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21.04.2016

10:31 Uhr

VW und Dieselgate

Der große Zahltag für Volkswagen

VonAstrid Dörner, Martin Murphy, Christian Schnell

Lange hat VW mit den US-Behörden verhandelt. Nun muss der Konzern vor Gericht erläutern, was mit den gut 600.000 betroffenen Diesel-Fahrzeugen passieren soll. Erste Details sind durchgesickert. Es wird teuer werden.

Abgasaffäre bei Volkswagen

Wahnsinnige Aktion: VW will 500.000 Dieselautos zurückkaufen!

Abgasaffäre bei Volkswagen: Wahnsinnige Aktion: VW will 500.000 Dieselautos zurückkaufen!

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San Francisco/FrankfurtBezirksrichter Charles Breyer aus San Francisco hatte Volkswagen klare Vorgaben gemacht: Bei der nächsten Anhörung am heutigen Donnerstag muss ihm der Autobauer „einen konkreten Vorschlag machen“, wie die vom Diesel-Skandal betroffenen Fahrzeuge von der Straße genommen werden. Sonst droht der Prozess.

Nach intensiven Verhandlungen hat sich VW nun mit den Behörden auf ein Rahmenabkommen geeinigt, wie aus Verhandlungskreisen verlautet. Zwar müssten viele Details noch ausgearbeitet werden. Doch wichtige Eckpunkte stehen offenbar fest und werden bei der Anhörung dem Richter vorgelegt. Breyer muss am Ende entscheiden, ob er der vorgeschlagenen Lösung zustimmt oder nicht.

Rückkäufe und Reparaturen

Ein großer Teil der gut 600.000 betroffenen Autos muss zurückgekauft werden. Von den Abgasmanipulationen in den USA sind Autos der Marken VW, Audi und Porsche betroffen und insgesamt drei Generationen an Motoren. Davon sind gut 500.000 Fahrzeuge mit einem Zwei-Liter-Motor ausgestattet und gut 85.000 Fahrzeuge mit Drei-Liter-Motoren. Da sich die Reparatur der kleineren Aggregate als besonders schwierig herausstellt, könnte VW anbieten, im schlimmsten Fall alle Zwei-Liter-Fahrzeuge zurückzukaufen, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Würden Sie noch einen Diesel kaufen?

VW hat den Behörden in den vergangenen Monaten mehrfach Vorschläge unterbreiten, wie die Autos repariert werden können. Ob die Behörden die Reparaturen jedoch akzeptieren, ist noch unklar. Die Umweltbehörden EPA und Carb hatten VWs Rückrufpläne für die Zwei-Liter-Autos mehrfach zurückgewiesen.

Auch der Rückrufplan für die Drei-Liter-Autos, der von Audi erarbeitet wurde, ist noch nicht genehmigt. Audi hatte den Plan im März eingereicht. Die kalifornische Umweltbehörde Carb, die den Skandal maßgeblich mit aufgedeckt hatte, hat in den vergangenen Wochen zusätzliche Informationen von Volkswagens Premiumtochter verlangt, bestätigte ein Carb-Sprecher dem Handelsblatt. Die Aufseher prüfen derzeit die nachgereichten Informationen.

Stunde der Wahrheit bei VW

Was fordert Breyer konkret?

Der Richter erwartet einen Plan zur Umrüstung der etwa 580.000 Dieselwagen, die in den USA von der Affäre um manipulierte Emissionswerte betroffen sind. Er will die Fahrzeuge mit illegal überhöhtem Schadstoff-Ausstoß nicht länger auf US-Straßen sehen. Breyer fordert „spezifische und detaillierte“ Vorschläge, wie die Betrugsprogramme beseitigt werden. Sonst kann er unter Androhung von Strafen anordnen, die betroffenen Autos aus dem Verkehr zu ziehen.

Was ist daran so problematisch?

Eine Umrüstung aller Dieselfahrzeuge gilt als unmöglich, das haben Vertreter der US-Umweltbehörden bereits klargemacht. Vor allem bei den Modelljahren 2009 bis 2013, die veraltete Motoren und den höchsten Abgasausstoß haben, gibt es offenbar keine Lösungen. Ein Ausbau der „defeat device“ genannten Manipulations-Software könnte zudem zulasten anderer Faktoren wie Spritverbrauch oder Motorleistung gehen. Diese Probleme hat VW auch beim Passat-Rückruf in Deutschland.

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma?

