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17.11.2015

16:36 Uhr

VW und Dieselgate

Noch drei Tage bis zur Deadline

VonAstrid Dörner

Die US-Behörden hatten VW eine Frist gesetzt, bis wann der Auto-Konzern eine Lösung im Emissionsskandal vorlegen muss. Während diese Gespräche laufen, präsentieren sich die VW-Marken auf der Auto Show in Los Angeles.

Die US-Behörden fordern von Volkswagen eine Lösung im Emissionsskandal. Reuters

Volkswagen

Die US-Behörden fordern von Volkswagen eine Lösung im Emissionsskandal.

Los AngelesDie Uhr tickt. Am 20. November muss Volkswagen dem „California Air Resources Bord“ (Carb) einen Rückruf-Plan vorlegen. Dann ist es genau 45 Geschäftstage her, dass der kalifornische Regulierer gemeinsam mit der amerikanischen Umweltbehörde EPA den Emissions-Skandal bei Volkswagen ins Rollen gebracht hat.

Die Gespräche laufen. „Wir treffen uns regelmäßig mit den Vertretern der Volkswagen-Gruppe“, sagte ein Carb-Sprecher dem Handelsblatt und deutet damit an, dass es sich nicht nur um Manager der Marke Volkswagen, sondern auch der Marken Audi und gegebenenfalls Porsche handeln könnte. So soll unter anderem Friedrich Eichler, Chefentwickler bei VW mit dem Beamten sprechen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.

Die Geheimtricks bei Abgastests

Der Vorwurf

Dieser Vorwurf der US-Behörden wiegt schwer: Volkswagen soll auch bei aktuellen Motoren in den USA illegale Software einsetzen. Der Konzern halte Angaben zu den Programmen gezielt zurück, sagen die US-Abgaswächter. Die US-Umweltschutzbehörde EPA wirft dem VW-Konzern vor, auch bei Sechszylinder-Dieselmotoren mit 3,0 Litern Hubraum eine verbotene Software einzusetzen. Sollte der neue Vorwurf zutreffen, würde das den Abgas-Skandal zuspitzen. Denn dann käme die Abgas-Affäre in der Gegenwart bei aktuellen Motoren an. Auch die VW-Renditeperle Porsche geriete in den Strudel. Doch VW dementiert. Die Fragen und Antworten:

Wer ist die EPA und was macht sie?

Autobauer müssen bei der US-Umweltschutzbehörde EPA (United States Environmental Protection Agency) ihre Modelle testen lassen, um eine Genehmigung für den Verkauf zu erhalten. Die EPA hatte den Skandal um millionenfach manipulierte Diesel aus dem VW-Konzern losgetreten, als sie im September auf eine versteckte Software beim Vierzylinder-Motor EA 189 hinwies. Das Programm erkennt, dass die Autos für Abgastests auf dem Prüfstand sind und aktiviert einen Sparmodus, bei dem weitaus weniger Stickoxid ausgestoßen wird. Für das Gas gelten in den USA besonders strikte Grenzwerte. Volkswagen räumte die Vorwürfe ein.

Welche Dimension hat der jüngste Vorwurf?

Anfangs hatte die EPA in den USA nur den Vierzylinder-Motor EA 189 mit 2,0 Liter Hubraum im Visier und es ging um die Modelljahre 2009 bis 2015. Inzwischen wirft die US-Behörde dem Autobauer auch vor, bei Sechszylinder-Dieseln mit 3,0 Liter Hubraum zu tricksen – und es geht auch um das aktuellste Modelljahr, also um frisch gebaute Wagen.

Welche Modelle sind unter der EPA-Lupe?

Die Geländelimousinen VW-Touareg, Porsche Cayenne und Audi Q5 sowie die Limousinen Audi A6 Quattro, Audi A7 Quattro, Audi A8 und dessen Langversion. Rund 10 000 Wagen sind seit dem Modelljahr 2014 laut EPA verkauft worden, hinzu komme eine „unklare Zahl“ aktueller Modelle.

Was hält die EPA bisher in der Hand?

Die Behörde hat laut eigenen Angaben am 25. September – also eine Woche nach dem ersten Vorwurf gegen VW – alle Autobauer informiert, dass sie flächendeckend nach ähnlichen verbotenen Softwareprogrammen suche. Die EPA schreibt dazu: „Diese Tests haben erhebliche Bedenken ausgelöst über das Vorhandensein illegaler Abschalteinrichtungen in zusätzlichen Fahrzeugen von VW-Pkw, Audi und Porsche. (...) Es handelt sich um ein sehr ernsthaftes Thema für das Gesundheitswesen.“

Was sagt der VW-Konzern zu dem Vorwurf?

