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21.02.2017

10:29 Uhr

VW-Skandal in Großbritannien

„Wir haben niemanden getäuscht“

VonKerstin Leitel

Britische Parlamentarier stellen VW-Manager Paul Willis wegen des Emissionsskandals zur Rede. Derweil mobilisieren Anwaltskanzleien immer mehr VW-Kunden für eine Sammelklage in London.

Volkswagen hat nach eigener Darstellung bislang 470.000 der in Großbritannien vom Abgasskandal insgesamt betroffenen 1,2 Millionen Dieselfahrzeuge nachgebessert. Reuters, Sascha Rheker

VW-Händler in London

Volkswagen hat nach eigener Darstellung bislang 470.000 der in Großbritannien vom Abgasskandal insgesamt betroffenen 1,2 Millionen Dieselfahrzeuge nachgebessert.

LondonEs ist ein Termin, den Paul Willis sicherlich gern geschwänzt hätte. Aber am späten Montagnachmittag musste sich der Chef von Volkswagen in Großbritannien vor einem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments bohrenden Fragen über den Emissionsskandal stellen. Kein angenehmer Termin. „Wir haben niemals unsere Kunden irregeführt“, beteuerte der Manager immer wieder – aber ohne Erfolg: Die Parlamentarier blieben skeptisch.

Das seien doch Lügen, warfen sie Willis vor. „Wir haben nichts Falsches getan“, versuchte der zu überzeugen, es tue ihm leid, wenn Kunden Unannehmlichkeiten entstanden seien. Doch die Mitglieder des Untersuchungsausschusses blieben unerbittlich: Was ihm leid tue sei lediglich, dass die Betrügereien von Volkswagen aufgeflogen seien, wetterte ein Parlamentarier.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

VW hatte im September 2015 nach Vorwürfen der US-Behörden eingeräumt, die Motorsteuerung so manipuliert zu haben, dass die gesetzlichen Grenzwerte bei Stickoxid nur auf dem Prüfstand und nicht auf der Straße eingehalten werden. Der Konzern erklärte sich deswegen bereit, amerikanischen VW-Kunden eine Entschädigung zu zahlen und legt für die Beilegung des Emissionsskandals in den USA rund 15 Milliarden Dollar auf den Tisch. Britische Kunden – wie auch andere europäische VW-Fahrer – sollen nach dem Willen von VW jedoch leer ausgehen.

VW-Manager Willis verteidigt diese Entscheidung. „Man kann die Situation in den USA nicht mit der in Großbritannien vergleichen“, erklärte er den Abgeordneten in London. Man habe in Großbritannien schließlich keine Autos verkauft, indem man mit konkreten Abgaswerten geworben habe.

Doch diese Argumentation überzeugt weder die Parlamentarier im Untersuchungsausschuss noch eine Gruppe von VW-Kunden, die klagen will. Mehr als 31.000 VW-Kunden hätten sich einer Sammelklage angeschlossen, heißt es auf Seiten der klagenden Anwälte. Sollten sie vor Gericht Erfolg haben, könnten die Kunden vermutlich mit jeweils 3000 Pfund (umgerechnet etwa 3530 Euro) Entschädigung rechnen, heißt es von den Anwälten.

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Auf der Insel waren im Zuge des Emissionsskandals 1,2 Millionen Autos zurückgerufen worden. Volkswagen hat nach eigener Darstellung bislang 470.000 davon nachgebessert. Wenn alle betroffenen VW-Besitzer derart entschädigt würden, kämen auf den Autokonzern damit Kosten in Höhe von 3,6 Milliarden Pfund (4,2 Milliarden Euro) zu.

Ein Termin, bei dem das zuständige Gericht entscheiden will, ob es über den Fall verhandelt oder nicht, wurde nach Angaben der Klägeranwälte auf Oktober verschoben.

Derweil wird auch von anderer Seite ebenfalls Druck auf den Wolfsburger Konzern ausgeübt: Auch der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan hatte eine millionenschwere Entschädigung gefordert, weil der Stadt wegen der verfälschten Abgaswerte Einnahmen entgangen seien. Die Stadt verlangt von Autofahrern in Großbritanniens Hauptstadt eine Art „Verschmutzungsabgabe“.

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