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25.04.2015

19:16 Uhr

VW ohne Piëch

Sein eigenes Opfer

VonOliver Stock

Der Patriarch tritt ab – im Zorn. Auch seine Frau verlässt den VW-Aufsichtsrat. Die Zäsur ist historisch. Volkswagen nach Ferdinand Piëch wird sich neu erfinden müssen.

Ferdinand Piëch tritt von seinem Amt als Volkswagen-Aufsichtsratschef mit sofortiger Wirkung zurück. Auch seine Frau Ursula gibt ihr Mandat ab. dpa

Ferdinand Piëch

Ferdinand Piëch tritt von seinem Amt als Volkswagen-Aufsichtsratschef mit sofortiger Wirkung zurück. Auch seine Frau Ursula gibt ihr Mandat ab.

DüsseldorfIn unseren Köpfen war er der John Wayne der Autobranche, der alte Haudegen, der am Ende noch steht, wenn seine Widersacher längst erledigt sind. Er war das Genie einer Generation von Ingenieuren, der immer schon den übernächsten Schritt verlangte, wenn andere noch nicht einmal den nächsten planten. Volkswagen ohne Ferdinand Piëch ist wie Apple an dem Tag, als Steve Jobs nicht mehr da war. Es ist wie Fiat ohne die Agnellis.

Dass Piëch einmal als Verlierer die VW-Bühne räumt, das lag deswegen bis zur vergangenen Woche außerhalb unserer Vorstellungskraft. Jetzt ist es passiert. Dieser Samstag, der Tag an dem Ferdinand Piëch ging, ist ein historischer Tag in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Oliver Stock

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts

Piëch ist sein eigenes Opfer geworden. Er hat den Machtkampf angezettelt, den er jetzt verloren hat. Er hat den Vorsitzenden seines Konzerns in Frage gestellt und nicht damit gerechnet, dass sich die Reihen um den herum fester schließen, als um ihn selbst. Sein einsamer Ritt gegen Martin Winterkorn hat all diejenigen gegen ihn selbst aufgebracht, die noch immer eine Rechnung mit dem Patriarchen offen hatten.

Drei beispiellose Wochen VW-Machtkampf

10. April

Piëch rückt überraschend von Vorstandschef Martin Winterkorn ab. Er sagt dem „Spiegel“: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Betriebsratschef Bernd Osterloh und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) - beide im Volkswagen-Aufsichtsrat - stärken Winterkorn daraufhin den Rücken.

12. April

VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche geht auf Abstand zu seinem Cousin Piëch: „Die Aussage von Herrn Dr. Piëch stellt seine Privatmeinung dar, welche mit der Familie (...) nicht abgestimmt ist.“ Die Familien Porsche und Piëch halten die Stimmmehrheit an VW.

16. April

Der engste Kreis des Aufsichtsrats, das sechsköpfige Präsidium, kommt zu einem Sondertreffen in Salzburg zusammen. Mit von der Partie ist auch Vorstandschef Winterkorn.

17. April

Das Aufsichtsrats-Präsidium erklärt, Winterkorn sei der „bestmögliche“ Vorstandschef. Sein bis Ende 2016 laufender Vertrag solle verlängert werden. Nach dpa-Informationen hatte Piëch beim Sondertreffen alle übrigen fünf Mitglieder des Präsidiums gegen sich.

19. April

Winterkorn sagt wegen eines grippalen Infekts einen Auftritt auf der Automesse in Shanghai ab. In Medien wird darüber spekuliert, dass nun Piëch um seinen Posten bangen muss. Dies wird im Konzern zurückgewiesen. Der niedersächsische Regierungschef Weil erklärt, er setze weiter sowohl auf Piëch als auch auf Winterkorn.

22. April

Altkanzler Gerhard Schröder springt Piëch zur Seite. Schröder, der zu seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident selbst im VW-Aufsichtsrat saß, sagt der „Bild“-Zeitung, Piëch habe für den Konzern und dessen Beschäftigte „unermesslich viel getan“.

