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23.09.2015

12:50 Uhr

VW-Krise

Elf wilde Gerüchte – und was dran ist

VonChristian Schnell

VW-Chef Martin Winterkorn wusste alles. Und Ex-Patriarch Ferdinand Piëch hat ihm die Abgas-Affäre eingebrockt. Kann das stimmen? Wir haben Gerüchte auf ihre Plausibilität überprüft. Dabei geht es auch um den FC Bayern.

Skandal in den USA

Abgas-Manipulation bei VW: Was wusste Winterkorn?

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Nichts ist unmöglich. Mit diesem Spruch warb früher Volkswagens schärfster Konkurrent Toyota. Heute gilt diese Devise für Volkswagen selbst. Allerdings nicht in der Werbung, sondern in der knallharten Realität. Was noch vor einer Woche fernab aller Vorstellungskraft lag, könnte nun Wahrheit werden: VW wird durch die Abgas-Affäre ein ganz anderer Konzern, führende Köpfe verabschieden sich, andere tauchen plötzlich wieder auf. Und über allem schwebt das seltsame Gefühl, dass das alles gar nicht wahr sein kann. Wir haben die elf der wildesten Gerüchte auf ihre Plausibilität überprüft.

1. Winterkorn wusste von den Betrügereien. Der Volkswagen-Chef gilt als Perfektionist. Er kenne jede Schraube, berichten Mitarbeiter. Und er ist technikaffin wie nur wenige im Konzern. Das geht soweit, dass er ein neues Wundermittel aus der Schublade seines Schreibtisches holt, wenn er auf dem Anzug eines Mitarbeiters vor einem wichtigen Termin einen Fleck entdeckt hat. Wahrscheinlichkeit: 95 Prozent.

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Elf Millionen betroffene Autos, Gewinnwarnung, Kurssturz, Ermittlungen der US-Justiz – der Wolfsburger Autokonzern steckt in einer schweren Krise. Der Konzernchef will bleiben – doch im Aufsichtsrat wachsen die Zweifel.

2. Pötsch wird nun doch übergangsweise Vorstands- statt Aufsichtsratschef. Schon lange galt im Konzern, dass der bisherige Finanzchef sofort übernehmen könnte, sollte Martin Winterkorn etwas Unvorhergesehenes zustoßen. Dieser Fall könnte jetzt eintreten. Pötsch stünde zwar nicht für Aufbruch, wäre aber einer, der mit seiner ruhigen und besonnenen Art die Lage beruhigen könnte. Und er bekäme die Zustimmung aller Seiten. Wahrscheinlichkeit: 60 Prozent (aber tatsächlich nur als Übergangslösung).

3. Porsche-Chef Matthias Müller macht den Winterkorn. Diese Theorie ist so alt, dass sie beinahe nicht mehr eintreffen kann. Jedes Mal, wenn ein Nachfolger gesucht wird, fällt der Name Müller. Der würde es wohl machen, ist aber auch sicher nicht traurig, wenn er es nicht machen muss. Denn Müller gilt als einer, der auch noch ein Privatleben hat, gerne in den Bergen ist und einfach mal mit Freunden ein Bier trinken geht. Das würde zumindest schwerer werden in der Position als Volkswagen-Chef. Wahrscheinlichkeit: 50 Prozent.

Mögliche Nachfolge-Kandidaten für VW-Chef Winterkorn

Verlängerung oder Abgang?

Kaum schien die Personalfrage zur Spitze von Volkswagen geklärt, wirft der Skandal um Abgasmanipulation von VW-Modellen in den USA erneut die Führungsfrage in Deutschlands größtem Konzern auf. Noch ist offen, ob VW-Chef Martin Winterkorn persönlich für den Verstoß gegen die Umweltvorschriften in den USA verantwortlich ist, die eine Geldstrafe von bis zu 18 Milliarden Dollar und Schadensersatzklagen nach sich ziehen kann. Winterkorns Vertrag soll auf der Aufsichtsratssitzung am Freitag vorzeitig um zwei Jahre bis Ende 2018 verlängert werden. Doch nach den Worten des mächtigen VW-Betriebsratschefs Bernd Osterloh würde Winterkorn zurücktreten, wenn sich herausstellen sollte, dass er selbst an dem Betrug beteiligt war.

Für den Posten des Vorstandschefs kämen mehrere Spitzenmanager in Frage:

Herbert Diess

Der 56 Jahre alte Münchner wechselte am 1. Juli von BMW zu Volkswagen und übernahm von Winterkorn die Führung der schwächelnden Hauptmarke VW. Er kam Insidern zufolge auf Betreiben des Firmenpatriarchen Ferdinand Piëch nach Wolfsburg. Der VW-Miteigentümer hatte im Frühjahr versucht, Winterkorn zu kippen und war als Aufsichtsratschef zurückgetreten, nachdem sich die anderen maßgeblichen Eigner und der Betriebsrat hinter Winterkorn gestellt hatten. Mit Diess an der Spitze könnte VW einen konsequenten Neuanfang demonstrieren. Ein Nachteil ist allerdings, dass Diess die Mechanismen und Netzwerke in dem Riesenkonzern mit zwölf Marken und über 600.000 Beschäftigten noch nicht lange kennt.

Auch gibt es unter den Arbeitnehmern Vorbehalte gegen den Manager, der den Ruf eines knallharten Kostendrückers hat, der Sparprogramme kompromisslos gegen Kritik der Belegschaft durchsetzt. Bei BMW rückte der promovierte Maschinenbau-Ingenieur nach rund zehn Jahren 2007 in den Vorstand als Einkaufschef auf, um mit Milliardeneinsparungen die Rendite hochzutreiben. Zeitweise galt er als möglicher Nachfolger von Konzernchef Norbert Reithofer, doch dazu wurde dann Produktionschef Harald Krüger bestimmt.

