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22.06.2016

07:50 Uhr

VW-Hauptversammlung

Der schwere Gang in die Messehalle von Hannover

VonStefan Menzel

Eine Welle der Empörung schlägt dem VW-Konzern und seinen Top-Managern entgegen, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sorgen für zusätzliche Aufregung. Die VW-Hauptversammlung in Hannover dürfte unruhig werden.

VW-Hauptversammlung

Treffen der Top-Manager wird zum Scherbengericht

VW-Hauptversammlung: Treffen der Top-Manager wird zum Scherbengericht

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HannoverEs ist alles andere als ein Routinetreffen. Wenn der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch um 10 Uhr in einer von Hannovers größten Messehallen die Hauptversammlung von Volkswagen eröffnet, wird er nicht lange auf die verärgerten Zwischenrufe der Aktionäre warten müssen. Der Unmut unter den Aktionären ist riesig. Die im Herbst vergangenen Jahres bekannt gewordene Dieselaffäre hat im Wolfsburger Autokonzern alles verändert – auch das Verhältnis zu den Aktionären.

Die Anteilseigner haben allen Grund zur Unruhe: Der Aktienkurs ist seit Herbst von etwa 160 auf jetzt rund 120 Euro abgestürzt. Auf das große Geld müssen die Aktionäre in diesem Jahr verzichten. Für jede Vorzugsaktie sind dieses Mal magere 17 Cent vorgeschlagen – vor einem Jahr gab es noch etwa 30-mal so viel.

Eine Welle der Empörung schlägt dem VW-Konzern und seinen Top-Managern entgegen. Aktionäre fordern in Gegenanträgen, dass dem Aufsichtsrat und dem Vorstand in diesem Jahr die Entlastung verweigert wird. Einflussreiche institutionelle Investoren wie mächtige Pensionsfonds aus den USA haben bereits Milliardenklagen angekündigt.

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Der Abgas-Skandal hinterlässt große Spuren in der Bilanz von VW. Die wichtigste Zahl: 16,2 Milliarden Euro. So viel muss der Konzern an Rückstellungen und Abschreibungen berappen. Doch wie steht es sonst um den Konzern?

Aktionärsschutzvereinigungen wie die DSW fordern Sonderprüfungen, um die Vorgänge in der Zeit der Dieselaffäre noch einmal untersuchen zu lassen. Sollten die großen Hauptaktionäre wie die Familien Porsche und Piech diese Sonderprüfung verhindern, droht die DSW nach dem Aktionärstreffen mit einer Klage.

Es dürfte eine der unruhigsten VW-Hauptversammlungen der vergangenen Jahre werden. In der Einladung zum Eignertreffen weist der Konzern auf die besonderen Sicherheitsvorkehrungen hin. „Gefährliche Gegenstände dürfen in den Versammlungsbereich nicht mitgenommen werden“, werden die Teilnehmer vorab schriftlich gewarnt. Der Ansturm der Aktionäre dürfte groß werden: Veranstaltungsort ist in diesem Jahr eine Messehalle, vor einem Jahr reichte noch das kleinere Kongresszentrum in Hannover.

Motoren, Modelle und Marken im VW-Abgas-Skandal

Motoren

Laut VW ist der Dieselmotor mit der Bezeichnung EA 189 Kern des Problems. Er wurde bei etlichen Marken eingesetzt, erfüllt die EU-Abgasnorm Euro 5 und wird mit 1,2, 1,6 und 2,0 Litern Hubraum angeboten. Betroffen vom Stickoxid-Skandal sind die Baujahre 2009 bis 2014.

Der Rückruf läuft

Schon ab dem 29. Februar sollte eigentlich der Rückruf der großen 2,0-Liter-Antriebe mit Varianten des Passat und Audi A4 anlaufen, zuvor hatte die Aktion für den Pick-up Amarok begonnen. Für den A4 mit Schaltgetriebe gab es – ebenso wie für den A5 und Q5 sowie den Seat Exeo mit gleichem Motor – bereits die Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamts. Für Passat, CC und Eos liegt sie nun auch vor.

So geht es weiter

Zum kleinen 1,2-Liter-Motor hatte VW in einem Kundenbrief zunächst einen Beginn der Werkstatt-Aktionen ab dem 30. Mai angekündigt. Dieser Teil werde aber erst „verzögert anlaufen“, hieß es jetzt. Die mittelgroßen 1,6-Liter-Aggregate sollten laut bisheriger Planung ab dem 5. September zurück, dabei soll neben einem Software-Update ein Bauteil eingesetzt werden. In den USA sind auch 3,0-Liter-TDI-Autos unterwegs, die ein nach US-Recht verbotenes Programm enthalten.

Betroffene VW-Pkw

Bei der Kernmarke VW-Pkw sind unter anderem der Golf der sechsten Generation, der Passat der siebten Generation und der Tiguan der ersten Generation betroffen.

Betroffene Audi-Modelle

Die Software steckt auch in Modellen der Reihen A1, A3, A4 und A6 sowie Q3 und Q5 der Oberklasse-Tochter Audi.

Sonstige Modelle

Dieselmotoren, die bei Skoda und Seat verwendet wurden, fallen ebenfalls unter den Abgas-Skandal. Bei den leichten VW-Nutzfahrzeugen sind ältere Ausgaben des Caddy und Amarok betroffen. Die in den USA unzulässige Software der 3-Liter-Diesel findet sich im VW Touareg und Porsche Cayenne sowie in den Audi-Modellen Q5, Q7, A6, A7 und A8.

Marken

VW-Chef Matthias Müller gab im vergangenen Oktober an, dass weltweit rund 5 Millionen Autos der Hauptmarke VW-Pkw von der Affäre betroffen sind. Hinzu kommen etwa 2,1 Millionen Audis, 1,2 Millionen Skodas, 700.000 Seats sowie 1,8 Millionen leichte Nutzfahrzeuge.

Konzernchef Matthias Müller stellt sich auf einen langen Tag in Hannover ein. Jeder der Teilnehmer werde viel Kondition brauchen. Da mit vielen Redebeiträgen zu rechnen ist, könnte sich das Aktionärstreffen bis spät in den Abend hineinziehen. Vor Mitternacht muss die Hauptversammlung auf jeden Fall beendet sein. Wenn das nicht gelingt, sind alle vorangegangenen Beschlüsse ungültig und das Treffen müsste neu angesetzt werden. So schreibt es das Aktienrecht vor.

Der Unmut der Aktionäre ist Müller gewiss – obwohl er für die Dieselaffäre doch eigentlich überhaupt nichts kann. Als der Skandal bekannt wurde, war er noch Porsche-Chef in Stuttgart. Erst seit Ende September hat der 63-Jährige in Wolfsburg das Sagen – als Nachfolger des wegen des Dieselskandals zurückgetretenen Martin Winterkorn.

Müller würde wahrscheinlich viel lieber über etwas ganz anderes reden als die Vergangenheit, die Dieselaffäre. Etwa über die neue „Strategie 2025“, die er in der vergangenen Woche in Wolfsburg vorgestellt hatte und mit der er Volkswagen vom Autohersteller in einen Mobilitätskonzern umwandeln will.

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