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16.07.2014

12:22 Uhr

Wechsel von Ex-Ford-Chef Mulally

Müssen die Autokonzerne Google fürchten?

VonLukas Bay, Christof Kerkmann

Der ehemalige Ford-Chef Alan Mulally wechselt ins Board von Google. Damit holt sich der Konzern einen exzellent vernetzten Autoexperten – der zum Türöffner für den Technologiekonzern werden könnte.

Frischer Wind

Autolegende soll Google das Fahren beibringen

Frischer Wind: Autolegende soll Google das Fahren beibringen

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DüsseldorfFür jeden, der Autos liebt, ist das Google Car nicht weniger als eine Beleidigung: Von außen sieht die kleine Plastikkugel aus wie ein Wesen aus dem Teletubbie-Land - kein Chrom, kein wummernder Motor und vor allem: kein Lenkrad. Wenn es allein um das Design ginge, müsste wohl kein Autokonzern den IT-Riesen Google als Konkurrenten fürchten.

Doch das Google Car ist natürlich viel mehr als ein Auto. Es ist eine Ansage. Wenn es um die Mobilität der Zukunft geht, will Google mitspielen.

Je mehr das vernetzte Auto zum Smartphone auf Rädern mutiert, desto interessanter wird es für den Internetkonzern. Der Wechsel des ehemaligen Ford-Chefs Alan Mulally ins Board von Google ist nur ein weiterer Schritt auf diesem Weg. Mit dem ausgewiesenen „car guy“ hat Google nun einen Topmanager im Board, der in der Branche exzellent vernetzt ist – und damit der Türöffner für weitere Deals mit der Autoindustrie werden könnte.

Google hat ein doppeltes Interesse an der Autoindustrie. Zum einen hält das Internet ins Auto Einzug – die Technologiekonzerne kämpfen um den Platz auf dem Armaturenbrett, damit die Nutzer auch unterwegs das Smartphone samt der installierten Dienste nutzen können. Zum anderen treibt der Konzern die Entwicklung selbstfahrender Fahrzeuge voran, wie sich unter anderem am Google Car zeigt.

Bei der Einbindung der Smartphones liefern sich Google und Apple ein hartes Rennen. Android Auto bringt die vom Smartphone bekannte Bedienung auf die Auto-Displays - und die Navigation soll von der Verknüpfung der Google-Karten mit Kalender und Adressbuch der Android-Nutzer profitieren. 40 neue Partner hat Google schon dafür gewonnen. Darunter sind unter anderem Audi, Volkswagen, Opel, Renault, Fiat und Volvo. Software-Entwickler können speziell Apps für den Einsatz im Auto schreiben. Das System ähnelt dem Konzept „CarPlay“ von Apple.

Eine – mögliche – Liste der Daten aus dem vernetzten Fahrzeug

Identifikationsdaten des Fahrzeugs

Identifikationsdaten des Fahrzeugs und der Hardware – etwa Codierung in Prozessoren oder Chips, Softwarelizenzen, Computerzugänge für Updates oder Wartung.

Kommunikations- und Logdaten

Kommunikations- und Logdaten wie IP-Nummer oder Mobilfunknummer.

Übertragen und Verifizieren der Identifikationsdaten des Fahrers oder des Besitzers

Das ist nicht nur das Einloggen in den Bordcomputer des Autos. Das Fahrzeug loggt sich in das Mobilfunknetz ein und greift auf die unterschiedlichsten Cloud- oder Rechenzentrumsanwendungen verschiedener Hersteller zu. Die
Identifikation ist beispielsweise über Passwort, Kreditkarte, Augenscan oder Fingerabdruck möglich.

Übertragung der technischen Daten des Autos

Der Bordcomputer sammelt diese Daten von den Sensoren oder Messgeräten im Fahrzeug. Sie geben den Leasingbanken oder den Werkstätten detailliert Auskunft über Zustand, Wartung und Wert des jeweiligen Fahrzeugs.

Daten des digitalen Fahrtenbuches

Das sind beispielsweise Bewegungsdaten, die über GPS und Kartendienste gesammelt werden. Der Weg eines Fahrzeugs führt über Berge oder durch die Stadt. Die Anwendungen in den Rechenzentren kalkulieren besondere Risiken durch Abnutzung, Diebstahl, Steinschlag ...

Daten über das Fahrverhalten des Fahrers zur Ergänzung des Profils

Wo ist die Person momentan unterwegs, wie ist der Fahrstil? Ergänzung und Update des Datenbestandes mit den Daten der aktuellen Fahrt.

Daten aus dem Mobiltelefon

Das Mobiltelefon ist als Schnittstelle an den Bordcomputer angeschlossen. Es liefert Logdateien an den Mobilfunkanbieter, Verbindungsdaten und Daten für die Datenübertragung und Telefongespräche. Die Datensätze zeigen
Dauer und Umfang des Downloads, Gesprächsdauer und Ort des Gespräches.

Daten aus der Cloud oder den Rechenzentren der Autohersteller

Die Anwendungen sammeln Daten über den Zustand der Leasingflotte, den Wert jedes einzelnen Fahrzeugs, dessen Abnutzung, und berechnen einen Blick in die Zukunft. Wie sehr wird das Fahrzeug vom derzeitigen Halter beansprucht und wie hoch ist der Wertverfall bis zum Ablauf des Leasingvertrages?

Daten aus den digitalen sozialen Netzwerken

Gleichgültig ob der Fahrer chattet, telefoniert, Bilder postet oder Geschäftskontakte recherchiert, die sozialen Netzwerke halten den Kontakt und schicken Bilder, Werbung und Text direkt ins Auto.

Daten aus den Fahrerassistenzsystemen

Das Fahrzeug überträgt ständig Positionsdaten und erhält Daten beispielsweise über die anderen Fahrzeuge auf einer Straße zurück.

Daten aus Clouds der Business-Prozess- oder Office-Anbieter

Die Anbieter von Unternehmenssoftware haben ihre Anwendungen für mobile Geräte erweitert. Autofahrer können über ihre Bordcomputer oder Smartphones auf Dokumente, Datensätze, Mails, Chats und Listen zugreifen und sie in das Fahrzeug übertragen.

Verbindungsdaten des Netzanbieters

Entlang der gefahrenen Strecke erhält der Mobildienstleister die Verbindungsdaten mit dem Mobilfunknetz.

Stromlieferanten

Beim Laden identifizieren sich die Elektrofahrzeuge gegenüber dem ausgewählten Stromlieferanten für die Abrechnung – beispielsweise über die Telefonrechnung oder die Kreditkarte.

Der eCall-Datensatz

Ein kleiner Datensatz, der die Rettungskräfte über einen Unfall sofort informiert (ab 2015 wohl Pflicht in Neuwagen). Der Datensatz ist bei Autoherstellern und Versicherungen sehr begehrt. Derjenige, der den Datensatz als Erster bekommt, bestimmt das Geschäft mit Reparatur, Werkstätten und Unfallwagen.

Bei Ford trieb Mulally die Vernetzung des Autos voran und ließ beispielsweise Programmierer Apps für Ford-Fahrzeuge schreiben. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Konzern im Februar den neuen Focus auf der Mobilfunkmesse in Barcelona vorstellte, nicht auf dem Genfer Autosalon. Mulally weiß daher um die Schwierigkeiten, digitale und automobile Welt mit ihren unterschiedlichen Entwicklungszyklen und Kulturen zusammenzubringen. Davon könnte nun auch Google profitieren.

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