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08.05.2012

06:59 Uhr

Werk Rüsselsheim

Opel hält Mitarbeiter mit Astra-Entscheidung hin

Die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass Opel den Astra ab 2015 im Ausland produzieren wird. Doch statt die ungeliebte Wahrheit auszusprechen, windet sich Opel-Chef Stracke in Worthülsen.

Opel-Mitarbeiter arbeiten im Werk in Rüsselsheim an Bodengruppen. dapd

Opel-Mitarbeiter arbeiten im Werk in Rüsselsheim an Bodengruppen.

BerlinEine Entscheidung über die Verlagerung der Produktion des Opel Astra vom Stammwerk Rüsselsheim ins Ausland ist der Unternehmensführung zufolge noch nicht gefallen. „Wir führen Gespräche mit den Arbeitnehmern“, sagte Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke der „Bild“-Zeitung.

„Nach Abschluss dieses Informations- und Beratungsprozesses wird das Unternehmen entscheiden, in welchen Werken ab dem Jahr 2015 die nächste Generation des Astra hergestellt wird.“ Diese Entscheidung sei Teil „eines umfassenden Plans, unser Geschäft nachhaltig profitabel zu gestalten“.

Kommentar: Opel wappnet sich für das Ende in Bochum

Kommentar

Opel wappnet sich für das Ende in Bochum

Der Opel-Astra könnte bald nicht mehr in Deutschland gebaut werden. Was wie ein Schlag gegen das Stammwerk in Rüsselsheim aussieht, ist in Wahrheit einer gegen Bochum. Mit dem Astra-Aus wird die Schließung vorbereitet.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hatte am Montag unter Berufung auf Gewerkschaftsvertreter berichtet, die nächste Generation des Astra solle von 2015 an nur noch nur noch in Polen und Großbritannien produziert werden.

In Rüsselsheim war die Astra-Produktion 2011 angelaufen, in dem Jahr wurden laut Opel 18.300 Fahrzeuge hergestellt. Europaweit fertigte Opel dem Unternehmen zufolge fast 329.000 Einheiten des Modells.

Stracke betonte, die Produktion des Astra sei bis Ende 2014 in Rüsselsheim sicher. „Wir stehen klar zu unserer Zusage, den aktuellen Astra bis Ende 2014 in Rüsselsheim zu fertigen“, sagte er „Bild“.

Im Vordergrund stünden neben Investitionen eine umfassende Auslastung der Astra-Werke: „Wir planen, mehr als 300 Millionen Euro in den Bau der nächsten Astra-Generation zu investieren und die Astra-Werke im Dreischichtbetrieb auszulasten, um nachhaltig profitabel zu arbeiten.“

Opels bewegte Geschichte

Eine Achterbahnfahrt

Die Firmengeschichte der Adam Opel AG gleicht einem spannenden Roman, den man nicht besser erfinden könnte. Es folgt die aufregende Geschichte des Autobauers.

Die Wurzeln

Alles begann mit Nähmaschinen: Die Wurzeln von Opel reichen bis ins Jahr 1862 zurück. Damals gründete Adam Opel ein Unternehmen zum Nähmaschinen-Bau und legte damit den Grundstein für die spätere Adam Opel AG.

Opel baut Fahrräder

1886 nahm Opel die Produktion von Fahrrädern auf - zunächst mit Hochrädern. 1899 rollte das erste Automobil aus der Fabrik in Rüsselsheim. Seit 1929 gehört Opel zum US-Konzern General Motors (GM).

Der „Laubfrosch“

Als erster deutscher Hersteller führte Opel 1923 die Serienfertigung am Fließband ein. Als Hersteller von preisgünstigen und robusten Gebrauchsfahrzeugen wie dem legendären „Laubfrosch“ wurde Opel populär.

 

Raketenautos

Spektakuläre Experimente mit Raketenautos durch Fritz von Opel trugen zum Image eines modernen Unternehmens bei. Der Marktanteil in Deutschland lag damals bei heute kaum vorstellbaren 26 Prozent, der spätere große Konkurrent Volkswagen war noch nicht einmal gegründet.

Erste Risse

Doch das Fundament von Opel zeigte erste Risse. Für die Einführung der Massenproduktion waren enorme Investitionen notwendig. Wilhelm von Opel, damals der Kopf des Unternehmens, erkannte, dass ein reines Familienunternehmen mit den horrenden Investitions- und Entwicklungskosten in der Autoindustrie auf Dauer überfordert sein würde.

