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05.05.2015

14:38 Uhr

VW-Hauptversammlung

Der Piëch-Streit spaltet die Kleinaktionäre

VonLukas Bay

Auf der Hauptversammlung von Volkswagen fehlt der Patriarch. Unter den Kleinaktionären wird trotzdem lebhaft über den Abgang von Ferdinand Piëch diskutiert. Ein Stimmungsbericht.

Hitzige VW-Hauptversammlung

Wer kommt nach Piëch?

Hitzige VW-Hauptversammlung: Wer kommt nach Piëch?

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HannoverDie Unsicherheit ist spürbar, wenn man die Aktionäre auf der Volkswagen-Hauptversammlung fragt, wie sie die Personaldiskussionen um Konzernchef Martin Winterkorn erlebt haben. Auch wenn Patriarch Ferdinand Piëch selbst nicht nach Hannover gekommen ist, wird an fast allen Tischen diskutiert, wie es ohne ihn weitergeht. Viele ehemalige Mitarbeiter sind unter den Anteilseignern, die sich zwischen den Autos der zwölf Konzernmarken drängen.

Niemand will offen Kritik an Winterkorn üben. Aber Piëch, der jahrelange Patriarch, hat unter den Kleinaktionären immer noch einen hohen Rückhalt – trotz seines unrühmlichen Abgangs.

Als „sehr negativ“ hat Siegfried Heise die öffentliche Debatte erlebt. Der ehemalige Geschäftsführer einer Wärmepumpen-Firma ist privat an VW beteiligt. Er ist einer von vielen Kleinaktionären, die sich wünschen, dass nun Ruhe im Konzern einkehrt. Bisher habe das Tandem Winterkorn-Piëch gut funktioniert. „Nun ist Winterkorn alleine“, sagt Heise. Wie es in Zukunft weitergehen könnte, weiß er nicht.

VW-Hauptversammlung: „Wir hätten eine Klärung unter Männern erwartet“

VW-Hauptversammlung

„Wir hätten eine Klärung unter Männern erwartet“

Nach dem erbitterten Machtkampf und dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch versucht Volkswagen wieder Tritt im Alltag zu finden. Auf der Hauptversammlung gab es Lob für den abgetretenen Patriarchen.

„Wir waren sehr gespannt, was uns heute erwartet“, sagt auch Helga Boog. Sie ist mit ihrem Mann Hartmut nach Hannover gekommen, einem VW-Pensionär. Das Ehepaar erwartet Antworten, welche Motive den Konzernpatriarchen angetrieben haben, als er den offenen Angriff auf den Vorstandsvorsitzenden startete. Sie begrüßen zwar, dass die Familie mit den Nichten von Ferdinand Piëch weiterhin stark im Aufsichtsrat vertreten sein wird. Doch für den Aufsichtsratsvorsitz wünscht sich das Ehepaar einen externen Kandidaten: Wolfgang Reitzle. Den erfahrenen Manager hatte auch Piëch selbst für seine Nachfolge ins Gespräch gebracht.

Ohnehin machen sich die Kleinaktionäre große Sorgen, dass Piëch im Nachhinein zurückschlagen könnte – und seine Anteile am Autobauer verkauft. „Mir hat es nicht gefallen, wie man Piëch rausgemobbt hat“, sagt Jürgen Spicher. Auch er hat 35 Jahre für Volkswagen gearbeitet – viele Jahre unter der Führung von Piëch und lobt dessen Verdienste. Darum glaubt er auch nicht daran, dass Winterkorn tatsächlich mit längerem Vertrag ausgestattet wird. „Möglich, dass er dann sogar ganz von der Bildfläche verschwindet", sagt Spicher

Doch auch Winterkorns Verdienste werden von kaum einem Anteilseigner in Frage gestellt, den man auf der Hauptversammlung auf die Personaldebatte anspricht. Der Streit spaltet den Kleinaktionär.

Die Mängelliste des Volkswagen-Konzerns

Enormes Tempo

Volkswagen ist unter Konzernchef Martin Winterkorn rasant gewachsen. Seit der Schwabe 2007 das Steuer bei den Wolfsburgern übernahm, wurden der Sportwagenbauer Porsche, die beiden Lkw-Bauer MAN und Scania sowie der Motorradhersteller Ducati in das Imperium eingegliedert. Der Absatz des weltumspannenden Autokonzerns mit inzwischen zwölf Marken kletterte um zwei Drittel auf mehr als zehn Millionen Fahrzeuge. Der Umsatz stieg erstmals über 200 Milliarden Euro, für VW arbeiten nahezu 600.000 Menschen, fast doppelt so viele wie vor sieben Jahren. Bei dem enormen Tempo von VW haben sich allerdings auch zahlreiche Risse aufgetan.

