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22.01.2009

11:26 Uhr

Was Fiat in die Arme von Chrysler treibt

Fiat steht sehnsüchtig am Abgrund

VonMark C. Schneider, Jan Keuchel, Katharina Kort

Fiat erfüllt sich seinen amerikanischen Traum und verlobt sich mit Chrysler. Treue Fans der italienischen Marke sind schockiert, Analysten spotten. Doch Fiat-Boss Sergio Marchionne hat schon manch anderen Paukenschlag gelandet – und steht offenbar bereits vor dem nächsten Coup.

Will zu neuen Ufern: Fiat-Chef Sergio Marchionne. Foto: Reuters Reuters

Will zu neuen Ufern: Fiat-Chef Sergio Marchionne. Foto: Reuters

MAILAND/DORTMUND/HAMBURG. Mitten in Dortmund ein kleines Stück Italien. In der Vitrine, auf dem Regal, eingelassen in den Wohnzimmertisch, auf Bildern, als Drahtgestell – überall Modelle ihres Lieblings. Und in der Garage steht er ganz in echt, Manfreds und Martinas großer Stolz, Baujahr ’65, weiß mit schwarzem Verdeck, umgebaut zum Zweisitzer und auf 45 PS aufgemotzt. Ein Fiat 500, das Original versteht sich. „Das ist noch ein Auto mit Gesicht“, sagt Martina Schneider, und ihr Mann Manfred nickt.

Gäbe es die Schneiders nicht, man würde sie erfinden. Manfred und Martina, wie sie auf ihrer Wohnzimmercouch sitzen, rauchen, auf den Fernseher schauen und gleichzeitig von ihrer Leidenschaft erzählen. Dass Manfred zufällig 1984 einen der „Kleinen“ reparierte, wie sie vor mehr als zehn Jahren den Fanclub „Fiat Flöhe Ruhrpott“ gründeten, und wie sie seither all den Lästereien begegnen. Fiat – Fehler in allen Teilen? „Feuer in allen Töpfen“, kontert Manfred, grinst und stößt den Zigarettenqualm durch seinen Schnauzbart. Martina nickt.

Trotzdem stehen die Schneiders nicht bedingungslos hinter der italienischen Automarke, da setzt sich dann doch der typische Realismus der Menschen im Revier durch. Den neuen 500, das Retro-Mobil, würden sie nie kaufen, sagt Manfred. Viel zu teuer, zu reparaturanfällig und gesichtslos. „Vom Motor her ist der ein Panda, und von hinten sieht er aus wie ein Nissan-Micra.“

Dass das mal bloß Sergio Marchionne nicht zu Ohren kommt. Denn der Fiat-Boss im fernen Turin glaubt nun noch fester daran, gerade mit dem neuen „Cinquecento“ punkten zu können. Nicht nur in Deutschland, wo die Verkaufszahlen gut sind, sondern auch endlich in den USA. Die Sehnsucht nach dem großen Erfolg jenseits des Atlantiks – nun scheint sie sich endlich zu erfüllen. Sagt Marchionne.

Und nicht nur dort. Denn Marchionne blickt offenbar auch noch nach Europa, direkt vor die Haustür, nach Frankreich. Der Turiner Autobauer erwägt nach italienischen Medienberichten langfristig eine Fusion mit PSA Peugeot Citroën. Zu diesem Zweck prüften Fiat-Chef Sergio Marchionne und die Agnelli-Familie als Fiat-Großaktionär eine Kapitalaufstockung von rund zwei Milliarden Euro, berichtete die römische Tageszeitung „La Repubblica“ ohne Nennung von Quellen. Ein Fiat-Sprecher wollte die Gerüchte nicht bestätigen.

Auch die französische Seite wollte sich nicht zu den Berichten über einen möglichen Zusammenschluss mit dem italienischen Wettbewerber äußern. Man konzentriere sich ganz darauf, aus der Krise herauszukommen, sagte ein PSA-Sprecher. Eine mögliche Fusion des Turiner Automobilherstellers mit dem französischen Unternehmen ist aber bereits seit längerem im Gespräch.

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