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12.10.2015

19:48 Uhr

VW-Dieselautos in den USA

Widerwilliger Eintausch

VonThomas Jahn

Nicht die Umweltverträglichkeit, sondern vor allem die Sparsamkeit begeistert die US-Besitzer von VW-Dieselfahrzeugen. Einem Rückruf sehen sie mit gemischten Gefühlen entgegen. VW könnte sich damit nun Zeit lassen.

Die kleine Diesel-Clique in den USA sorgt sich um ihren Verbrauchsvorteil. dpa

Frust bei Diesel-Fans in den USA

Die kleine Diesel-Clique in den USA sorgt sich um ihren Verbrauchsvorteil.

New YorkKeine Frage: Die amerikanischen Fahrer eines VW-Diesels sind sauer. „Ich kann es nicht glauben“, sagte Marcia Mallow. „Sehr enttäuscht“, schreibt Tony TDI im Forum „Volkswagen Owner Club“. Dort lassen sie über Dieselgate aus, die Enthüllungen um die Manipulations-Software von Volkswagen. Das Programm schaltet den Motor im Normalgebrauch um, mit Folgen: Der Ausstoß von Stickstoffoxid geht durch die Decke, dafür hält sich aber der Kraftstoffverbrauch in Grenzen.

Der Zorn stammt nicht nur aus einem schlechten Ökogewissen. Viele Besitzer sorgen sich um den sparsamen Verbrauch, der verloren gehen könnte. Das führt zu einer überraschenden Sache: Ein Rückruf stößt auf wenig Begeisterung. „Mein Problem ist, dass ich 65 Kilometer von meiner Arbeit wohne und das Auto vor allem wegen dem niedrigen Verbrauch kaufte“, schrieb TN Horse auf dem VW-Besitzerforum, der einen Passat TDI Baujahr 2015 fährt. „Wenn der Widerruf das ändert, bin ich wütend“.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Die Fahrer von VW-Diesels sind ein eingeschworener Haufen. Es gibt nur wenige von ihnen in Amerika, sie fühlten sich als Trendsetter. Genau 482.000 Passats, Jettas und Golfs aus den Baujahren 2009 bis 2015 verkaufte Volkswagen mit einem Dieselmotor in den USA. Ein winziger Anteil von den 258 Millionen Autos, die auf den Straßen von Amerika unterwegs sind.

Dieselfahrzeuge sind nicht einfach an den Amerikaner zu bekommen. Anders als in Deutschland sind sie kaum in den USA vertreten, nicht zuletzt weil Diesel an der Tankstelle deutlich mehr als Benzin kostet. Dazu kosten die Fahrzeuge mehr, was viele abschreckt – auch wenn sich Diesel durch einen 25 bis 40 Prozent geringeren Verbrauch gegenüber Benzinern langfristig rentieren.

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40 Milliarden könnte VW der Abgasskandal an Strafen und Schadensersatzforderungen kosten. Um die Krise zu meistern, müssen nicht nur Beschäftigte Federn lassen. Auch bei den Zulieferern sollen Milliarden eingespart werden.

Vor allem Volkswagen feierte in den vergangenen Jahren einige Erfolge und ist stark in dem kleinen Marktsegment vertreten. Die „Clean Diesel“-Werbung schlug ein. Für ein großes Echo sorgte beispielsweise der Werbespot mit zwei Freunden, die mit einem Passat TDI auf Reise gehen und eine CD zum Spanischlernen auflegen. Als sie nach 13 Stunden zum ersten Mal an einer Tankstelle anhalten, beschwert sich der Mitfahrer im perfekten Spanisch über mangelnde Musik auf der 1280 Kilometer langen Strecke. Reichweite ist ein große Plus in den USA: „Amerikaner wollen so wenig wie möglich aus dem Auto steigen“, sagte Rainer Michel, der frühere Produktchef von Volkswagen Amerika 2013 im Interview mit dem Handelsblatt.

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