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25.06.2012

16:40 Uhr

Wegen Schuldenkrise

Pharmalobby will EU Zugeständnisse abringen

Die Euro-Krise könnte das Gesundheitssystem der Schuldenstaaten gefährden. Weil Länder wie Griechenland ihre Rechnungen für importierte Medikamente nicht begleichen, stoppen erste Pharmafirmen ihre Lieferungen.

Keine Lieferung mehr nach Griechenland: Abfüllung beim Pharmakonzern Biotest. Biotest AG

Keine Lieferung mehr nach Griechenland: Abfüllung beim Pharmakonzern Biotest.

LondonDie Chefs europäischer Pharmakonzerne drängen die EU-Führung vor dem Krisengipfel in dieser Woche zu Zugeständnissen, um die Versorgung von Krisenländern wie Griechenland und Spanien mit Medikamenten zu sichern. Das Problem: Angesichts der schlechten Wirtschaftslage in Südeuropa geben die Pharmafirmen dort große Rabatte auf ihre Medikamente.

Die Pillen und Salben bleiben aber nicht in den Ländern, sondern werden in großem Stil in reiche Staaten wie Deutschland weiterexportiert, in denen die Preise normalerweise höher sind. Den Konzernen entgehen dadurch nach eigener Aussage hohe Einnahmen, die sie bräuchten, um die teure Forschung an neuen Mitteln zu finanzieren.

Andrew Witty, Chef des britischen GlaxoSmithKline -Konzerns und Vorsitzender der europäischen Pharma-Branchenvereinigung Efpia, warnte deshalb in einem Brandbrief an die EU-Führung, dass die derzeitige Politik einer Industrie mit 660.000 Jobs schade.

„In diesen außergewöhnlichen Zeiten für Europa, seine Wirtschaftsräume und seine Bürger bedeutet Business as Usual - also Schritte zur Kostensenkung, die den Markt verzerren - dass woanders investiert wird“, schrieb Witty. Der Brief, den Reuters einsehen konnte, ist unter anderem an EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso adressiert.

Die größten Mogelpackungen

Scheininnovationen

In neuen Medikamenten steckt oft gar kein neuer Wirkstoff. Doch mit einem neuen Patent auf eine leicht abgewandelte Rezeptur können Pharmariesen höhere Medikamentenpreise durchsetzen. Welche Arzneien auf alten Rezepturen fußen.

Verhütungspille Zoely

Seit Anfang des Jahres ist die Verhütungspille auf dem deutschen Markt erhältlich. Das "Arznei-Telegramm" bemängelt die schlechte Verträglichkeit des Präparats und auftretende Nebenwirkungen wie Akne, Blutungsunregelmäßigkeiten, Gewichtszunahme oder psychische Störwirkungen.

Psychopharmaka Seroquel und Lyrica

Die Medikamente werden bei Epilepsie oder Angststörungen eingesetzt. Experten bezweifeln aber, ob sie mehr nutzen als bewährte Arzneien.

Cholesterin-Senker Inegy

Auch der Cholesterin-Senker Inegy nutze den Patienten nicht, meinen Experten.

Grippemedikament Tamiflu

Wie Wissenschaftler der Cochrane Collaboration herausgefunden haben wollen, bringt Tamiflu den Patienten keinen Zusatznutzen. Es gebe keine Beweise dafür, dass das Grippemittel schwere Komplikationen wie Lungenentzündungen verhindern könnten, erklärt das Team um den britischen Epidemiologen Tom Jefferson. Trotzdem setzte der Pharmariese Roche mit dem Mittel Milliarden um.

Die Pharmafirmen steht angesichts der Schuldenkrise vor einem Dilemma. Sollten sie die Lieferungen an bestimmte Länder wegen Zahlungsrückständen einstellen, droht den dortigen Gesundheitssystemen der Kollaps. Der moralische Druck ist deshalb groß, die Staaten weiter zu versorgen.

Ein deutsches Unternehmen zog bereits Konsequenzen. Der auf Blutplasmaprodukte spezialisierte Pharmakonzern Biotest kündigt Mitte des Monats an, wegen unbezahlter Rechnungen in Millionenhöhe seine Lieferungen nach Griechenland zu stoppen

Kommentare (8)

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25.06.2012, 16:47 Uhr

That's EU!!! Eine tolle Sache!

Account gelöscht!

25.06.2012, 17:12 Uhr

Da wundert man sich noch über eine Schuldenkrise?
Gerade die Pharmaindustrie sollte hier brav den Mund halten, statt ihre Medis überall genauso teuer verkaufen zu wollen, wie in Deutschland, und das noch mit EU-Subventionen.
Dreister gehts ja nicht mehr.

Account gelöscht!

25.06.2012, 17:49 Uhr

Sollen die Schuldenländer andere Ausgaben kürzen, wenn sie Medikamente haben wollen!
Oder mit den Folgen leben.
Ich bin ganz gewiss kein Freund der Krankheitsausbeutungsindustrie; aber wer moralischen Druck ausübt, dass die ihre Pillen an die "Armen" Südeuropäer verschenken, der soll gefälligst aus seinem eigenen Portemonnaie die Heilmittel für den Süden bezahlen!

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