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17.11.2015

14:26 Uhr

VW-Gebrauchte und Dieselgate

Schummel-Diesel sind keine Schnäppchen

VonLukas Bay

Noch ist unklar, ob und wie manipulierte Diesel-Fahrzeuge von VW repariert werden können. Ihre Preise auf dem deutschen Gebrauchtwagenmarkt sind jedoch überraschend stabil. Dafür sind auch die Händler verantwortlich.

"Corpus delicti" unter der Haube - dieser VW-Diesel soll manipuliert worden sein. Gebrauchtwagenkäufer kümmert das bisher nicht. dpa

VW-Motor EA189

"Corpus delicti" unter der Haube - dieser VW-Diesel soll manipuliert worden sein. Gebrauchtwagenkäufer kümmert das bisher nicht.

DüsseldorfDie Angst der VW-Besitzer kam mit den ersten Meldungen über manipulierte Abgaswert: „Was ist mein Diesel jetzt noch wert?“, fragten sich viele Kunden. Nun liegen erstmals valide Daten über den Wiederverkaufswert der betroffenen Diesel-Modelle vor. Sie dürften zumindest kurzfristig für Erleichterung sorgen.

Denn laut der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) sind bisher keine negativen Auswirkungen der Manipulationen auf die Preise der gebrauchten VW-Modelle festzustellen. DAT wertet Millionen von Handelsdaten aus, um eine Bewertung von Gebrauchtwagen vorzunehmen. Sowohl bei den betroffenen VW-Baureihen als auch im Gesamtmarkt sei die Preisentwicklung sehr stabil, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. „Das heißt ganz klar, dass der Handel die betreffenden Gebrauchtfahrzeuge nicht mit außergewöhnlichen Nachlässen an Endverbraucher verkauft hat“, erklärt Jens Nietzschmann, Sprecher der DAT-Geschäftsführung.

Stickoxide und CO2

Stickoxide (NOx)

Gesundheitsschädliche Stickoxide wie etwa Stickstoffmonoxid und -dioxid kommen in der Natur nur in winzigen Mengen vor. Sie stammen vor allem aus Autos, aber auch aus Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Dieselmotoren stoßen viel mehr NOx aus als Benziner. Die Stoffe können Schleimhäute angreifen und so zu Husten, Atembeschwerden und Augenreizungen führen. Sie können auch Herz und Kreislauf beeinträchtigen. Pflanzen werden dreifach geschädigt: NOx sind giftig für Blätter, und sie überdüngen und versauern die Böden. Außerdem tragen Stickoxide zur Bildung von Feinstaub und bodennahem Ozon bei. Technisch lassen sie sich mit einem Drei-Wege-Katalysator von Benzinern in unschädlichen Stickstoff (N2) und Sauerstoff (O2) umwandeln. Es bleiben jedoch immer NOx-Reste übrig. Bei Dieselmotoren ist der Abbau von NOx bedeutend schwieriger – er gelingt etwa durch Einspritzung einer zusätzlichen Harnstoff-Lösung in den Abgasstrom.

NOx-Grenzwerte beim Auto

Der Grenzwert in Pkw-Abgasen für alle Stickoxide zusammen liegt in der EU bei 80 Milligramm pro gefahrenen Kilometer (mg/km) für Diesel- und bei 60 mg/km für Benzinmotoren. Der von der US-Umweltbehörde EPA geforderte Wert liegt im Schnitt bei umgerechnet 43,5 mg/km. Allerdings sind die US-Kontrollsysteme nicht einheitlich, und die Vorschriften können je nach US-Bundesstaat abweichen.

Kohlendioxid (CO2)

Es ist in nicht allzu großen Mengen unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Treibhausgas und zu 76 Prozent für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Der Straßenverkehr verursacht nach Angaben des Umweltbundesamts rund 17 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen in Deutschland - hier spielt CO2 die bei weitem größte Rolle. Es gibt zwar immer sparsamere Motoren, zugleich aber immer größere Autos mit mehr PS und mehr Lkw-Transporte. So ist der Treibhausgas-Ausstoß des Verkehrs von 1990 bis 2014 sogar um 0,6 Prozent gestiegen. Die Konferenz von Paris (30. November bis 11. Dezember) soll die Emissionen so verringern, dass sich die Erdatmosphäre um nicht mehr als zwei Grad aufheizt.

CO2-Grenzwerte beim Auto

In diesem Jahr müssen die Autohersteller in der EU bei ihrer Pkw-Flotte im Durchschnitt einen Grenzwert von 130 Gramm CO2 pro Kilometer erreichen. 2021 sind dann nur noch 95 g/km erlaubt. In den USA liegen diese Schwellen geringfügig höher: Die Vorgabe der Umweltbehörde EPA sieht für die im Jahr 2016 zugelassenen Fahrzeuge einen Grenzwert für Personenwagen von umgerechnet etwa 140 g/km vor. Bis 2025 sinkt der Durchschnittsgrenzwert auf rund 89 g/km.

Das Ergebnis der DAT ist bemerkenswert: Denn bisher ist noch völlig unklar, ob und wie die betroffenen VW-Modelle nachgerüstet werden. Während bei den betroffenen 2.0-Liter-Dieselmodellen ein Update reicht, müssen die 1,6-Liter-Modelle auch technisch umgebaut werden. Auch DAT betont, dass diverse Fragen, wie es mit den betroffenen Fahrzeugen weitergeht, noch ungeklärt seien. Derzeit überwiegt offenbar das Vertrauen der Kunden und Händler, dass die Wolfsburger eine zufriedenstellende technische Antwort auf den Skandal präsentieren können.

Auch wenn die offizielle Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) noch ausstehen, ist nach DAT-Angaben der Absatz der gebrauchten Volkswagen-Modelle mit dem manipulierten Motor EA189 leicht gesunken. Dies sei typisch für die Jahreszeit und noch kein Anzeichen für eine mangelnde Nachfrage, betonen die Experten. Eine mögliche Erklärung sei aber auch, dass Händler noch nicht bereit sind, die Fahrzeuge deutlich günstiger zu verkaufen – und das Auto derzeit lieber auf dem Hof stehen lassen.

Sollte VW den betroffenen Kunden ein lukratives Angebot für einen Rückkauf machen, könnte sich diese Strategie am Ende auszahlen. Ein Autohändler, der namentlich nicht genannt werden möchte, wird im Gespräch mit dem Handelsblatt deutlicher: „Einige Kunden verlangen wegen des Skandals deutliche Abschläge auf einen VW-Diesel. In solchen Fällen warten wir lieber.“

Ganz folgenlos bleibt der Dieselskandal für die Gebrauchtwagenhändler nicht. „Vor allem kleinere Händler berichten uns, dass sie in aktuellen Gesprächen mit ihren Banken Schwierigkeiten haben, die Wertstabilität ihres Gebrauchtfahrzeugbestandes belastbar zu belegen“, erklärt Nietzschmann. Insbesondere, wenn der Bestand an Gebrauchtwagen nicht über die konzerneigene Volkswagen Financial Services vorgenommen wurde.

Und auch beim Neuwagenabsatz macht sich der Skandal bemerkbar: Im europäischen Automarkt hatte VW nach den jüngsten Zahlen des Branchenverbandes Acea Marktanteile eingebüßt. Im Oktober schrumpfte der Absatz um 0,5 Prozent, vor allem weil die Konzernschwestern Skoda und Seat schlecht abschnitten.

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