Der Autobauer teilte noch am Montagabend mit, dass nichts Illegales in den Fahrzeugen stecke: „Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter-V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern.“ Volkswagen werde mit der EPA „vollumfänglich kooperieren“, um alles aufzuklären.

Was ist der Kern des Problems, bei dem Aussage gegen Aussage steht?

Es geht um das komplexe Management für Motor, Getriebe und Abgase. Dabei greifen Softwarelösungen andauernd ein, nicht nur bei VW. Ein Motor muss etwa wissen, in welcher Höhe er unterwegs ist, weil das die Sauerstoffsättigung ändert. Für bestimmte Auslastungsbereiche führt die Steuerung auch Abgase zurück und verbrennt sie erneut.

Warum das geschieht?

Zum Beispiel wegen des Temperaturmanagements oder um gezielt Stickoxide zu reduzieren – ist hoch kompliziert und für Laien nicht zu beurteilen. Die Wolfsburger jedenfalls betonen in Reaktion auf den EPA-Vorwurf, es sei nichts geschehen, „um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. Bei dem kleineren Dieselmotor mit 2,0 Liter Hubraum räumte VW die Vorwürfe dagegen ein und gab zu, ein „defeat device“ zu nutzen, als ein Instrument für eine gezielte Veränderungen in der Testsituation. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) spricht dabei von einer „unzulässigen Abschalteinrichtung“.

Wie belegt die EPA, dass es sich um ein „defeat device“ handelt?

Die Behörde sagt, sie habe ihre Testmethoden daraufhin verfeinert, mögliche „defeat devices“ aufzuspüren. Und sie wirft VW vor, die verbotene Software ganz gezielt so ausgelegt zu haben, dass sie die Testprozedur in den USA erkennt und dann eingreift. Und die EPA behauptet, VW habe an der fraglichen Stelle Transparenz vermieden und Informationen zurückgehalten: „Die Software in diesen Fahrzeugen beinhaltet ein oder mehrere Zusatz-Instrumente zur Abgas-Kontrolle, die der Konzern bei der Zulassung der Modelle nicht offengelegt, beschrieben und begründet hat.“ VW fasst im Konjunktiv zusammen, dass „eine Software-Funktion vorhanden sei, die im Genehmigungsprozess nicht hinreichend beschrieben worden sei“. Zu dem konkreten Vorwurf der angeblich vorenthaltenen Informationen sagt VW bisher nichts.

Der Plan, den die Behörde gefordert hat, soll den Ablauf der Rückruf-Aktion im Detail beschreiben. In der Folge wird das Dokument dann vom Carb „und der EPA geprüft, um sicherzustellen, dass das Problem adäquat und sicher behoben wird, bevor VW mit dem Rückruf beginnen kann“, heißt es auf der Webseite des Boards.

Die beiden US-Behörden hatten am 18. September offengelegt, dass knapp 500.000 Autos der Marke VW eine Schummel-Software benutzen, um ihre Stickstoff-Emissionen bei Tests im Labor niedrig zu halten. Anfang November teilte die EPA dann mit, sie habe die Technik auch in einigen Audi- und Porsche-Dieselmodellen entdeckt. Eine Anschuldigung, die der VW-Konzern bestreitet.

Die Frist zwingt die Wolfsburger zu einem Spagat. Denn während die VW-Manager abseits der Öffentlichkeit mit den Aufsehern verhandeln, präsentiert sich Europas größter Autobauer im Rampenlicht der Auto-Show in Los Angeles. Tatsächlich handelt es sich um die erste Messe in den USA nach Bekanntwerden des Dieselskandals. Obwohl die Veranstaltung kleiner ausfällt als die Riesen-Shows in Detroit, Frankfurt oder Paris, hat sie vor allem für den amerikanischen Markt große Bedeutung.

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Kalifornien ist als größter Bundesstaat der USA auch einer der wichtigsten Automärkte – vor allem, wenn es um die Diesel-Technologie geht. „VW hat die meisten Diesel in Kalifornien verkauft“, gibt Karl Brauer vom Analysehaus Kelley Blue Book zu bedenken. Daher schauen die Autoexperten gespannt darauf, wie sich Volkswagen dort positioniert.

Wahrscheinlich ist, dass sich Volkswagen in Los Angeles zurückhalten wird. Vorstände aus Deutschland werden laut vorläufigem Plan nicht vor Ort sein. Das VW-Management soll keine Einzelinterviews mit Journalisten geben, und sich keiner größeren Journalistenrunde stellen – ungewöhnlich bei Presse-Tagen auf Automessen. Welche Modelle Volkswagen ab Mittwoch präsentiert, wird im Vorhinein nicht bekannt gegeben, sagte eine Sprecherin.

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