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13.10.2015

14:22 Uhr

VW-Führung in der Krise

„Voller Eitelkeit und restlosem Realitätsverlust“

VonBert Fröndhoff

Manuel Theisen hält das Führungssystem bei VW für katastrophal. Der renommierte Experte für Corporate Governance fordert im Interview den sofortigen Rückzug von Martin Winterkorn aus allen Gremien – auch beim FC Bayern.

Der ehemalige Volkswagen-Chef führt weiterhin die Porsche-Holding und den Aufsichtsrat von Audi. dpa

Martin Winterkorn

Der ehemalige Volkswagen-Chef führt weiterhin die Porsche-Holding und den Aufsichtsrat von Audi.

DüsseldorfManuel Theisen ist einer der profiliertesten deutschen Experten für gute Unternehmensführung (Corporate Governance). Der BWL-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München nimmt bei der Bewertung der Führungskultur deutscher Unternehmen kein Blatt vor den Mund. Auch in der Frage, ob Martin Winterkorn weiterhin noch wichtige Posten im VW-Reich besetzen darf, findet er eindeutige Worte.

Herr Theisen, Martin Winterkorn ist bislang auf vielen Positionen innerhalb des VW-Konzerns im Amt geblieben, etwas als Aufsichtsrats-Chef von Tochtergesellschaften oder als Chef der Holding Porsche SE. Jetzt soll er alle Posten bei Volkswagen aufgeben, so die Forderungen. Käme ein solcher Schritt nicht viel zu spät?

Der BWL-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist Experte für gute Unternehmensführung und Herausgeber der Fachzeitschrift „Der Aufsichtsrat“. Pressefoto

Manuel Theisen

Der BWL-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist Experte für gute Unternehmensführung und Herausgeber der Fachzeitschrift „Der Aufsichtsrat“.

Es ist nicht nachvollziehbar, warum Herr Winterkorn nicht sofort und bezogen auf alle VW-bedingten beziehungsweise – bezogenen Mandate alle seine Ämter ohne Wenn und Aber niedergelegt hat. Alle diese Mandate sind erstens allein durch die Position als Vorstandsvorsitzender bedingt und begründet und zudem nur als Verbund sinnstiftend. Zudem ist der Familienkonzern so verflochten, dass verschiedenen Hierarchieebenen mit denselben Managern, auch Winterkorn, besetzt sind, um möglichst effizient durchregieren zu können.

Was aus Sicht der Mehrheitseigner doch sinnvoll ist.
Sicher, aber im Rücktrittsfall wird das eine einzige Katastrophe, denn mit einem Rücktritt werden dann auch entsprechend alle weiteren verbundenen Positionen frei. Das ist jedenfalls der Zusammenhang. Ansonsten könnte Winterkorn sogar den eigenen Nachfolger Müller über ein Mandat in der Porsche-Holding „kontrollieren“. Eine perverse Idee.

VW-Sparvorschläge

Die fiktive Sparliste

Volkswagen steht mit der Bewältigung des Abgasskandals vor der größten Bewährungsprobe seit dem Wiederaufbau des Wolfsburger Werkes nach dem Jahr 1945. Die finanziellen Belastungen für Bußgelder und Schadensersatz könnten sich auf bis zu 40 Milliarden Euro belaufen, meinen Brancheninsider. Es könnte aber auch doppelt so teuer werden. Daher stehen einige liebgewonnene Posten des Konzerns auf dem Prüfstand. Das ist die fiktive Sparliste.

Das Marketing: Die Party ist vorbei

Feierlichkeiten waren bei Volkswagen bislang vom Allerfeinsten: Auf der Bühne standen gerne mal Robbie Williams, Lenny Kravitz, Mark Knopfler, Lang Lang oder die Pet Shop Boys. Und im Publikum tummelten sich Hollywood-Hüne Ralf Möller oder Sport-Ikonen wie Günter Netzer und Hans-Joachim Stuck. Die Musik für die üppigen Inszenierungen kam von Produzent Leslie Mandoki. Und der Kabarettist Django Asül sorgte für gute Laune. All das wird künftig genauso wenig passend erscheinen wie die Konzernabende im Vorfeld großer Automessen. Weit über tausend Gästen wurde dabei stets ein anderthalbstündiges Happening mit Licht und Showeffekten präsentiert, in dem alle Marken des Konzerns ihre Innovationen präsentierten. Kein anderer Hersteller betreibt nur annähernd einen solchen Aufwand der Selbstinszenierung. So kann Volkswagen auch getrost darauf verzichten. Genauso wie auf die Mini-Autoshows zur Hauptversammlung und zur Bilanzpressekonferenz. Eine zweite Halle im Stil einer Mini-IAA wird angesichts der Sparzwänge sicher kein Aktionär oder Journalist vermissen.