Matthias Müller

Der 62-jährige Chef der VW-Tochter Porsche war im Frühjahr als Kandidat für eine Übergangszeit gehandelt worden. Er könnte den Konzern führen, bis ein jüngerer Manager wie Diess den Vorstandsposten übernimmt. Müller ist seit bald vier Jahrzehnten im VW-Konzern: Er lernte bei Audi in Ingolstadt Werkzeugmacher und kehrte nach dem Informatikstudium dorthin zurück. Als Winterkorn 2007 als Chef von Audi an die VW-Spitze wechselte, ging Müller als Produktstratege mit ihm nach Wolfsburg. Nach der gescheiterten Übernahme von Volkswagen durch Porsche, die schließlich mit der Unterordnung von Porsche als VW-Marke endete, übernahm er 2010 die Porsche-Führung und trieb den Absatz auf neue Rekordhöhen.

Vergangene Woche noch erklärte Müller im Interview mit Reuters, in einer neuen Konzernstruktur gerne die Leitung der Sportwagengruppe übernehmen zu wollen. Volkswagen sei mit Winterkorn an der Spitze in guten Händen. „Ich bin ein Konzernzögling“, betonte das VW-Vorstandsmitglied. Daher würde Müller seine Stuttgarter Wahlheimat wohl aufgeben, sollte der Aufsichtsrat ihn rufen.

Rupert Stadler

Als Kronprinz gilt auch schon lange der 52-jährige Audi-Chef Rupert Stadler. Sein Aufstieg im Konzern begann 1997 als Büroleiter des damaligen VW-Chefs Piëch. Bei Audi übernahm er 2003 zunächst das Finanzressort und rückte 2007 an die Spitze der Premiumtochter, die zusammen mit Porsche den Löwenanteil zum Konzerngewinn beiträgt. Unter seiner Führung hat Audi als zweitgrößter Premiumhersteller weltweit aber damit zu kämpfen, vom Platzhirsch BMW in den Schatten gestellt zu werden. Zuletzt wurde Stadler als Nachfolger von VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch gehandelt, der neuer Aufsichtsratschef von VW werden soll. Dass Stadler Winterkorn beerben könnte, bezweifeln Experten allerdings mit dem Hinweis auf die VW-Tradition, wonach ein Ingenieur an der Spitze des Konzerns stehen muss. Stadler ist Betriebswirt.

Mister X

Ein radikaler Neuanfang wäre es, wenn zum ersten Mal ein Außenseiter direkt zum Vorstandschef würde. Er hätte aber noch stärker als Diess das Manko, sich in die komplizierte Struktur des Konzerns erst hereinfinden zu müssen und die Chefs der geplanten vier Markengruppen zu führen.

Quelle: Reuters

4. Ferdinand Piëch wusste von all dem und hat das alles zur IAA bewusst gestreut. Völliger Blödsinn. Piëch war lange Jahre selbst der oberste Aufseher. Und auch, als die Vorwürfe erstmals im Mai 2014 aufkamen. Es wäre also an ihm gewesen, hier aufzuräumen, wenn er es tatsächlich gewusst hat. Außerdem ist auch der Wert seines Aktiendepots seit Wochenanfang rapide geschrumpft. Das wünscht sich bei aller Distanz zu Winterkorn auch ein Ferdinand Piëch nicht. Wahrscheinlichkeit: 0 Prozent.

5. Ferdinand Piëch kehrt zurück. Wie denn? Er ist durch seinen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat nur noch mittelbar beteiligt. Nämlich über die Holding Porsche SE. Und dass nach all dem, was er im Frühjahr losgetreten hat, viele im Unternehmen oder auch im Aufsichtsrat wieder großen Wert auf seine Anwesenheit legen, ist auch unwahrscheinlich. Vermutlich befürchten sie, er würde dann nur wie früher abgelebte italienische Edelschmieden kaufen, die nach einem Sanierer suchen. Wahrscheinlichkeit: 1 Prozent.

Kommentare (32)

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Herr C. Falk

23.09.2015, 13:11 Uhr

Da Herr Winterkorn Ingenieur ist , kann man sich gut vorstellen, dass er von der technischen Möglichkeit einer Software-Manipulation schlechthin faziniert war und es "einfach mal ausprobieren wollte".

Da es funktioniert, warum nicht in die Serienproduktion?

Die Vorstellung, er habe nichts gewußt, ist einfach grotesk.

Herr Herbert Maier

23.09.2015, 13:23 Uhr

Mich würde mal noch ein 12. Gerücht interessieren: Haben die USA deswegen gerade jetzt gegen VW in ihre Materialsammlung gegriffen, weil VW vor ein paar Wochen ein Werk in Russland eröffnet hat? Kann ja wohl nicht sein, oder?

Herr Marc Otto

23.09.2015, 13:26 Uhr

Bosch hat Motor-Software nicht "manupuliert".

Dort wurde mit Absicht eine Extra Programm geschrieben, was die Parameter der Ansteuerung verändert, wenn der Prüfstand signalisiert wird. So eine Programm zu entwickeln ist extrem schwer, denn der Prüfstand muss erkannt werden und das aufgrund von Siganlen, die eigentlich nichts mit der Motorsteuerung zu tun haben.

Es würde mich nicht wundern, wenn Bosch auch die Software für die Prüfstände programmiert hat. Aber oky, Bosch kenne ich nur von "außen".

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