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04.05.2015

14:45 Uhr

VW vor der Hauptversammlung

„Martin Winterkorn ist gefestigt“

VonKirsten Ludowig

Einen Tag vor der Hauptversammlung stärken Aktionärsschützer Volkswagen-Chef Martin Winterkorn den Rücken. Die Diskussion um ihn halten sie für „unprofessionell“. Doch welche Rolle spielt Ferdinand Piëch morgen?

Wie angeschlagen ist der VW-Chef nach dem öffentlichen Vertrauensentzug? dpa

Martin Winterkorn

Wie angeschlagen ist der VW-Chef nach dem öffentlichen Vertrauensentzug?

DüsseldorfHauptversammlungen, selbst von Dax-Konzernen, sind meist recht langweilig. Auch das letztjährige Aktionärstreffen von Volkswagen war wenig spektakulär. Zwar gab es die bekannten Vorwürfe zur schon länger zurückliegenden Übernahme des Sportwagenbauers Porsche durch VW, die noch immer die Gerichte beschäftigt. Auch waren kritische Stimmen zur Höhe der Vorstandsvergütung zu hören. Von den meisten Rednern aber kamen Lobesworte. Und so lehnte der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch im Mai 2014, zu seiner Rechten Vorstandschef Martin Winterkorn, entspannt auf dem zurückgeschobenen Stuhl.

Dieses Jahr ist alles anders. Wenn die Aktionäre von Volkswagen am Dienstag um zehn Uhr auf dem Messegelände in Hannover zusammenkommen, fängt es damit an, dass der Mann, der den nach Toyota zweitgrößten Autobauer der Welt in den vergangenen Jahrzehnten prägte wie sonst niemand, auf dem Podium fehlen wird: Ferdinand Piëch.

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Der Wolfsburger Autokonzern Volkswagen hat fast die Spitze der Autoindustrie erobert. Aber die Margen sind nur Mittelmaß. Der Führungsstreit lähmt den Konzern, obwohl ein Showdown auf der Hauptversammlung ausbleibt.

Mit dem Satz „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ entfachte Piëch vor drei Wochen eine Führungsdiskussion bei dem Wolfsburger Konzern, die ihren vorläufigen Höhepunkt in dem überraschenden Rücktritt des 78-Jährigen und seiner Frau Ursula aus dem VW-Aufsichtsrat fand. Den Vorsitz des Kontrollgremiums übernahm vorübergehend Vize Berthold Huber, der frühere Chef der IG Metall. Er wird die Hauptversammlung am Dienstag leiten, die turbulent werden könnte. Einige Aktionäre dürften die Gelegenheit nutzen, ihrem Ärger Luft zu machen.

Ulrich Hocker, Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), erwartet in Hannover „viele Wortmeldungen zum Themenkomplex Piëch – Winterkorn“. Wer jedoch wissen wolle, wie Piëch künftig mit seinem Anteilsbesitz umgehe, sei auf der Hauptversammlung von Volkswagen falsch.

„Das wird, wenn überhaupt, auf dem Aktionärstreffen der Porsche SE am 13. Mai zu sehen sein“, sagt Hocker dem Handelsblatt. „Denn direkt beteiligt ist die Familie Piëch an der Porsche SE, nicht an Volkswagen.“ Die Porsche SE wiederum hält knapp 51 Prozent der Stimmrechte an der Volkswagen AG.

Nach Piëchs abruptem Rückzug als oberster VW-Kontrolleur fragen sich viele, ob er nun einen Teil oder sogar alle Aktien verkauft. In der Porsche SE ist Piëch weiterhin Mitglied im Aufsichtsrat, den sein Cousin Wolfgang Porsche führt.

Wichtige Zitate Ferdinand Piëchs

„Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“

Dieser kurze, aber eindeutige Satz von VW-Aufsichtsratschef und Firmenpatriarch Ferdinand Piëch vom 10. April 2015, löste die Debatte um VW-Chef Martin Winterkorn aus. Winterkorn galt kurz zuvor noch als unumstrittener Herrscher im VW-Reich sowie als sicherer Nachfolger von Piëch. Den Machtkampf entschied am 17. April 2015 zunächst Winterkorn für sich. Das Präsidium des Aufsichtsrat erklärte die Bereitschaft, den Vertrag des Managers über das Jahr 2016 hinaus zu verlängern.

