Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.06.2016

19:38 Uhr

VW-Hauptversammlung

Aktionäre wettern gegen Führungsspitze

Tag der Abrechnung bei Volkswagen: Die erste Hauptversammlung in der Diesel-Krise wird für die Konzernführung der Wolfsburger zum Spießrutenlauf. Die Stimmung unter den Aktionären ist explosiv, das Ende noch offen.

VW-Hauptversammlung

Showdown bei VW: Führungsriege bittet Aktionäre um Treue

VW-Hauptversammlung: Showdown bei VW: Führungsriege bittet Aktionäre um Treue

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Hannover/WolfsburgKriminelle Energie, Vollkasko-Mentalität, Täter statt Opfer – schon die Wortwahl der ersten Redner auf der VW-Hauptversammlung zeigt unmissverständlich: die Stimmung unter den Aktionären ist vergiftet. Gleich der erste, Manfred Klein aus Saarbrücken, wird in seiner auf fünf Minuten begrenzten Redezeit deutlich: „Hier wurde ohne rot zu werden gelogen und betrogen“, brüllt er ins Mikrofon – er spricht von Dieselgate, dem Betrug bei Abgaswerten von Millionen Autos und der Aufklärung des Skandals.

„Was erdreisten Sie sich eigentlich?“ Nach wenigen Minuten wird ihm der Ton am Mikrofon abgedreht – er habe zu lange geredet. Auf den Monitoren in der Messehalle in Hannover können die Besucher nur noch seine hektischen Gesten sehen. Klein ist an diesem Mittwoch mit seiner Meinung nicht alleine.

Das zeigt sich bei der ersten Abstimmung. Die Inhaber Zehntausender Stammaktien fordern, VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch die Versammlungsleitung zu entziehen. Gegen die Macht der Großaktionäre, darunter vor allem die Familien Porsche und Piëch, haben sie zwar keine Chance. Aber ihr Ärger spiegelt die Stimmung im Saal. Die heile und erfolgsverwöhnte Volkswagen-Welt ist aus den Fugen geraten.

Entlastung für VW-Verantwortliche: Ein Stück aus dem Tollhaus

Entlastung für VW-Verantwortliche

Premium Ein Stück aus dem Tollhaus

In der Einladung zur Hauptversammlung rät VW seinen Aktionären, Aufsichtsrat und Vorstand zu entlasten. Doch warum sollen sie den Verantwortlichen die Absolution erteilen? Der Vorschlag zeugt von purer Ignoranz. Eine Analyse.

Mehr noch: Die ungeklärte Schuldfrage für die millionenfache Manipulation an Diesel-Motoren steckt auch mehr als neun Monate nach Bekanntwerden wie ein Stachel im Fleisch der Aktionäre. Immer wieder ist vom Konzernversagen die Rede. Pötsch selbst betonte bereits vor der Hauptversammlung, dass dem Unmut mit Demut begegnet werden müsse. Immerhin habe sich VW die Krise selbst eingebrockt.

Als einst zweitmächtigster Vorstand neben dem zurückgetretenen Vorstandschef Martin Winterkorn ist Pötsch für viele ein rotes Tuch. Dass die mächtigen Familien Porsche/Piëch, das Land Niedersachsen und der Wüstenstaat Katar Pötsch das Vertrauen aussprechen, ändert daran nichts. Reihenweise betonen die Redner, dass sie Pötsch nicht in den Aufsichtsrat wählen wollen. Die Nachwahl ist nötig, da Pötsch im Oktober nur per Gericht in das Kontrollgremium bestellt wurde.

Zu früh, sagen andere Kritiker, denn im Normalfall schreibt der Kodex für gute Unternehmensführung eine Pause von zwei Jahren vor – um Interessenskonflikte zu verhindern. Pötsch aber wechselte innerhalb von wenigen Stunden die Schreibtische. Aber nicht nur an der Person Pötsch scheiden sich an diesem Tag in Hannover die Geister.

Auch die für den späten Abend erwartete Entlastung des Vorstandes für das Krisenjahr 2015 darf als Seismograph für die Stimmung gelten. Bereits vor knapp vier Wochen hat der Aufsichtsrat empfohlen, die aktuellen Vorstände und auch die seit Diesel-Gate ausgeschiedenen Mitglieder wie Ex-Konzernchef Martin Winterkorn zu entlasten. Mit dem Vertrauensbeweis soll der Vorstand in der stürmischen See Rückenwind erhalten und der Markt beruhigt werden.