Die Gehälter: Das große und kleine Leiden

Der Aufschrei kam prompt: Die zu erwartenden Einschnitte dürfen nicht zulasten des kleinen Mannes gehen. Dass der kleine wie der große Mann bei Volkswagen künftig weniger in der Tasche haben wird, ist jedoch realistisch. Auffallen wird dies bei den Vorständen, die zuletzt ein Festgehalt zwischen einer und zwei Millionen Euro pro Jahr hatten. Durch eine einjährige variable Vergütung, eine mehrjährige variable Vergütung und eine Vergütung über vier Jahre kam Ex-Chef Martin Winterkorn im vergangenen Jahr sogar auf ein Gesamtsalär von 15,8 Millionen Euro. Andere Mitglieder im Vorstand verdienten um die sieben Millionen Euro. Bei allen dürfte in diesem Jahr mangels Erfolg weit weniger herauskommen. Aber auch das Gros der Belegschaft wird leiden müssen. Eine Ergebnisbeteiligung von 5 900 Euro bekam jeder Mitarbeiter für das vergangene Jahr bei der Marke VW, dazu zwölf Gehälter und ein kleines Urlaubsgeld. Da das Ergebnis schrumpfen wird, sinkt auch die Ergebnisbeteiligung. Die 1 545 Euro, die es immer im November quasi als Weihnachtsgeld gibt, sollen jedoch gezahlt werden.

Das Sponsoring: Der Werksclub steht auf dem Prüfstand

Beim Pokalfinale 2015 demonstrierte der Volkswagen-Konzern seine ganze Fußballmacht: Nicht nur, weil der Werksklub VfL Wolfsburg am Ende den Titel gewann, sondern auch weil selbst der Gegner Borussia Dortmund mit einem VW-Logo auf dem Ärmel auflaufen musste. Der Konzern ist nämlich auch Sponsor des gesamten Wettbewerbs. Mit dem Ausbruch des Abgasskandals soll das Pokal-Sponsoring nun auf den Prüfstand gestellt werden. Beim Werksklub VfL Wolfsburg soll nicht zu stark gespart werden. Für die Bundesliga ist das Volkswagen-Desaster indes ein Problem. Immerhin unterstützt der Konzern 21 von 36 Bundesligavereinen. Am VfL Wolfsburg, dem FC Bayern und dem FC Ingolstadt ist Volkswagen sogar direkt beteiligt. Wie stark der Sparkurs ausfallen wird, ist allerdings noch nicht klar. Die Verträge, die unter dem zurückgetretenen VW-Chef Martin Winterkorn geschlossen wurden, sind unabhängig von der Krise weiterhin gültig.

Die Modelle: Das Ende der Ladenhüter

Der kleine, sportliche Zweisitzer Eos war das erste Opfer – schon vor dem Abgasskandal. Weil er nicht den nötigen Erfolg beim Kunden hatte, wurde er aus dem Programm genommen. Die Luxuslimousine Phaeton könnte es als nächstes treffen. Die für Ende kommenden Jahres geplante Neuauflage ist mehr als fraglich. Das sind aber nicht die einzigen Nischenmodelle, bei denen ein hoher Aufwand nicht mit den Verkaufszahlen korreliert. Das Sportcoupé Scirocco hatte Volkswagen nach 16 Jahren Pause 2008 wieder aufgelegt. Die Verkaufszahlen blieben mit etwa jeweils 23.500 Stück in den vergangenen beiden Jahren jedoch überschaubar. Deutlich mehr, nämlich mehr als 90.000 Stück, wurden zuletzt vom Beetle verkauft, einer Reminiszenz an den kultigen Käfer. Kult sollte auch der Beetle wieder sein. Schließlich war es auch BMW gelungen, den Mini mit einem neuen Konzept zu reaktivieren. Doch verkauft der sich mehr als 300.000 Mal pro Jahr.