GM fühlt vor

Schon 1926 hatte von Opel bei General Motors vorgefühlt, ob der US-Konzern an einer Beteiligung interessiert sei. Zwei Jahre später nahmen die Firmen den Gesprächsfaden wieder auf.

Übernahmekandidat

Inzwischen war Opel für GM ein interessanter Übernahmekandidat geworden. Die steigenden Zollbarrieren, mit denen die Reichsregierung die deutschen Autohersteller schützen wollte, zwangen GM, über Alternativen zum Import fertiger Fahrzeuge nachzudenken. Es war die Idee von Konzernchef Alfred Sloan, die Produktion für den europäischen Markt nach Deutschland zu verlagern und dazu ein etabliertes Unternehmen zu kaufen.

Opel macht Eindruck

Als eine GM-Delegation 1928 in Europa mehrere Werke besichtigte, machte Opel auf Sloan einen hervorragenden Eindruck: „70 Prozent des Maschinenparks sind in den vergangenen vier Jahren neu angeschafft worden“, notierte Sloan: „Die Werksstruktur ist flexibel und der Fertigung neuer Modelle leicht anzupassen.“ Am 17. März 1929 übernahm der Konzern für 33 Millionen Dollar die Aktienmehrheit an Opel, nach damaligen Maßstäben ein Mega-Deal.

Erst spät rentabel

Verzinst hat sich das Investment lange nicht: Erst verhinderte die Weltwirtschaftskrise, dann die NS-Diktatur eine erfolgreiche transatlantische Zusammenarbeit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Opel für General Motors rentabel. 1954 baute Opel erstmals pro Jahr mehr als 150.000 Fahrzeuge, heute sind es rund 1,2 Millionen.

Die finsteren 80er

Doch ab den 80er Jahren kippte die Entwicklung: Opel verschlief den Wechsel zum Frontantrieb: Der Herausforderer VW-Golf war einfach praktischer als der Rivale Kadett, der noch mit Heckantrieb fuhr. Auch den von VW gestarteten Dieseltrend verschlief Opel.

12Kampf mit VW

In den 90ern prügelte sich Opel vor allem mit VW um seinen ehemaligen Manager José López, der nach Wolfsburg gewechselt war und angeblich Industriespionage begangen hatte. Doch in den López-Jahren hatten bei Opel Qualitätsprobleme begonnen, die das einst lupenreine Image der Marke beschädigten. Und die Mutter GM nutzte das Können der Opel-Ingenieure dann für eigene Projekte in Übersee, wie in Brasilien. Aber nicht für Opel-Autos.

GM behindert Opel

Außerdem verhinderte GM den weltweiten Export von Opel, das zusammen mit den britischen GM-Tochter Vauxhall auf Europa beschränkt bleiben sollte. Während Volkswagen zu einem mächtigen Global Player heranwuchs, wurde Opel von General Motors nur unzulänglich gefördert. Wichtige Märkte wie China sind Opel bis heute versperrt, weil GM hier auf andere Konzernmarken baut.

Die große Krise 2008

Als 2008 die große Autokrise ausbrach, explodierten die Probleme bei Opel: Das Unternehmen hing am Tropf der US-Mutter, die dann aber selbst in die Insolvenz ging. GM wollte Opel schnell verkaufen und wurde sich 2009 handelseinig mit dem Zulieferkonzern Magna.

Der Deal platzt

Doch dann besann sich GM und sagt den Deal ab. „Das ist ein klares Bekenntnis zum europäischen Geschäft, das für GM von entscheidender Bedeutung ist“, sagte der damalige Konzernchef Ed Whitacre im März 2010. Whitacre schickte den hemdsärmeligen Nick Reilly als Sanierer zu Opel: 8.000 Jobs wurde gestrichen, das Werk in Antwerpen geschossen, die Fabrik in Bochum gesundgeschrumpft.

Der Neustart

Jetzt steckt Opel mitten im Neustart: Die Modelle sind neu und schneiden in Tests gut ab. Der kleine Corsa sitzt dem viel teureren VW-Polo bei den Neuzulassungen im Nacken. Bei den Mini-Vans ist der praktische Meriva an der Spitze der Zulassungen und der Astra-Kombi läuft nach Firmenangaben gut an.

