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06.11.2015

14:13 Uhr

VW und Dieselgate

Kollektives Versagen der Prüfer

VonLukas Bay

Volkswagen hat bei 800.000 Autos den offiziellen Verbrauchswert manipuliert. Das Kraftfahrtbundesamt konnte den Betrug nicht aufdecken. Volkswagen-Mitarbeiter sollen die Prüfer systematisch getäuscht haben.

Warum konnten etliche Prüfinstitute nicht erkennen, dass Verbrauchswerte bei VW manipuliert wurden? dpa

Rätsel am Auspuff

Warum konnten etliche Prüfinstitute nicht erkennen, dass Verbrauchswerte bei VW manipuliert wurden?

DüsseldorfDer Skandal um gefälschte CO2-Werte bei 800.000 VW-Fahrzeugen bringt nun auch die zuständigen Prüfinstitute in Erklärungsnot. Denn die Prüfer der Technischen Dienste sollten eigentlich feststellen, ob die Abgas- und Verbrauchsangaben, die Volkswagen an das Kraftfahrtbundesamt meldete, korrekt sind. In Nachprüfungen bei VW war festgestellt worden, dass der CO2-Ausstoß und damit auch der Verbrauch bei einzelnen Modellen nach Handelsblatt-Informationen um bis zu 18 Prozent von den offiziellen Werten abwichen. Abweichungen gab es auch bei Bestsellern wie dem VW Golf und Polo.

Nach Handelsblatt-Informationen waren gleich mehrere namhafte Dienste am Zulassungsverfahren beteiligt: VW und Porsche ließen sich ihre Abgaswerte der betroffenen Modelle demnach vom Tüv Nord bescheinigen, Audi wurde vom luxemburgischen Prüfunternehmen ATE unter die Lupe genommen. Auch der Tüv Süd, die spanischen Prüfdienste Inta und Indiada, sowie die britische Vehicle Certification Agency bestätigten VW-Konzernmarken wie Skoda und Seat falsche Werte. Der Konzern scheint alle diese namhaften Organisationen getäuscht zu haben.

CO2-Schummeleien bei VW: Wer prüfte wen?

VW

TÜV Nord GmbH, Deutschland

Porsche

TÜV Nord GmbH, Deutschland (Abgas) und Luxemburg (Gesamtfahrzeug)

Audi

ATE EL s.a.r.l., Luxemburg

Seat

INTA, Madrid und IDIADA, Madrid, Spanien

Skoda

TÜV Süd Autoservice GmbH und Vehicle Certification Agency, Bristol, Großbritannien

„Wir untersuchen gerade mit Hochdruck, wie es dazu kommen konnte“, erklärt ein VW-Sprecher dem Handelsblatt. Doch auch die Prüfer müssen sich nach den jüngsten Enthüllungen einige unangenehme Fragen gefallen lassen. Denn das Kraftfahrtbundesamt (KBA) prüft im Zulassungsprozess kein einziges Auto auf dem Prüfstand selbst. Stattdessen darf der Hersteller aus einer Liste von 60 dafür zugelassenen Technischen Diensten wählen.

Diese prüfen – entweder direkt beim Hersteller oder auf eigenen Messständen – ob die vom Hersteller angegebenen Werte stimmen. Auf ihren Berichten basieren auch die CO2-Werte, mit denen der Hersteller anschließend werben darf und nach denen auch die Kfz-Steuer festgelegt wird.

Weil die Abweichungen bei den VW-Modellen so deutlich ausfallen, stellt sich die Frage, warum sie bei diesen Tests auf dem Prüfstand nicht aufflogen. Die Falschangaben seien entweder über Manipulationen im Messvorgang auf dem Prüfstand selber oder über manipulierte Testwagen zustande gekommen, erklärt VW dem Handelsblatt. „Wir suchen die Schuld bei uns und nicht bei unseren Partnern“, so ein Sprecher. Den Testern fielen die Manipulationen offenbar nicht auf.

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Der Tüv Nord betont, dass man „Typprüfungen ausschließlich gemäß den gesetzlichen Vorschriften“ vornehme. Wörtlich sagte ein Tüv-Nord-Sprecher der dpa: „Wir haben die Meldungen aus dem VW-Konzern selbstverständlich zum Anlass genommen, unsere Prozesse zu untersuchen. Dabei sind auf unserer Seite keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden.“

Die Umweltverbände üben am derzeitigen Zulassungsverfahren dagegen massive Kritik. Da die Technischen Dienste um die Aufträge der Hersteller werben, bestehe eine massive Abhängigkeit von der Autoindustrie, erklärte unter anderem die Deutsche Umwelthilfe (DUH).

