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12.01.2016

11:30 Uhr

VW und Dieselgate

Müllers gefährlicher Optimismus

VonAstrid Dörner

Volkswagen-Chef Müller gibt sich bei seinen US-Auftritten äußerst zuversichtlich. Doch solcher Optimismus könnte schädlich sein. Durch sein missglücktes Interview verspielt Müller nun weiteres Vertrauen. Ein Kommentar.

Der VW-Chef steht in den USA stark unter Beobachtung. AFP

Matthias Müller

Der VW-Chef steht in den USA stark unter Beobachtung.

New YorkEigentlich kann man in Amerika gar nicht zu optimistisch sein. Dass Manager voller Zuversicht in die Zukunft blicken, gehört zum Tagesgeschäft. Nur, wer sich und das Unternehmen gut verkaufen kann, schafft den Weg nach oben. Deutsche Manager gelten dagegen oft als zu pessimistisch, vorsichtig, nüchtern.

Ausgerechnet bei Volkswagen gilt dieses Klischee jedoch nicht. Der Wolfsburger Autokonzern wirkt in diesen Tagen zu optimistisch. VW-Chef Matthias Müller hat bei der Automesse in Detroit immer wieder betont, dass seine Mitarbeiter „gute Fortschritte“ in den Verhandlungen mit den Behörden erzielt haben, der „Dialog sehr konstruktiv“ sei und er „zuversichtlich“ sei, „eine gute Lösung zu finden.“

Astrid Dörner ist Korrespondentin in New York. Ricardo Borges

Die Autorin

Astrid Dörner ist Korrespondentin in New York.

In einem Interview mit dem Radiosender NPR spielte Müller den Abgasskandal sogar so weit herunter, dass die Presseabteilung das Gespräch neu aufzeichnen ließ. Beide Versionen des Gesprächs sind hier zu hören.

Positive Worte sind sicherlich gut für die Moral der 600.000 VW-Mitarbeiter. Auch die Aktionäre, VW-Fahrer und potenzielle Kunden hören das sicherlich gern. Einzig: Die Worte des VW-Chefs stimmen nicht mit der Sichtweise der Behörden überein, die auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzen und über die weiteren Schritte entscheiden.

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Erst in der vergangenen Woche hatte die US-Umweltbehörde EPA angemahnt, VW habe in den Diskussionen um die anstehenden Rückrufe „bislang noch keinen akzeptablen Weg aufgezeigt“. Die ungewöhnlich scharfe Kritik der Behörde kam zeitglich mit einer milliardenschweren Klage, die die EPA gemeinsam mit dem Justizministerium eingereicht hatte.

In der Klageschrift spiegelt sich der angestaute Frust der Ermittler wieder. Dass sie überhaupt eingereicht wurde, statt sich gleich außergerichtlich mit VW zu einigen, ist ein Zeichen dafür, wie verärgert die Behörden sind.

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Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

VW muss aufpassen, dass es mit dem Optimismus nicht noch mehr Schaden anrichtet. Dass Müller nun auf seinem ersten USA-Besuch die Dinge ganz besonders rosig erscheinen lässt, trägt in den USA nicht gerade dazu bei, Vertrauen wieder herzustellen – schon gar nicht bei den Vertretern der EPA und des Justizministeriums.

Handelsblatt in 99 Sekunden

Nach Interview: Kann VW-Chef Müller noch ernsthaft als Aufklärer durchgehen?

Handelsblatt in 99 Sekunden: Nach Interview: Kann VW-Chef Müller noch ernsthaft als Aufklärer durchgehen?

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Kommentare (25)

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Account gelöscht!