23. April

Nach übereinstimmenden Informationen des NDR, der „Welt“ und der dpa hat Piëch versucht, Winterkorn vor der Hauptversammlung am 5. Mai absetzen zu lassen. Piëch dementiert dies und erklärt: „Wir haben uns letzte Woche ausgesprochen. Und uns auf eine Zusammenarbeit geeinigt. Ich betreibe die Ablösung von Martin Winterkorn nicht.“

25. April

Piëch hat den Machtkampf an der VW-Spitze verloren. In einer Pflichtmitteilung für die Börse teilt das Unternehmen überraschend mit, dass der 78-jährige Konzernpatriarch und seine Frau Ursula mit sofortiger Wirkung ihre Kontrollmandate aufgeben.

30. April (I)

Auf Antrag des Konzernvorstandes beruft das Amtsgericht in Braunschweig Piëchs Nichten Louise Kiesling (57) und Julia Kuhn-Piëch (34) als neue Aufsichtsratsmitglieder. Grundlage dafür ist Paragraf 104 im Aktiengesetz. Die beiden Frauen können nun die Amtszeit des Ehepaars Piëch aufbrauchen, sie läuft noch bis Frühling 2017.

30. April (II)

Nach Informationen des „Spiegel“, der „Bild“ und der dpa wünscht sich Piëch anstelle seiner Nichten den früheren BMW- und Linde-Manager Wolfgang Reitzle, der aktuell den Aufsichtsrat beim Autozulieferer Continental leitet. Die Reitzle-Idee hegte Piëch schon lange vor diesen turbulenten Tagen. Und er wolle die langjährige Siemens-Vorstandsfrau Brigitte Ederer als Kontrolleurin an Bord.

An erster Stelle: die eigene Verwandtschaft. Auch der Porsche-Zweig der Familie verweigerte Piëch die Gefolgschaft. Als im Aufsichtsrat die Abwahl drohte, ist Piëch mit seinem Rückzug dieser Schmach ein paar Stunden zuvorgekommen.

Seine Niederlage ist so gründlich, dass auch Piëchs Frau Ursula den VW-Aufsichtsrat verlässt. Hier bricht eine ganze Familie mit dem Unternehmen, das sie aufgebaut und zu einer Weltmacht in ihrer Branche geformt haben.

Es wäre nur konsequent, wenn beide jetzt auch den letzten Schritt gingen und ihre Anteile verkauften. Die Piëchs wären dann nicht mehr Eigner eines Konzerns, dessen Geschicke sie sowieso nicht mehr bestimmen wollen.

Volkswagen-Aufsichtsrat: VW-Patriarch Piëch legt alle Ämter nieder

Volkswagen-Aufsichtsrat

VW-Patriarch Piëch legt alle Ämter nieder

Ferdinand Piëch kommt Gerüchten, er werde nicht mehr als VW-Aufsichtsratschef wiedergewählt, zuvor: Er tritt von seinen Ämtern zurück, wie auch Ehefrau Ursula. Sein Nachfolger äußert sich bereits zu dem Abgang Piëchs.

Für VW ist damit eine Ära zu Ende – die erfolgreichste in der bisherigen Geschichte. Unter Piëch ist aus dem treuen Begleiter namens Volkswagen ein High-End-Produkt geworden. Als Chef und Eigentümer vereinte er eine Macht auf sich, die er Jahrzehnte zum Wohle des Konzerns eingesetzt hat.

Er hinterlässt eine Lücke, die Winterkorn allein nicht füllen kann. Es war Piëchs letzte Tat, die Versäumnisse Winterkorns sichtbar werden zu lassen: die technologische Mittelklasse, das schleppende Amerika-Geschäft, die müde Marge der Kernmarke VW. Der Konzern wird sich neu sortieren müssen. Volkswagen ist seit heute dabei, ein anderes Unternehmen zu werden.

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