VW könnte diejenigen Diesel zurückkaufen, die nicht repariert werden können. Konzernintern geht man von mindestens 100.000 Wagen aus, doch es könnten auch deutlich mehr werden. Es geht um viel Geld: Entscheidend wären bei einem Rückkauf die Restwerte und die Anzahl der Fahrzeuge – aber die Kosten würden selbst bei einem günstigen Szenario in die Milliarden gehen. Und fraglich ist, ob alle Besitzer ihre Wagen abgeben wollen. Als Alternative zu Rückkäufen gelten deshalb auch Geldauflagen für VW, um die Autos im Betrieb zu halten.

Was kommt sonst noch auf den Konzern zu?

Um eine Einigung mit der EPA zu erzielen, wären weitere teure Zugeständnisse wie die Einrichtung von US-Umweltfonds denkbar. Ansonsten drohen hohe Strafen für Verstöße gegen US-Gesetze. Allein eine Zivilklage des Justizministeriums fordert Bußgelder über 45 Milliarden Dollar (knapp 40 Mrd Euro). Hinzu kommen Hunderte weitere Klagen von Autobesitzern, aber auch von anderen US-Behörden. Bislang hat VW 6,7 Milliarden Euro für „Dieselgate“ beiseite gelegt.

Was wäre daran so gefährlich?

Volkswagens Strategie, mit den privaten Klägern und der US-Regierung Vergleiche zu schließen, würde sich so zerschlagen. Der Konzern setzt bislang alles daran, das riesige Verfahren im vorprozessualen Stadium zu halten und zu nutzen, um außergerichtliche Kompromisse zu erreichen. Dafür hat VW unter anderem den Staranwalt Ken Feinberg angeheuert. Diese Taktik ist durchaus gängig im US-Recht – nur in Ausnahmen kommt es in solchen Fällen wirklich zum Prozess.

Warum steht VW so unter Druck?

Das Unternehmen hat in den USA auch sieben Monate, nachdem der Skandal ins Rollen kam, keine Lösung. Der Geduldsfaden von Richter Breyer ist strapaziert. Zudem haben die VW-Manager wiederholt mit unglücklichen Aussagen für Unmut im Land gesorgt. Vorstandschef Matthias Müller wird vorgeworfen, die Affäre als ein „technisches Problem“ verharmlost zu haben. VW bewegt sich auf sehr dünnem Eis - es droht neben den Zivilklagen auch noch ein strafrechtliches Verfahren, und die US-Justiz ermittelt weiter auf Hochtouren.

Carb-Chefin Mary Nichols hatte bereits im November im Gespräch mit den Handelsblatt klare Anforderungen an die technischen Lösungen gestellt. Die Reparaturen dürften weder die Leistung, noch den Benzinverbrauch der Fahrzeuge verändern. VW-Chef Matthias Müller hatte sich lange gegen Rückkäufe gewehrt und noch im Januar bei seinem Besuch in den USA einen neuen Katalysator angepriesen, mit dem das Problem behoben werden sollte. Bislang wurde der Katalysator nicht von den Behörden genehmigt.

Auch wenn Volkswagen heute eine Einigung schafft, so wird diese doch sehr teuer werden für den Konzern. Mit 12 Milliarden Euro veranschlagt Patrick Hummel, Analyst bei der Schweizer Großbank UBS, allein die Gesamtkosten einer Einigung mit den US-Autobesitzern. Bei 19 Milliarden Euro könnten die Summe aller straf- und zivilrechtlichen Kosten liegen. Hinzu kommen noch einmal 14 Milliarden Euro für die Aufarbeitung der Dieselaffäre im Rest der Welt. Das wären insgesamt 45 Milliarden Euro. Da die Kosten für eine Einigung mit den US-Autobesitzern steuerlich absetzbar sind, würde das seiner Einschätzung nach am Ende eine Gesamtbelastung von 38 Milliarden Euro für den Konzern bedeuten.

Kommentare (24)

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21.04.2016, 10:45 Uhr

Das Beste, was man(n) jetzt als guter Patriot und treuer Freund des Premium-Marken-Portfolios von Volkswagen (Porsche, Bentley, Lamborghini, Bugatti) tun kann um den Wolfsburger Mutterkonzern und den Standort Deutschland insgesamt den Rücken zu stärken ist, sich ein Auto aus deren Bestand zu kaufen auch wenn man eigentlich momentan selber gar keins braucht weil der Fuhrpark gesättigt oder die Garage schon voll genug ist.

(...)

 
Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

21.04.2016, 11:13 Uhr

Ps: Als Bonus mit Beginn des 1. Arbeitsvertrages in Deutschland und Neu-Steuerzahlers.

Herr Leo Lierenberg

21.04.2016, 11:32 Uhr

Soweit mir bekannt ist, hat VW keine Fluchtfahrzeuge im Programm.

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