„Nicht wirklich, aber immer noch besser als die anderen.“

Dass Ferdinand Piëch mit der Entwicklung von Volkswagen nicht zufrieden war, verdeutlichte er im März 2014 mit einer kurzen, aber deutlichen Aussage. Auf die Frage, ob er den VW-Konzern auf einem guten Weg sehe, antwortete er schlicht: „Nicht wirklich, aber immer noch besser als die anderen.“ Damit spielte er darauf an, dass es beim Autohersteller nach Jahren des Erfolgs nicht mehr rund lief. So brachen unter anderem verschiedene Auslandsgeschäfte ein und die Rendite näherte sich der Nulllinie. Besonders ärgerte sich Piëch damals darüber, dass Volkswagen in den USA trotz hoher Investitionen im Vergleich zur Konkurrenz weiter an Boden verlor.

„Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war.“

Im September des Jahres 2013 tauchten Gerüchte über einen angeblich bevorstehenden Abschied Ferdinand Piëchs aus gesundheitlichen Gründen auf. Zudem hieß es, dass der bisherige Konzernchef Martin Winterkorn als Piëchs Nachfolger feststehen würde. Sowohl der VW-Patriarch, als auch Konzern und Betriebsrat dementierten die aufkommenden Gerüchte. Piëch sagte dazu: „Totgesagte leben länger.“ . Außerdem fügte er hinzu, dass er klären wolle, wer der Urheber der Gerüchte war : „Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war.“

„Ich bin der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, ich bin nicht der Retter von Porsche.“

Um die Übernahme von Porsche zu finanzieren, stimmten die VW-Aktionäre im Dezember 2009 nach langer Debatte einer milliardenschweren Kapitalerhöhung zu. Trotz großer Kritik vieler Kleinaktionäre beschloss die Mehrheit der Stammaktionäre damit einen Vorratsbeschluss zur Ausgabe von bis zu 135 Millionen neuer, stimmrechtsloser VW-Vorzugsaktien. Dem Vorwurf, er habe Interessenkonflikte sowie der Kritik, dass die Kapitalerhöhung über Vorzugsaktien erfolgen solle und damit die Stammaktionäre schütze, entgegnete Piëch mit den Worten: „Ich bin der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, ich bin nicht der Retter von Porsche.“ Zuvor hatte Porsche Millionenschulden angesammelt, als sie versucht hatten, VW zu übernehmen.

„Zwölf ist eine gute Zahl.“

Mit dem simplen Satz „Zwölf ist eine gute Zahl" sorgte VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch kurz vor der IAA des Jahres 2009 für Aufsehen. Das Produktportfolio des Volkswagen Konzerns bestand damals noch aus neun Marken, inzwischen hat sich Piëchs Zitat bewahrheitet: Mit der Komplettübernahme der schwedischen Lkw-Tochter Scania im Jahr 2014 hat Volkwagen das Marken-Dutzend voll gemacht. Zum Konzern gehören die Marken Volkswagen, Audi, Seat, Skoda, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Porsche, Ducati, Volkswagen Nutzfahrzeuge, Scania und Man.

„Zur Zeit noch. Streichen Sie das 'noch'!"

Mit diesen Worten antwortete Ferdinand Piëch im Übernahmekampf zwischen Porsche und VW im Jahr 2009 auf die Frage, ob der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking noch sein Vertrauen genieße. Für Wiedeking gab es nach dieser Aussage des VW-Patriarchen und nach monatelangen Verhandlungen über eine mögliche Kooperation der beiden Konzerne keine Zukunft mehr bei Porsche. Im Juli 2009 trat Wiedeking von seinem Posten im Aufsichtsrat zurück und machte den Weg für eine gemeinsame Zukunft der Autobauer frei.

„Zwei Kranke in einem Doppelbett oder gar drei ergeben noch keinen Gesunden."

Mit diesen Worten entgegnete der VW-Patriarch am 11. Mai 2009 gelassen einer möglichen Kooperation von Fiat, Opel und Chrysler. Die drei Autohersteller hätten zu unterschiedliche Unternehmenskulturen, die eine erfolgreiche Kooperation verhinderten. Zudem war sich Piëch damals sicher, dass eine funktionierende Allianz etwa 15 Jahre Zeit brauche, genau wie beim Zusammenschluss von Volkswagen und Audi im Jahr 1969. Im Juni 2009 übernahm Fiat dann 20 Prozent der Anteile von Chrysler.