Schwache Rendite

Die Ertragskraft der Wolfsburger Kernmarke VW schwächelt, weil bei ihr ein Großteil der hohen Entwicklungskosten anfallen, von denen andere Marken wie Seat und Skoda profitieren. Vom Umsatz blieben im ersten Quartal 2015 magere zwei Prozent beim Betriebsgewinn hängen. Die Marke mit dem VW-Logo ächzt unter einer zu großen Zahl an Ausstattungsvarianten und Fahrzeugmodellen. Dadurch muss VW gegen hohe Kosten anverdienen, kann seine Wagen jedoch als Massenhersteller nur zu erschwinglichen Preisen verkaufen.

Auch die anderen Pkw-Marken schöpfen nach Meinung von Experten die Möglichkeiten nicht aus, die ein Konzern von der Größe Volkswagens bietet. Zwar profitieren die Wolfsburger bei den Kosten immer mehr von der Baukastentechnik, auf der nun auch der neue Passat und der Familienwagen Touran basieren. Doch tanzt nach Wahrnehmung des Betriebsrats noch so manche Marke bei der Gleichteilestrategie aus der Reihe. Betriebsratschef Bernd Osterloh glaubt, dass VW wesentlich mehr als die angekündigten fünf Milliarden einsparen könnte, wenn sich alle an die Vorgaben hielten. Insidern zufolge will VW über alle Marken hinweg zehn Milliarden Euro sparen.

Maues US-Geschäft

Auf dem wichtigen US-Markt fristet VW ein Nischendasein - obwohl die Wolfsburger in Chattanooga ein neues Werk errichtet haben. Die Aufholjagd ist ins Stocken geraten, bevor sie richtig angefangen hat. Denn der extra auf den Geschmack der Amerikaner abgestimmte US-Passat verkauft sich nur schleppend, weil die Konkurrenz ihre Modelle schneller erneuert. Zudem hat VW im Land der Straßenkreuzer und Geländewagen keine entsprechenden Modelle im Angebot. Das rächt sich jetzt, da die Spritpreise niedrig sind. Die von Winterkorn angekündigten großen SUV kommen erst 2016/2017. Bis dahin könnte VW jenseits des Atlantiks vollends ins Abseits geraten, fürchten Experten.

Zu stark in China

Auf dem weltgrößten Automarkt kann VW dagegen seine ganze Stärke ausspielen. In der Volksrepublik sind die Wolfsburger mit fast 40 Prozent Marktführer. Die Stärke kann sich jedoch schnell in ein Risiko verwandeln. Denn der chinesische Markt wächst bei weitem nicht mehr so rasant wie noch vor einigen Jahren. In den ersten Monaten 2015 sanken die Absätze der Kernmarke VW sogar.

Südamerika

In Südamerika, wo die Wolfsburger einst der Konkurrenz davon fuhren, schrumpft der Absatz seit einiger Zeit dramatisch, weil sich der VW zu lange auf dem Erfolg der vergangenen Jahre ausgeruht hat. Piëch soll dies neben anderen Themen im Aufsichtsrat offen angeprangert haben.

Schwerfällige Lkw-Allianz

Die vom mittlerweile als AR-Chef abgetretenen Ferdinand Piëch geforderte Allianz der beiden Lkw-Töchter MAN und Scania kommt nur schleppend in Gang. Am Montag beschloss der Aufsichtsrat die lang erwartete Gründung einer Holding für die beiden Lkw-Marken. Piëch hatte seit Jahren einen eigenen Lkw-Konzern schaffen wollen, um VW auf Augenhöhe mit Konkurrenten wie Daimler und Volvo zu bringen. Für mehr Bewegung soll nun der von Daimler zu VW gewechselte Lkw-Boss Andreas Renschler sorgen.

Keine Billigautos

Seit Jahren versuchen die Wolfsburger vergeblich, im Billigsegment Fuß zu fassen. Die Hoffnungen, dies zusammen mit Suzuki zu schaffen, sind geplatzt, weil sich der japanische Kleinwagenspezialist von VW dominiert sah. Aus der angestrebten Partnerschaft wurde ein Rosenkrieg. Währenddessen machen andere wie der französische Konkurrent Renault mit seiner Billigtocher Dacia das Geschäft. VW hat Insidern zufolge zuletzt mit dem chinesischen Hersteller Great Wall über eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung günstiger Autos gesprochen.

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