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01.02.2017

10:58 Uhr

VW und Bosch entschädigen US-Autobesitzer

Die letzte Milliardenlast in Nordamerika

VonStefan Menzel

VW stimmt in den USA einer weiteren Milliardenzahlung an Privatkläger zu – und auch Zulieferer Bosch zahlt Millionen. Damit ist ein weiteres Kapitel der Abgasaffäre abgearbeitet. Eine Genehmigung steht aber noch aus.

Volkswagen-Händler in Kalifornien: Für den Wolfsburger Konzern wird die letzte Milliardenbelastung aus der Dieselaffäre fällig. Reuters, Sascha Rheker

Für Volkswagen geht ein Kapitel in den USA zu Ende

Volkswagen-Händler in Kalifornien: Für den Wolfsburger Konzern wird die letzte Milliardenbelastung aus der Dieselaffäre fällig.

WashingtonVolkswagen und Bosch werden vom Abgasskandal betroffene Autobesitzer in den USA finanziell entschädigen. Der VW-Konzern hat eine weitere Milliardenzahlung zur Entschädigung betroffener Kunden akzeptiert. Der Autobauer zahlt mindestens 1,26 Milliarden US-Dollar, um Klagen von Besitzern großer Dieselfahrzeuge mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren beizulegen, wie aus Gerichtsunterlagen hervorgeht. Die Wolfsburger könnten bis zu vier Milliarden Dollar aufwenden, um die 80.000 Fahrzeuge – etwa Geländewagen von Audi, VW und Porsche – zurückzukaufen, sollten die US-Regulierer die Reparaturen nicht abnehmen.

Unterdessen prüft die VW-Tochter Audi angesichts der anstehenden Milliardenzahlung weitere Rückstellungen. „Wir bewerten anhand der Gerichtsunterlagen, was wir mit dem Jahresabschluss noch zurückstellen müssen“, sagte ein Sprecher. Details nannte er nicht. Bislang hat Audi für die Beilegung der Abgasaffäre insgesamt 980 Millionen Euro zur Seite gelegt. Insidern zufolge könnten sich die Kosten rund um die 83.000 Fahrzeuge mit von Audi entwickelten, umweltbelastenden großen Drei-Liter-Motoren auf rund zwei Milliarden Euro belaufen.

Auch der Bosch-Konzern hat als Teil des zivilrechtlichen Vergleichs der Zahlung eines dreistelligen Millionenbetrags zugestimmt. Wie am Mittwoch aus Gerichtsdokumenten in den USA hervorging, zahlt das Unternehmen 327,5 Millionen Dollar an 554.000 betroffene Besitzer von Dieselautos. Bosch hatte bereits im Dezember mitgeteilt, man habe zur Beilegung von Forderungen gegen das Unternehmen einen Kompromiss gefunden.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Für Volkswagen ist die Entschädigung für US-Kunden, die ein Auto mit manipuliertem Drei-Liter-Dieselmotor gekauft hatten, der vorläufig letzte große Kostenblock in Nordamerika. Gut 22 Milliarden Euro dürfte der Wolfsburger Autohersteller am Ende insgesamt für die Bewältigung der Dieselaffäre auf der anderen Seite des Atlantiks aufgebracht haben.

Die größte Belastung steht schon seit einem halben Jahr fest: Fast 14 Milliarden Euro kostet der zivilrechtliche Vergleich mit ungefähr 500.000 US-Kunden, die vor der Aufdeckung des Skandals im September 2015 ein Dieselmodell aus dem VW-Konzern mit ebenfalls manipuliertem kleinerem Zwei-Liter-Motor gekauft hatten. Etwa zehn Milliarden gehen als Entschädigung an betroffene Autofahrer, die restlichen vier Milliarden zahlt Volkswagen an US-Umweltbehörden und zum Aufbau eines Netzes von Elektro-Tankstellen in den Vereinigten Staaten.

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Volkswagen hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass der Konzern dabei etwas günstiger davonkommt. Die kompletten zehn Milliarden Euro an Entschädigung fielen nur dann an, wenn alle betroffenen 500.000 US-Kunden ihre Autos an Volkswagen zurückgeben würden und der deutsche Hersteller den Zeitwert erstatten müsste.

Deutlich billiger würde es für die Wolfsburger, wenn sie die Autos – ähnlich wie in Europa – umrüsten könnten. Die Umrüstung kostet nur einen Bruchteil dessen, was bei einem vollständigen Rückkauf aller Fahrzeuge anfallen würde. Volkswagen hat dabei ein Problem: Bei den Zwei-Liter-Autos sind erst 70.000 Fahrzeuge aus jüngeren Modelljahren für die Umrüstung frei gegeben worden. Der große Rest müsste beim aktuellen Stand zurückgekauft werden. Immerhin hat VW noch dieses Jahr Zeit, sich die Genehmigung zur Umrüstung von den US-Behörden einzuholen.

Kommentare (4)

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Herr Wolfgang Trantow

01.02.2017, 09:25 Uhr

Ein großartiger Erfolg der deutschen Qualitätsmanager. Dafür haben sie wirklich ein Extraboni verdient. Verstöße gegen Gesetze müssen doch belohnt werden!

Herr Christoph Sasse

01.02.2017, 10:36 Uhr

Die Aufarbeitung des Abgasskandals in Deutschland steht aus. Die deutschen Kunden von VW und Audi sind ebenso wie die Kunden in den USA getäuscht worden. Das Kraftfahrtbundesamt steht in engem Schulterschluß mit dem Bundesminister für Verkehr Alexander Dobrindt zur Verschleppung und Verhinderung von Schadensersatzleistungen für alle Kunden, in deren Fahrzeugen die illegalen Abschalteinrichtungen verbaut wurden.

Herr Toni Ebert

01.02.2017, 11:28 Uhr

Wahrscheinlich muss man ein Einreiseverbot in die Bundesrepublik Deutschland erlassen. Angesichts der gesundheitlichen Risiken von Dieselfahrzeugen ist das Leben in unseren Städten schließlich niemanden zuzumuten.

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