„Ich kenne kein Unternehmen in Deutschland, wo jemand mit zehn Arbeitnehmer-Gegenstimmen überleben konnte.“

Als es im März 2006 um die Zukunft des damaligen VW-Chefs Bernd Pischetsrieder ging, äußerte sich Ferdinand Piëch im Wall Street Journal Europe deutlich über Mehrheiten für die Vertragsverlängerung Pischetsrieders. Bedeutend war auch Piëchs Zusatz: „Es ist wirklich eine offene Frage." Ein halbes Jahr später war die Frage dann geklärt: Bernd Pischetsrieder verließ den Wolfsburger Autokonzern zum 31. Dezember 2006 und wurde von Martin Winterkorn abgelöst.

Und Winterkorn? Wie angeschlagen ist der VW-Chef nach dem öffentlichen Vertrauensentzug? „Die Kritik von Ferdinand Piëch dürfte sicherlich an Martin Winterkorn hängen bleiben“, erwartet Daniel Bauer, Mitglied im Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Sollte Volkswagen in den kommenden Quartalen jedoch Erfolge vorweisen können, dann würde die Kritik aber auch schnell wieder vergessen und Winterkorn sogar der neue starke Mann bei VW sein.

„Martin Winterkorns Position im Unternehmen ist gefestigt – gerade nach der Zusage, seinen Vertrag zu verlängern“, so DSW-Präsident Hocker. Klar sei aber: „Die ganze Debatte war unprofessionell und überflüssig.“ Ingo Speich, Portfoliomanager bei Union Investment, kritisiert. „Es ist immer ein Governance-Risiko, wenn die Macht in einem Unternehmen auf wenige Köpfe konzentriert ist. Deshalb wäre es sehr zu begrüßen, wenn sich die Führung bei VW stärker in Richtung eines Teamansatzes bewegt.“

Kommentare (3)

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Herr JP Keller

04.05.2015, 17:26 Uhr

Über knapp 20 Jahre habe ich die VW-Werke besucht und kann bestätigen: Der Alte wurde tatsächlich gefürchtet. Aber nicht so sehr wegen seines Mangels an Harmoniebedürftigkeit als viel mehr wegen seines messerscharf-versierten Sachverstandes. Dazu kam sein Anspruch, Weltklasse oder Nichts! Nur so wurde - gegen jede bisherige Branchenweisheit - die Fuge doch noch beherrschbar. Es folgten Plattformen und MQB...Vermutlich noch weit wichtiger als die Durchsetzung solcher produktionstechnologischer Konzepte war sein imanener Ehrgeiz, der Qua Natura jede Form von Selbstzufriedenheit gänzlich ausschloss. Hieran sind schon manche angestellte Fürsten auf C-Level gestolpert. Ob dies Winterkorn auch gelingen wird, muss in der Tat bezweifelt werden. Unter seiner Führung wurden schon bisher zu viele Kompromisse gemacht: Nicht nur die zu hohe Kostenstruktur, der schleppender USA-Aufbau und die zu grosse Fertigungstiefe mit sehr hohen Lohnstrukturen sind hier zu sehen. Auch die vielen "Professoren-Titel, h.c. "widersprechen dem Geiste eines FP).
VW sollte eben nicht zufrieden sein mit sich selber. Im Gegenteil. Ein Piech würde im AR dafür sorgen, dass man Toyota erst einmal auch auf EBIT-Line die Stirn bieten kann... und dann die Jahre zählen, die man an der Automobilspitze hinlegt.

Frau Ute Umlauf

04.05.2015, 18:49 Uhr

Modellpaletten- u. Fertigungstiefen im unwirtschaftlichen Bereich mit kleinst Stückzahlen lassen keine höhere Rendite zu. Hier gehört der Hebel radikal angesetzt. Nicht Stückzahl über allem ... sondern Rendite. So sah es bereits der Prof. Porsche!!!

Herr Norbert Prodante

05.05.2015, 11:32 Uhr

Das ist der Anfang vom VW Ende!.
In 10 Jahren erwartet uns eine Rückentwicklung zum Mittelmaß (kein Konzern mehr, sondern ein Kolchos, wird die Folge)
Derjenige, der sucht Schutz für seine Verfehlungen in der Politik, der hat nicht verdient zu bleiben.
Alles andere ist irrelevanter Quatsch!

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