 

Der Insignia

Ein Problem hat Opel aber bei den größeren Modell: Der Insignia ist technisch gut, kommt aber beim Absatz nicht in die Nähe des Platzhirsches Passat. Gerade bei den größeren Autos wird aber das große Geld verdient. Und darüber hat Opel gar kein Angebot mehr, weder Rekord, noch Omega, Senator, Diplomat, Admiral oder Kapitän. Und den Manta schon gar nicht.

Die heutigen Verkäufe

Gemeinsam mit der britischen Schwestermarke Vauxhall verkaufte Opel 2010 mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge in Europa, was einem Marktanteil von 6,2 Prozent und Platz fünf im Markt entspricht. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr mehr als 243.000 Wagen verkauft, damit lag Opel auf dem dritten Rang.

Opel International

Das Unternehmen betreibt Werke und Entwicklungszentren in sechs europäischen Ländern und beschäftigt nach eigenen Angaben europaweit 40.500 Mitarbeiter. Opel baut in Deutschland neben dem Hauptstandort in Rüsselsheim Autos in Bochum und Eisenach. In Kaiserslautern werden zusätzlich Motoren und Teile gefertigt.

Von

afp

Kommentare (4)

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bjarki

08.05.2012, 02:56 Uhr

Die Geschicke der hochdefizitären Opel Werke entscheidet GM. Und die haben kein Interesse mehr weiter Geld zu verbrennen. Da kann ein Herr Stracke soviel versprechen wie er mag. Bald ist Opel Geschichte, verfehlte Modellpolitik über zig Jahre werden dann dieses Kapitel schliessen.

OpelWerte

08.05.2012, 07:08 Uhr

Letztendlich entscheidet der Kunde mit seiner Kaufentscheidung, ob Werke im Land bleiben oder nicht. Für die Wurzeln der Markenwerte ist es natürlich wichtig, dass in Deutschland Werke weiter zu finden sind. Aber dieser Umstand trifft leider auf immer weniger Marken zu.

Immer mehr Marken sehen sich mehr Handelsmarke, die auf lokale Kaufbedürfnisse eingeht, aber sich volkswirtschaftlich entkoppelt, was die Produktionsstandorte betrifft. Das ist natürlich für Volkswirtschaften gefährdend, da keine Arbeitsplätze und Investitionen im Land gebunden werden. Es wird schwieriger komplexe Prozessketten zu halten. Volkswirtschaften, die noch über einen breiten Produktmix verfügen, können es kompensieren, wenn einzelne Branchen sozusagen ausflaggen. Aber es wird zunehmend schwieriger.

Was bei OPEL aber schädlicher ist, dass permanent ergiebig jeder Entscheidungsweg in der Presse ausgelebt wird. Da Käufe auch eine emotionale Angelegenheit sind und verunsicherte Kunden auch noch weniger markentreu sind, ist es keine frohe Kunde für die Marke OPEL. Letztendlich ist so noch mehr Werbung nötig, die die Kosten nach oben treiben.

sosiemens

08.05.2012, 09:35 Uhr

Sehr geehrte/-r bjarki,

daran, dass bei Opel Geld verbrannt wird, ist in erster Linie GM schuld. Ein Tatsache, die mittlerweile als allgemein anerkannt gilt. Des Weiteren hat Opel innovative und qualitativ gute Produkte, bringt dies aber marktingtechnisch nicht auf die Straße.
Auch aufgrund der unsäglichen 90er Jahre, als man durch Kostendruck aus den USA den einst hervoragenden Opel-Ruf mit miserabler Qualität kaputt gespart hat.
Ich frage mich nur, warum es in der Deutschen Öffentlichkeit dieses allgemeine Opel-Bashing gibt.
Wieviele VW's würden beispielsweise noch in Deutschland gebaut, wenn es das VW-Gesetz nicht gäbe?!
Und erstaunlich viele Mitbürger kaufen Ihre Mecedesse made in USA für teuer Geld: Der Produktionskostenvorteil geht an die Aktionäre, nicht an den Kunden. Die erhielten dafür aber nicht immer die gewünschte/erwartete Mecedes-Qualität.
Auch 2009 wurde Opel schon totgesagt, weil GM Pleite war (nur komisch das Magna das Unternehmen gerne übernommen hätte).
Und wie heißt es im Volksmund: Totgesagte leben länger.

Mit freundlichen Grüßen
Sven O. Siemens

PS: Hyundai wird die nächste Macht im Automobilbau. Und deren euopäisches Entwicklungszentrum befindet sich, welch Ironie, in Rüsselsheim.


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