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22.08.2016

06:13 Uhr

VW und der Streit mit Prevent

Eine ganze Woche ohne Golf

VonStefan Menzel

Die Zulieferkrise bei Volkswagen spitzt sich mit jedem Tag zu. In der ganzen Woche dürfte im Stammwerk Wolfsburg kein einziger Golf produziert werden. Am Montag beginnen neue Verhandlungen mit dem Zulieferer Prevent.

VW muss Produktion stoppen

Wälzt VW die Abgasaffäre auf die Zulieferer ab?

VW muss Produktion stoppen: Wälzt VW die Abgasaffäre auf die Zulieferer ab?

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DüsseldorfDer Volkswagen-Konzern steht vor einer extrem unruhigen Woche. Der Streit mit der bosnisch-deutschen Zuliefergruppe Prevent führt zu unfreiwilligen Produktionspausen und zur Kurzarbeit. Im Passat-Werk in Emden fehlen wegen des Prevent-Lieferstopps dringend benötigte Sitzbezüge. Im Getriebewerk in Kassel kommen keine Getriebekomponenten mehr von der sächsischen Prevent-Tochter ES Guss an.

„In Emden ist die Kurzarbeit bis einschließlich Mittwoch angesetzt“, bestätigte ein Unternehmenssprecher. Doch viel schwerer wiegt der Lieferstopp für die im Kasseler Werk benötigten Gussteile aus der Prevent-Gruppe. Dort können jetzt nicht mehr ausreichend Getriebe produziert werden.

Weil es nicht mehr genügend Getriebe gibt, werden die Probleme aus Kassel an die nächste Produktionsstufe innerhalb des VW-Konzerns weitergereicht. In Wolfsburg und Zwickau kommen nicht mehr genügend Getriebe an. In der Folge stockt an beiden Standorten jetzt die Produktion des wichtigsten Autos aus dem VW-Konzerns, des Golfs. Unter normalen Bedingungen werden in Wolfsburg fast 4000 Golf-Modelle täglich produziert, in Emden knapp 1300 Stück vom Passat.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Von Wolfsburg und Zwickau aus pflanzen sich die Probleme nach Salzgitter und nach Braunschweig fort. In Salzgitter produziert der Volkswagen-Konzern Motoren. Wenn aber die Golf-Fertigung stockt, kann Salzgitter nur noch beschränkt nach Wolfsburg und nach Zwickau liefern. Also muss VW auch die Produktion an diesem Standort die Fertigungszahlen zurückfahren. Dasselbe Problem gilt für Braunschweig: Die dort gefertigten Achsen werde andernorts nicht mehr gebraucht. Mehr als 20.000 Beschäftigte werden voraussichtlich von den Zwangspausen betroffen sein.

In Wolfsburg und in Zwickau dürfte die Golf-Fertigung in der gesamten Woche ruhen, das sehen zumindest die aktuellen Volkswagen-Pläne vor. Während der Konzern in Emden für etwa 8000 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet hat, will VW am Stammwerk in Wolfsburg mit flexiblen Arbeitszeiten und einem Abbau von Überstunden durch die Krisenwoche kommen.

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Wie es danach weitergehen wird, ist noch völlig offen. „Das hängt vom weiteren Verlauf der Gespräche ab“, betonte der VW-Sprecher. An diesem Montag kommen Vertreter von Volkswagen und der Prevent-Gruppe zu neuen Verhandlungen zusammen. Der Zulieferer verlangt von Europas größtem Automobilhersteller 58 Millionen Euro Schadenersatz für zurückgezogene Entwicklungs- und Lieferaufträge. Volkswagen hält diese Forderungen für völlig überzogen und will weniger zahlen.

Eine Einigung mit den Prevent-Vertretern wäre die schnellste und einfache Lösung für Volkswagen. Dann könnte die Produktion nach wenigen Tagen wieder aufgenommen werden. In Wolfsburg gibt allerdings niemand eine Einschätzung über die Erfolgsaussichten der neuen Verhandlungsrunden ab. Hinter den Kulissen sucht der Volkswagen-Konzern deshalb nach Alternativen. Möglich wäre etwa der Bezug der fehlenden Teile von einem anderen Zulieferer. Das würde allerdings viel länger dauern als die Wiederaufnahme der Lieferungen durch die Prevent-Gruppe.

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