Motoren, Modelle und Marken im VW-Abgas-Skandal

Motoren

Laut VW ist der Dieselmotor mit der Bezeichnung EA 189 Kern des Problems. Er wurde bei etlichen Marken eingesetzt, erfüllt die EU-Abgasnorm Euro 5 und wird mit 1,2, 1,6 und 2,0 Litern Hubraum angeboten. Betroffen vom Stickoxid-Skandal sind die Baujahre 2009 bis 2014.

Der Rückruf läuft

Schon ab dem 29. Februar sollte eigentlich der Rückruf der großen 2,0-Liter-Antriebe mit Varianten des Passat und Audi A4 anlaufen, zuvor hatte die Aktion für den Pick-up Amarok begonnen. Für den A4 mit Schaltgetriebe gab es – ebenso wie für den A5 und Q5 sowie den Seat Exeo mit gleichem Motor – bereits die Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamts. Für Passat, CC und Eos liegt sie nun auch vor.

So geht es weiter

Zum kleinen 1,2-Liter-Motor hatte VW in einem Kundenbrief zunächst einen Beginn der Werkstatt-Aktionen ab dem 30. Mai angekündigt. Dieser Teil werde aber erst „verzögert anlaufen“, hieß es jetzt. Die mittelgroßen 1,6-Liter-Aggregate sollten laut bisheriger Planung ab dem 5. September zurück, dabei soll neben einem Software-Update ein Bauteil eingesetzt werden. In den USA sind auch 3,0-Liter-TDI-Autos unterwegs, die ein nach US-Recht verbotenes Programm enthalten.

Betroffene VW-Pkw

Bei der Kernmarke VW-Pkw sind unter anderem der Golf der sechsten Generation, der Passat der siebten Generation und der Tiguan der ersten Generation betroffen.

Betroffene Audi-Modelle

Die Software steckt auch in Modellen der Reihen A1, A3, A4 und A6 sowie Q3 und Q5 der Oberklasse-Tochter Audi.

Sonstige Modelle

Dieselmotoren, die bei Skoda und Seat verwendet wurden, fallen ebenfalls unter den Abgas-Skandal. Bei den leichten VW-Nutzfahrzeugen sind ältere Ausgaben des Caddy und Amarok betroffen. Die in den USA unzulässige Software der 3-Liter-Diesel findet sich im VW Touareg und Porsche Cayenne sowie in den Audi-Modellen Q5, Q7, A6, A7 und A8.

Marken

VW-Chef Matthias Müller gab im vergangenen Oktober an, dass weltweit rund 5 Millionen Autos der Hauptmarke VW-Pkw von der Affäre betroffen sind. Hinzu kommen etwa 2,1 Millionen Audis, 1,2 Millionen Skodas, 700.000 Seats sowie 1,8 Millionen leichte Nutzfahrzeuge.

Ob das so kommen wird, muss abgewartet werden. Immerhin sorgte Anfang der Woche eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig für Schlagzeilen: Nach einer Anzeige der Finanzaufsicht Bafin wegen möglicher Marktmanipulation ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Winterkorn und den amtierenden VW-Markenchef Herbert Diess. Die Bafin zweifelt daran, dass VW die Finanzwelt im September ordnungsgemäß über den Dieselskandal informiert hat.

Aus Sicht des Vorsitzenden der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker, ist eine Aufarbeitung der Krise mit den bisherigen internen Ermittlungen nicht möglich. Die VW-Aktie habe 50 Prozent eingebüßt, VW stehe vor einem Trümmerhaufen, betont Hocker. Deshalb müsse ein Sonderprüfer bei VW eingesetzt werden. Nur so könne etwa geklärt werden, wann der Vorstand Kenntnis von der Manipulation von Abgaswerten bei Dieselmotoren hatte.

An einer Sache werde aber auch die Aufklärung nichts ändern: „Den VW-Konzern, wie wir ihn vor dem 18. September kannten, wird es nicht mehr geben.“ Zumindest in diesem Punkt werden ihm auch Pötsch und der Vorstand nicht widersprechen.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×