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14.10.2015

16:15 Uhr

VW-Spitzentreffen in Leipzig

Was VW-Chef Müller beim Krisengipfel erwartet

VonChristian Schnell

Die Top-Führungskräfte von Volkswagen treffen sich am Donnerstag hinter verschlossenen Türen in Leipzig. Eigentlich geht es um die Neuausrichtung des Konzerns – doch auf einmal stehen wieder Personalfragen im Brennpunkt.

Der neue VW-Chef muss das Management auf seinen Kurs einschwören. dpa

Matthias Müller

Der neue VW-Chef muss das Management auf seinen Kurs einschwören.

FrankfurtZumindest die Farbe der Fahrzeugflotte ist einheitlich. Schwarze VW-Busse mit Lederausstattung werden es in der Mehrzahl sein, dazu einige Phaetons und Touaregs mit den Chefs. Und weil man sich auf dem Werksgelände von Porsche in Leipzig befindet, wird auch der eine oder andere Cayenne darunter sein. Gut 1000 Gäste müssen schließlich bewegt werden, wenn Volkswagen seine Top-Führungskräfte zur Tagung am Donnerstag lädt.

Eigentlich wäre das alles eine unaufgeregte Veranstaltung, in der über die Herausforderungen der Zukunft, über neue Märkte, Modelle und Motoren gesprochen werden würde. Seit Monaten ist sie anberaumt, so wie jedes Jahr im Herbst. Vergangenes Jahr war man in Dresden, jetzt eben in Leipzig.

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Nur dass die Veranstaltung seit der Dieselaffäre einen anderen Drive bekommen hat. An diesem Mittwoch berichtet der „Spiegel“ von mindestens 30 Managern, die in die Manipulation von Abgaswerten verwickelt gewesen sein sollen. Das Magazin beruft sich auf die bisherigen Ermittlungen der Internen Revision und der Anwaltskanzlei Jones Day. Ein VW-Konzernsprecher dementierte umgehend: „Die Zahl entbehrt jeglicher Grundlage“. Dennoch steht die Frage weiter im Raum: Wer wusste was?

Nicht der einzige Paukenschlag vor dem Führungskräfte-Treffen. Für einen weiteren sorgte Winfried Vahland, bisheriger Skoda-Chef und nun auserwählt für die Leitung in der neu geschaffenen Region Nordamerika, tritt seinen Posten nicht an. Nach 25 Jahren verlässt er den Konzern.

Ausgerechnet Vahland, der Hoffnungsträger, werden viele sagen. Der Mann, der das China-Geschäft des Konzerns vor rund einem Jahrzehnt erst groß machte und anschließend ab 2010 Skoda zur Ertragsperle mit einer Marge von mehr als acht Prozent formte. Vahlands Entscheidung werden die Teilnehmer versuchen zu interpretieren: Übersteigen die Probleme in Amerika selbst Vahlands Möglichkeiten, sind die Schwierigkeiten dort weit größer als bisher bekannt? Oder ist er am Ende gekränkt, da er einst selbst für den Posten des Konzernchefs gehandelt wurde, ehe sich der Aufsichtsrat dann doch eher für Matthias Müller entschied?

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Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Darum wird sich das Gros der Vorträge und der Gespräche in den Pausen drehen, erwarten die, die dabei sein werden. Aber wohl noch mehr um die Dieselaffäre. Antworten auf das weitere Vorgehen und darauf, wie das verloren gegangenes Vertrauen beim Kunden zurück gewonnen werden kann, wären dringend erwünscht. Und vor allem auch eine Aussage, wie es über Jahre zur Manipulation in größten Stil kommen konnte, ohne dass angeblich jemand aus der obersten Führungsebene etwas davon mitbekommen haben will.

Dafür ist Matthias Müller zuständig. Wie schon bei Auftritten in den vergangenen Wochen seit seinem Amtsantritt am 25. September wird er den angestrebten Kulturwandel, den neuen Umgang untereinander und die durchaus erwünschte konstruktive Gegenrede in den Vordergrund stellen. Antworten, wie es überhaupt zur Dieselaffäre kommen konnte und wie diese zu lösen ist, wird aber auch er nur in begrenztem Maß geben können. Schlicht deswegen, weil auch er sie noch nicht kennt. Und weil es für die bis zu elf Millionen betroffenen Motoren weltweit Dutzende unterschiedlicher Lösungen braucht.

Ein Dreizylinder-Motor mit 1,2 Litern ist dabei, dazu zwei wesentliche populärere Vierzylinder mit 1,6 und 2,0 Litern Hubraum. Die wurden wiederum bei VW anders ausgerichtet als bei Audi, Skoda oder Seat. Und die boten diese Motoren wieder in unterschiedlicher Form in verschiedenen Märkten an. Dann muss auch noch unterschieden werden, ob das Fahrzeug mit Schaltgetriebe oder Automatik ausgeliefert wurde. Und bei den Schaltgetrieben macht dann noch den Unterschied, dass der 1,6 Liter-Motor mit Fünf-Gang-Getriebe ausgeliefert wurde, während der 2,0 Liter-Motor ein Sechs-Gang-Getriebe erhielt.

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