Auch unter den Prüfbehörden besteht ein Wettbewerb, der nur schwache Kontrollen zur Folge hat. Denn die Zulassung in einem EU-Mitgliedsstaat gilt gleich europaweit – das erhöhe das Risiko, dass sich die Behörden mit immer laxeren Prüfungen unterbieten, meint auch der ADAC. „Insgesamt führt dies zu Risiken hinsichtlich der Einhaltung von Standards zur Messung und Kontrolle von Abgasemissionen“, stellt der Automobilclub in einer Stellungnahme für den Verkehrsausschuss des Bundestages fest.

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Kommentare (9)

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06.11.2015, 14:30 Uhr

Die Prüfer haben ihr Prüfschema und danach wird geprüft. Und wenn man sich jetzt weiter an diesen Schwachsinn von CO2 Grenzwerten aufhängt in Medien Deutschland, dann zeigt es nur, dass wir diese Schwachsinn von CO2 Werten höher hängen, als unseren Wirtschaftlichen Wohlstand und damit unseren Wohlstand und unser Sozialsystem.
Die USA verteidigt ihr Wirtschaft bis zum Letzten. Weil die US Politik ganz genau weis, wie wichtig die Wirtschaft für das Schaffen von gut bezahlten Arbeitsplätzen, das Steuer- und Abgabensystem ist und damit für die Schaffung von Wohlstand.
In Deutschland dagegen VERNICHTET man die Wertschöfpenden Wirtschaftsbranchen die auf dem CO2 Ausstoss basieren und subventioniert die unwirtschaftlichen Erneuerbaren Energiebranchen. Und selbst diese EE Branchen ,die keine Mehrwert dastellen, werden in ihren Herstellungszyklus eine Menge an CO2 benötgen.
Es ist einfach nur noch absurd. Schafft endlich das Bundesumweltministerium ab und das PIK dazu. Werft die Wohlstands- und Sozialvernichter von Greenpeace, WWF, BUND aus dem Land und die Grünen noch dazu. Dann kann es mit dem Aufschwung in Deutschland klappen. Und nur so werden wir den Wohlstand und unseren Sozialstaat retten können....mit CO2 und OHNE staatliche Zwangsabgaben Subventionen = EEG. Danke!

Herr Günter Haberland

06.11.2015, 14:40 Uhr

Wenn der zu Prüfende den Prüfer selbst auswählen darf, also selbst darüber entscheidet, wer den vermutlich lukkrativen Prüfauftrag bekommt, dann muss man sich nicht wundern, wenn "das Ergebnis stimmt". Das ist ganz offensichtlich ein systematischer Fehler, Dobrindt wäre gut beraten, die entsprechende Regelung zu ändern.

Rainer von Horn

06.11.2015, 14:58 Uhr

Handelsblatt Pribtausgabe 2./3./4. 102015, Artikel: "Tatort Wolfsburg", Seite 53

Zitat:
13.Mai 2013
Die Deutsche Umwelthilfe legt Prüfberichte vor, nach denen die Abweichungen zwischen Prüfstand und realbetrieb in Deutschland erheblich sind. Bundesgeschäftsführer Jürgen resch wettert über "die enge personelle Verflechtung von Regierungsmitgliedern und der Automobilindustrie." Tatsächlich kann sich die Industrie auf Rückendeckung aus dem kanzleramt verlassen. ......" Zitat Ende

13.Mai 2013!

Man kann also davon ausgehen, dass die Regierung und das Verkehrsministerium schon seit mindestens zwei jahren von den Schummeleien wussten. Und wahrscheinlich hat man sie -auch im Hinblick auf die Landesbeteiligung an VW- toleriert.

Ich glaube nicht, dass ein einfacher Mitarbeiter beim KBA ein Bedürfnis verspürt hat "besonders viel Energie zu entwickeln" hat, über die in den Prüfschemata enthaltenen Anforderungen hinaus zu gehen, schon um die eigene Karriere nicht zu gefährden. Ein Verhalten übrigens, dass man in staatsnahen Betrieben häufig antreffen kann, genauso wie im Parlament. Und wenn schon, Staatsversagen gibt es heute doch überall in der Gewaltenteilung.

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