Welches Licht wirft dies auf das Unternehmen und die Unternehmensführung? Viele werfen VW auch im personellen Neuanfang eine Art „Scheibchentaktik“ vor.
Von „guter Unternehmensführung“ beziehungsweise den damit verbundenen Forderungen an eine ordentliche Führungs- und Überwachungsstruktur ist VW ja offensichtlich so weit entfernt wie der Mond von der Erde. Ich würde noch nicht einmal von einer (kalkulierten) „Scheibchentaktik“ ausgehen, denn da müsste ja zumindest ein planvolles Vorgehen unterstellt werden. Nein, dieser Riesenkonzern ist ein Lehrbuchbeispiel für einen vollkommen personen- beziehungsweise eignerkonzentrierten monokratischen Führungsstil, dessen Funktionieren nur auf der Macht weniger basiert. Oder wie ich schon vor Jahren im Handelsblatt sagte: „Piëch führt den Laden wie seine eigene Würstchenbude.“

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Ein sofortiger Rücktritt Winterkorns von allen Positionen hätte aber dazu geführt, dass der neue VW-Chef Matthias Müller zumindest in einige dieser Positionen nachrücken müsste. Der aber hat derzeit an der VW-Spitze genug Arbeit. Mit Blick darauf wäre ein schrittweiser und länger angelegter Rückzug Winterkorns doch vertretbar?
Wie schon angesprochen, die mangelnde „Qualität“ des Führungssystems zeigt sich eben besonders in der Krise. Selbstverständlich wäre eine weitere Vernetzung sinnstiftend, wenn das System eingespielt ist. Jetzt ist jeder, nicht nur der Nachfolger Müller, weit überfordert, dieses Machtvakuum aus dem Stand zu füllen. Dennoch kann momentan meines Erachtens eine Vielheit von Führungspersönlichkeiten kaum helfen. Die konzentrierte Macht muss wohl eher Stück für Stück und Position für Position auf mehrerer fähige (vor allem auch externe) Führungspersönlichkeiten verteilt werden, die durch den neuen Vorstandsvorsitzenden dann zu koordinieren und zu leiten sein werden.

Kommentare (56)

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Herr Fritz Yoski

13.10.2015, 14:49 Uhr

„Voller Eitelkeit und restlosem Realitätsverlust“
Das trifft aber inzwischen auf saemtliche (deutschen) Eliten zu. Ob Winterkorn, Merkel, Gabriel, vd Leyen, oder die Kasper bei BER. die seit Jahren erfolglos versuchen einen Flughafen zu bauen.
Wenn der Winterkorn sich weniger fuer Fussball und mehr fuer Diesel Technik interessiert haette stuende der Konzern heute wesentlich besser dar. aber bei 16 Millionen Gehalt ist das wohl zu viel verlangt.

Herr Marcus T.

13.10.2015, 14:49 Uhr

„Voller Eitelkeit und restlosem Realitätsverlust“
Dann sollte sich die VW-Führung schnellstens um Posten in der Bundesregierung bemühen, dort ist solches Führungspersonal per Dekret von ganz oben (Gauck/Merkel) gesucht.

Herr Fred Meisenkaiser

13.10.2015, 14:59 Uhr

"Manuel Theisen hält das Führungssystem bei VW für katastrophal"
Man sollte vorsichtig bei den sog. Experten wie diesem H. Theisen sein. Immerhin ist VW der größte Autokonzern der Welt. Un dkaum gibt es Probleme, kommen sie selbsternannten Experten aus ihren Löchern gekrochen. Oft sind es Theoretiker, die nie im Leben richtig gearbeitet haben.
Wenn es dann noch Verfechter der neoliberalen Irrlehren sind sollte manderen Kommentare in den Müll geben. Wenn man sich die Wirtschaft der USA ansieht, so wird dort künftig mehr Diskussionsbedarf bestehen.

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