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19.07.2015

12:58 Uhr

VW nach Piëch

Volkswagen nabelt sich von Wolfsburg ab

Lässt sich Konzern mit 120 Fabriken und 600.000 Mitarbeitern überhaupt noch zentral lenken? VW-Patriarch Piëch hätte das sofort unterschrieben. Nach seinem Abgang steht Volkswagen aber nun vor einem Kulturwandel.

Künftig dürften nicht mehr alle Entscheidungen in der Firmenzentrale fallen. dpa

Volkswagen-Werk Wolfsburg

Künftig dürften nicht mehr alle Entscheidungen in der Firmenzentrale fallen.

WolfsburgDer wochenlange Machtkampf in der VW-Spitze ist für den Gewinner Martin Winterkorn nur ein Etappensieg gewesen. Denn für den Chef von Europas größtem Autobauer steht die eigentliche Bewährungsprobe erst noch aus. Sie soll bis zum ersten Zwischenstand im Oktober in aller Ruhe Ergebnisse bringen – ganz anders als zuletzt der turbulente Machtkampf.

Winterkorn muss nach der Kraftprobe, die vor 100 Tagen begann und mit dem Rücktritt des VW-Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch endete, die Weichen stellen für die Zukunft des hierzulande größten Unternehmens. Das Motto dazu: Dezentralisierung. Für den riesigen, weltumspannenden Konzern sind das neue Vorzeichen.

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China war bisher einer der wenigen Lichtblicke für Volkswagen. Nun bekommen die Wolfsburger auch dort Probleme. Die Premiummarke Audi, bisher wichtigste Gewinnmaschine in der Volksrepublik, stellt ihr Absatzziel infrage.

Volkswagen befindet sich gewissermaßen in einer Familientherapie. Die zwölf Marken könnten aufgeteilt werden, angedacht ist eine Viererstruktur. Offen fordern Top-Manager inzwischen mehr Familiensinn, weniger Klein-Klein und ein Ende des Wolfsburger Zentralismus, der bisher den Nabel der VW-Welt bildet mit ihren 120 Werken – in denen vom Motorrad bis zum Schwerlaster praktisch jede Art Straßenfahrzeug vom Fließband läuft.

Noch Anfang des Jahres hatte Winterkorn dem „Stern“ zur Kultur der VW-Führung gesagt: „Die wichtigsten Entscheidungen müssen zentral fallen.“ Es sei stets er, auf den die Wege zugeschnitten seien. „Am Ende muss einer entscheiden. Man kann ja nicht ewig diskutieren.“

In der Nach-Piëch-Ära scheint das überholt. Die zwölf Marken sollen sich intelligenter sortieren; bei den schweren Nutzfahrzeugen MAN und Scania ist das mit einer eigenständigen Holding schon geschehen. Dieser Weg zu neuen Familiengruppen könnte als Blaupause dienen.

Seit Juli hat Winterkorn einen Kern seiner Zentralmacht abgetreten an den Ex-BMW-Vorstand Herbert Diess. Der sagte in seinen ersten Worten an die Belegschaft gleich einem „Silo-Denken“ den Kampf an. Selbst um Winterkorn herum, im Führungszirkel der Vorstände, könnten Posten mit der dezentralen Neuaufstellung einfach wegfallen. Eigentlich ist nur an einer Front noch Ruhe: Piëch hat noch immer keinen Nachfolger. Der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber soll nach einem Bericht der „Bild am Sonntag“ noch mindestens bis Jahresende kommissarischer VW-Aufsichtsratschef bleiben.

Volkswagen: zwölf Marken bald in vier Familien?

VW vor dem Umbruch

Bei Europas größtem Autobauer Volkswagen läuft vom Motorrad bis zum Schwerlaster alles vom Band. Demnächst könnte es vier Marken-Familien unter dem Konzerndach geben.

Quelle: dpa

Volumen

Die Kernmarke VW-Pkw steht für rund jedes zweite verkaufte Auto im Konzern und produziert Modelle vom Kleinstwagen Up bis zum luxuriösen Phaeton. Sie könnte mit der tschechischen Pkw-Tochter Skoda und der spanischen Marke Seat eine Familie für den Massenmarkt bilden. Das Trio kam zuletzt auf rund 75 Prozent vom Konzernabsatz.

Premium

Dafür steht im VW-Konzern vor allem Audi. Die Ingolstädter setzten 2014 rund 1,45 Millionen Wagen ab. Zu Audi zählen auch die Edelmarke Lamborghini, die 2014 aber nur 2650 Fahrzeuge produzierte, und die Motorräder von Ducati (Jahresproduktion gut 45.000 Stück).

Sport und Luxus

Das ist im Konzern vor allem Porsche. Die Schwaben setzten 2014 rund 190 000 Wagen ab. Zusammen mit Audi fuhr Porsche zuletzt zwei Drittel des Konzern-Betriebsgewinns ein. Zu den Schwaben könnte sich die Luxuswagenschmiede Bentley gesellen, Hoflieferant des britischen Königshauses. Die 2014 rund 11.000 abgesetzten Wagen sind konzernweit zwar kaum zu sehen. Doch Bentley treibt Trends wie den Leichtbau voran, was auch Porsche macht. Hinzu kommen könnte Bugatti, wo 2014 zwar nur 45 Autos verkauft wurden. Jedoch baut Bugatti das Spitzenprodukt im Konzern: Der Supersportler Veyron fährt Tempo 432.

Schwere Nutzfahrzeuge

Das sind bei Volkswagen MAN und Scania. Beide Marken formen künftig in einer eigenständigen Holding eine gemeinsame Organisationseinheit – nehmen die Familienbildung also schon voraus.

Der Rest

Übrig blieben die VW-Nutzfahrzeuge (VWN), die im leichten Segment der gewerblichen Nutzung etwa Kastenwagen für Handwerker bauen. VWN hat technologisch mehr Nähe zu den Pkw-Schwestern als zu MAN und Scania.

Bei all den Plänen für Managementstrukturen, eine Neuorganisation für die Marken und Regionen: Es geht dabei letztlich auch um die Balance für eine künftige Führung ohne Winterkorn und den Übervater Piëch. Winterkorn (68) regelt sein Erbe – das er, falls alles glatt läuft, ab 2016 als Aufsichtsratschef und Piëch-Nachfolger doch noch selber überwachen könnte. Daran hatte sich der Machtkampf einst entzündet.

Die Eckpfeiler sollen diesen Herbst stehen, zur Aufsichtsratssitzung Ende September. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der auf Eignerseite für das Land im Präsidium der Konzernkontrolleure sitzt, dämpft aber Erwartungen, wonach die Wolfsburger ihr weltweit 600 000 Mitarbeiter starkes Reich mit einem Paukenschlag neu ordnen. „Das ist ein Prozess“, sagte Weil jüngst der dpa. „Bei Volkswagen steht keine Revolution an, sondern allenfalls eine Evolution.“

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