf gewesen sein, wo die Wirtschaftsvereinigung Stahl sitzt. Ein Beteiligter berichtete damals dem Handelsblatt, dass dort regelmäßig über Stahlpreise geredet worden sei – und zwar sogar mit den Stahlherstellern.

Dabei hätten sich die Vertreter der Unternehmen – darunter VW, Daimler, BMW, Bosch und ZF – nichts gedacht. Schließlich sei es nicht um die Preise direkt gegangen, sondern um Aufschläge für bestimmte Beimischungen in den Stählen wie Nickel, Schrott oder Chrom, deren Preise zum Teil gewaltig schwanken – manchmal um bis zu 50 Prozent. Mit Zuschlägen versuchen die Stahlhersteller, diese Schwankungen abzusichern.

Illegales wollen die Unternehmen dabei nicht im Sinn gehabt haben. Es sei ja nur allgemein über die Preisentwicklung geredet worden, sagte ein Vertreter eines betroffenen Unternehmens. Ein Einkäufer eines Automobilherstellers bestätigte, dass über die Kosten für Stahl gesprochen wurde. Dies sei regelmäßig geschehen. „Es wird ja immer viel geredet“, heißt es aus einem Stahlkonzern. „Man wundert sich manchmal schon, wie gut Autohersteller darüber informiert sind, zu welchen Preisen ihre Konkurrenz gerade abgeschlossen hat.“

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Ohne Absicherung ging dieser Plausch unter Käufern und Verkäufern aber nicht vonstatten: Zumindest einige der Firmen holten nach Informationen des Handelsblatts Einschätzungen bei den Hausjuristen ein. Diese hätten bestätigt, dass die Gespräche unbedenklich seien.

Außerdem, so betont ein Akteur, seien die Preise für diese Zuschläge im Internet für jeden einsehbar. „Für alle Seiten gab es damit volle Transparenz", sagte er damals dem Handelsblatt. Damit sei es fraglich, wie dies als Kartell gewertet werden könnte. Das Bundeskartellamt wird irgendwann zu seiner Bewertung kommen. Aber vielleicht waren die im Zuge der Razzien gefundenen Informationen ja noch viel wertvoller.

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Kommentare (4)

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Herr Clemens Keil

26.07.2017, 11:44 Uhr

In Anbetracht der weit verbreiteten Schummelei von Unternehmen zu Lasten von Verbrauchern sind schärfere Gesetze sowie eine Verbesserung der Verbraucherrechte längst überfällig. Die von der SPD vorgeschlagenen Instrumente wie Musterfeststellungsklagen bzw. Sammelklagen und andere wurden von der Union rigoros abgelehnt.
Die Union setzt eben Unternehmensinteressen vor Verbraucherinteressen!
Damit leistet die Union der Wirtschaft aber einen Bärendienst: die mangelhaften Verbraucherschutzrechte verleiten manche Unternehmen zu Schummeleien, die, wenn sie wie jetzt bei der Autoindustrie ans Licht kommen, zudem Millionen Arbeitsplätze gefährden. Müßte man unser Land nicht vor solchen zwielichtigen Unternehmenslenkern schützen? Was wären dann die richtigen Instrumente, wenn offensichtlich auch die Kapitalseite, d.h. die Aufsichtsräte, versagen?
Hatte die Union in ihrem Wahlprogramm nicht mehr Arbeitsplätze und Vollbeschäftigung (wenn auch erst für 2025) versprochen? Alles Schall und Rauch?
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Herr Clemens Keil

26.07.2017, 11:45 Uhr

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Herr Franz Giegl

26.07.2017, 11:50 Uhr

es gibt "geheime" Kartelle und Preisabsprachen der riesigen Konzerne?

ich falle gerade aus allen Wolken, dass kann doch nicht wahr sein. Damit habe ich ja niemals nie gerechnet. Für mich stellt sich gerade die ganze Welt auf den Kopf. Wahnsinn.

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