12.01.2016, 11:58 Uhr

Die US-Umweltbehörde EPA ist die gleiche Mafiabande wie bei uns die Umwelthilfe oder das Grün-Sozialistische Umweltministerium
Nur wird die US-Umweltbehörde EPA von der politischen Elite in den USA für einen Wirtschaft- Autokrieg zwischen US Auto Herrstellern und VW bzw. europäischen Autoherstellern eingespannt. Im Gegensatz dazu hat unsere Grün-Sozialistische Bundesregierung nichts anderes zu tun als einen weiteren großen Industriebetrieb = VW gegen die Wand zu fahren. Wie diese schon mit den Energiekonzernen ENBW, EON und RWE vorgeführt worden ist. Auch Siemens hat sich ja schon lange vom Deutschen Wirtschaftsstandort in die USA und nach Asien verabschiedet.
Auch BASF und die gesamte Chemie und Grundstoffindustrie wird Schritt für Schritt von diesen verseuchten CO2 Freien Klimaerwärmungswahn sich aus dem Grün-Sozialistischen und marktfeindlichen Merkel Deutschland verabschieden.

Herr Fritz Yoski

12.01.2016, 12:10 Uhr

Ich finde die EPA klasse, die beschuetzen uns vor Verbrecherbanden wie VW die unsere Umwelt vergiften. Bitte nichrt vergessen wer hier der Kriminelle ist. Das ist nicht die EPA, die US-Autohersteller oder der Weihnachtsmann. VW hat vorsaetzlich und in grossem Ausmass betrogen. Ich hoffe das wird richtig teuer fuer VW. Die Latte liegt zur Zeit bei 90 Milliarden plus diverser Privatklagen.
Den US-Staatsanwalt zu verarschen und die Herrausgabe von E-mails zu verweigern ist fuer VW mit Sicherheit die falsche Strategie.

Account gelöscht!

12.01.2016, 12:26 Uhr

Dei AfD steht wenigstens noch zu der deutschen Industrie und Writschaft...

Berlin, 8. Januar 2015. AfD-Bundesvorstandsmitglied und Landesvorsitzender Niedersachsen, Paul Hampel, kommentiert die Entwicklung in der VW-Abgasaffäre:

„Hören Sie etwas? Nein? Ich auch nicht. Riechen Sie etwas? Ja? Ich auch! Ich rieche das uns da gerade ein ungeheures Hollywood-Schmierentheater vorgespielt wird, dass nichts Geringeres zum Ziele hat, als die Zerschlagung des zweitgrößten Automobilherstellers der Welt. Denn würde der Volkswagenkonzern in allen, jetzt durch die US-Justizministerin, vorgebrachten Punkten schuldig gesprochen werden, müssten die Wolfsburger sage und schreibe 90 Milliarden US-Dollar an Strafen und Schadensersatzleistungen hinblättern. Schlimmer noch als diese völlig absurden Forderungen ist allerdings, dass eines der größten, erfolgreichsten und innovativsten deutschen Unternehmen in diesem Handelskrieg von den eigenen Regierungen (Bund und Land Niedersachsen) völlig allein gelassen wird.

Worum es geht wissen Sie längst. VW-America hatte bei der Zulassung seiner Dieselfahrzeuge in den USA bei der Messung der Abgaswerte durch einen Trick des Bordcomputers geschummelt. Den weltbesten Ingenieuren des Automobilgiganten war es zuvor unmöglich gewesen, die von den US-Behörden geforderten (fast) Nullemissionen für Dieselmotoren zu erfüllen. Nur böswillige Geister sahen schon damals die amerikanische Konkurrenz am Werke, weil es weder GM, noch Ford oder gar Chrysler gelungen war, neben den 20-30 Liter Superbenzin fressenden SUV´s einen spritarmen Diesel zu bauen. Hinzu kam, dass man in Detroit und anderswo in der Neuen Welt erleben musste, dass der verbrauchsgeringe Dieselmotor in Europa seit zwanzig Jahren auf dem Vormarsch ist und inzwischen 50% des europäischen Automarktes ausmacht. VW hätte also, bei einem geradezu marginalen Marktanteil von Dieselfahrzeugen in den USA (2-3%) mit seinem „Clean Diesel“ langfristig große Verkaufserfolge einfahren können. Das ist der

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