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25.09.2015

23:25 Uhr

VW-Skandal

Das hoffnungsvolle Ende einer schlimmen Woche

VonChristian Schnell

Volkswagen hat einen neuen Chef, eine neue Strategie und eine Führungsebene, die rigoros das schwere Erbe der Vergangenheit aufarbeiten will. Das Handelsblatt berichtet aus Wolfsburg.

VW Hauptsitz in Wolfsburg: Warten am Werkstor AFP

VW-Werk in Wolfsburg, Tor Sandkamp

VW Hauptsitz in Wolfsburg: Warten am Werkstor

WolfsburgDie gut hundert versammelten Journalisten konnten förmlich fühlen, wie sie an diesem Tag im Aufsichtsrat gerungen haben. Um den neuen Vorstandschef, von dem schon am Donnerstag durchgesickert war, dass es Matthias Müller sein würde. Um viele weitere Personalien. Auch um die neue Konzernstruktur, um die es an diesem Tag eigentlich gehen sollte und die nun so plötzlich in den Hintergrund gerückt war. Und natürlich um die schonungslose Aufarbeitung der Affäre um manipulierte Dieselmotoren, die den bis dato so sehr auf sein Saubermann-Image bedachten Autobauer in dieser Woche in seinen Grundfesten erschütterte.

Teils seit morgens um acht Uhr standen die ersten Fernsehteams vor Tor Sandkamp, dem Eingangstor der Vorstände und Verwaltungsleute im Wolfsburger Autokonzern. Vertröstet wurden sie ein ums andere Mal. Um 14 Uhr gebe es vielleicht ein Statement. Und als um 15 Uhr plötzlich ein provisorisches Büffet aus Würstchen, Kartoffel- und Nudelsalat sowie ein bisschen Obst und Schokoriegeln aufgebaut war, da war bereits klar, dass es heute länger dauern würde. Nach 16 Uhr fuhren dann endlich die Busse vor, das gleiche Prozedere gab es schon vor zwei Tagen, als das Präsidium den Abschied von Martin Winterkorn verkündete. Nur dass da alles noch deutlich improvisierter wirkte. Offensichtlich hat man bei Volkswagen schnell gelernt, auch im Krisenmodus eine Art Baukasten zu schaffen.

Dort, wo sonst die Verwaltungsangestellten zu Mittag essen, war alles angerichtet. Im BT 10, wie sie das Gebäude intern nennen. Dem Ausweichquartier, solange das markante Hauptgebäude aus dem Jahr 1938 noch immer kernsaniert wird. Kameras wurden eingeschaltet und auch wieder ausgeschaltet. Auch zum Börsenschluss um 17.30 Uhr in Frankfurt, den viele als Start der Veranstaltung erwartet hatten, tat sich noch immer nichts. Wieder hatte die VW-Aktie massiv verloren, vier Prozent waren es am Ende, während die anderen 29 Dax-Werte den Leitindex um 2,7 Prozent nach oben trieben.

Was der VW-Aufsichtsrat zu Matthias Müller sagt

Müller wird neuer Chef

Porsche-Chef Matthias Müller wird neuer Vorstandsvorsitzender von Volkswagen. Das teilte der VW-Aufsichtsrat nach seiner Krisensitzung am Freitag mit. Die Erklärungen der Beteiligten im Wortlaut.

Quelle: dpa

Berthold Huber / Geschäftsführender Vorsitzender des Aufsichtsrates

„Matthias Müller ist eine Persönlichkeit von großer strategischer, unternehmerischer und sozialer Kompetenz. Er kennt den Konzern und seine Marken, wird seine neue Aufgabe unmittelbar und mit ganzer Kraft angehen. Dabei schätzen wir ausdrücklich seinen kritischen und konstruktiven Blick.“

Bernd Osterloh / Vorsitzender des Konzernbetriebsrates

„Der Volkswagen Konzern braucht bei der Besetzung der Unternehmensspitze keine Schnellschüsse. Matthias Müller kennen und schätzen wir für seine Entschlossenheit und Durchsetzungskraft. Er ist kein Einzelkämpfer, sondern Teamplayer. Das braucht Volkswagen jetzt.“

Matthias Müller

„Meine vordringlichste Aufgabe wird es sein, Vertrauen für den Volkswagen Konzern zurückzugewinnen - durch schonungslose Aufklärung und maximale Transparenz, aber auch, indem wir die richtigen Lehren aus der aktuellen Situation ziehen. Volkswagen wird unter meiner Führung alles daran setzen, die strengsten Compliance- und Governance-Standards (Verhaltens- und Führungsregeln, Gesetze und Richtlinien, die Red.) der gesamten Branche zu entwickeln und umzusetzen. Wenn uns dies alles gelingt, dann hat der Volkswagen Konzern mit seiner Innovationskraft, seinen starken Marken und vor allem seiner kompetenten, hochmotivierten Mannschaft die Chance, langfristig gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen.“

Um 18.35 Uhr war es dann endlich so weit. Zu den fünf bereit gestellten Stühlen und den fünf Mikrofonen kamen die dazu gehörigen Protagonisten. In der Mitte Berthold Huber als oberster Aufseher, rechts von ihm Wolfgang Porsche und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, links der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller und ganz außen Bernd Osterloh als oberster Arbeitnehmerführer. Damit war die wichtigste Personalie klar.

Das Sagen hatte an diesem Tag jedoch Berthold Huber, der Übergangs-Aufsichtsratschef, der auch diese Situation so souverän meisterte wie bereits die heikle Hauptversammlung Anfang Mai. „Der Aufsichtsrat hat heute Matthias Müller gebeten, den Vorsitz der Volkswagen AG zu übernehmen“, begann er sein kurzes Statement. Es folgte ein kurzer Satz zu Müller („Eine Persönlichkeit von hoher strategischer, unternehmerischer und sozialer Kompetenz“), dann ging es an die Arbeit. „Ein moralisches und politisches Desaster“ nannte er unumwunden die Diesel-Affäre, für die er sich in aller Form entschuldigte. Und er verkündete auch gleich die ersten Maßnahmen. Verdächtige Mitarbeiter seien beurlaubt, eine renommierte US-Kanzlei mit der Aufarbeitung der Fälle beauftragt.

Liveblog zur VW-Krise: Müller ist gewählt, Blume soll Porsche-Chef werden

Liveblog zur VW-Krise

Müller ist gewählt, Blume soll Porsche-Chef werden

Es ist der Tag der Personalentscheidungen bei VW: Die Marathonsitzung des Aufsichtsrats ist nun beendet. Porsche-Chef Müller wird Winterkorn-Nachfolger – doch welche Köpfe werden sonst noch ausgetauscht? Der Liveblog.

Wolfgang Porsches wichtigster Satz im Anschluss war so zu erwarten und doch in der aktuellen Situation wichtiger denn je. „Die Familien Piech und Porsche stehen ohne Wenn und Aber hinter Volkswagen, gerade jetzt“. Seine Rolle spielte auch Bernd Osterloh, der mächtige Arbeitnehmerführer. Mit seinen fast 40 Jahren im Konzern ist er beinahe so lange dabei wie der neue Konzernchef. Dass sie die Krise nur gemeinsam durchstehen können, ist beiden klar. So fand er auch die klaren Worte, für die er bekannt ist. Die Mitarbeiter habe er aufgefordert, jetzt erst recht alles zu tun, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Dass durch den Skandal womöglich finanzielle Härten auf die Belegschaft zukommen können, ist Osterloh heute schon klar. Man werde in konstruktiven Gesprächen mit dem Vorstand alles tun, um den finanziellen Schaden auszugleichen. Und sprach dann das aus, was man eigentlich vom neuen Unternehmenschef erwartet hätte. „Volkswagen braucht einen Neuanfang“.

Müller war jedoch erst im Anschluss dran. Vom Blatt las er wie bis dahin alle seine Vorredner. Auch über Details des besagten Neuanfangs. „Sorgfalt ist wichtiger als Geschwindigkeit“, so sein Credo. Bis dato wirkte es im Konzern häufig so, als wäre die Geschwindigkeit, gerade beim Wachstum, das oberste Ziel gewesen. Die neue Konzernstruktur, die später auf Papier verteilt wurde und die vor allem auf mehr Eigenständigkeit der Marken und Bereiche abzielt, ist dabei das richtige Fundament. Zum Schluss der Dank an Martin Winterkorn. „Vor seiner Leistung haben wir alle großen Respekt“.

Der VW-Abgasskandal - eine Chronik

Freitag, 18. September

Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren.

Samstag, 19. September

Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts der VW-Manipulationsvorwürfe ein Fahrverbot für Dieselautos. Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern noch stärker in Europa.

Sonntag, 20. September

Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung an. „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, teilte er mit und erklärt das Thema zur „höchsten Priorität“. Später räumt ein Konzernsprecher ein, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

Montag, 21. September

Volkswagen stoppt den Verkauf von Dieselwagen mit Vierzylinder-Motoren in den USA. Betroffen sind dort Modelle der Kernmarke VW und der Tochter Audi. Die Vorzugsaktie von VW bricht zeitweise um mehr als ein Fünftel ein. In den USA entschuldigt sich VW-Regionalchef Michael Horn: „Wir haben Mist gebaut.“

Dienstag, 22. September

Auch in Absatzmärkten außerhalb der USA gibt es Forderungen, Klarheit über das Ausmaß der Affäre zu schaffen. VW gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. In einem Video bittet Winterkorn um Entschuldigung.

Mittwoch, 23. September

Winterkorn tritt zurück. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt. Der Aufsichtsrat kündigt eine Entscheidung über die Nachfolge an.

Donnerstag, 24. September

Die Affäre bringt die gesamte Industrie in Bedrängnis. Vorwürfe werden laut, auch andere Hersteller könnten manipuliert haben. Viele dementieren das. Daneben gibt es etliche Personalspekulationen rund um VW. Medien berichten, Porsche-Chef Matthias Müller habe die besten Chancen, Winterkorn zu beerben.

Freitag, 25. September

Der VW-Aufsichtsrat wählt Matthias Müller zum neuen Konzernchef.

Montag, 28. September

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitet Ermittlungen ein.

Dienstag, 29. September

Volkswagen legt einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vor und will fünf Millionen Fahrzeuge der Kernmarke VW in die Werkstätten holen.

Mittwoch, 30. September

Das Präsidium des Aufsichtsrates tagt. Es schlägt vor, die im November geplante außerordentliche Aufsichtsratssitzung abzusagen. Trotz der Affäre soll der langjährige VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch weiterhin neuer Aufsichtsratsvorsitzender werden.

Die VW-Finanztochter verhängt einen Einstellungsstopp bis zum Jahresende, auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert.

Donnerstag, 1. Oktober

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig rudert zurück: Entgegen früheren Angaben führt sie kein formelles Verfahren gegen Winterkorn. Neuer VW-Finanzchef wird nach dem Wechsel von Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat der Leiter der Finanzsparte, Frank Witter.

Freitag, 2. Oktober

Der US-Kongress teilt mit, dass sich VW-Landeschef Michael Horn am 8. Oktober den Abgeordneten in einer Befragung stellen muss. Auf speziellen Internetseiten können Kunden von VW und Audi prüfen, ob ihr Wagen die Manipulations-Software verwendet.

Dienstag, 6. Oktober

Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für Jobs - laut Müller stellt die Abgas-Affäre aber bereits geplante Investitionen infrage.

Das Schlusswort blieb dem Ministerpräsidenten. Weil da dann auch schon die ganz große Anspannung weg war, sprach er auch als einziger frei. Eine glückliche Fügung sei es, dass der neue Vorstandschef in den vergangenen Monaten am Konzept der neuen Unternehmensstruktur mitgearbeitet habe. Am Ende einer schlimmen Woche richte sich der Blick nach vorne.

Dann wäre eigentliche Schluss gewesen, waren doch keine Fragen zugelassen. Was den Vertreter eines Privatsenders nicht von einem Moral-Monolog über die Ereignisse der abgelaufenen Woche abhielt. Müller ließ es über sich ergehen, antwortete stoisch, dass die Aufarbeitung gestartet wurde, die Vorgänge bis ins Jahr 2005 zurückgingen, und man zügig daran weiter arbeitet.

Keine Viertelstunde, nachdem alles begonnen hatte, war alles auch schon wieder zu Ende. Volkswagen hat einen neuen Chef, eine neue Strategie und eine Führungsebene, die rigoros das schwere Erbe der Vergangenheit aufarbeiten will. So gesehen nimmt diese Woche, die für den Konzern so desaströs begann, zumindest ein Ende, das Hoffnung macht.

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