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07.10.2013

18:18 Uhr

Werkverträge

Daimler-Betriebsrat geht auf die Barrikaden

Der Autobauer Daimler steht wegen Scheinwerkverträgen in der Kritik. Es laufen Prozesse. Jetzt haben die Stuttgarter soziale Mindeststandards für Werkverträge festgelegt – die Arbeitnehmervertreter laufen Sturm.

Produktion der neuen A-Klasse von Mercedes-Benz im Werk Rastatt: Der Betriebsrat kritisiert das Unternehmen wegen neuer Mindeststandards zu Werkverträgen scharf. dpa

Produktion der neuen A-Klasse von Mercedes-Benz im Werk Rastatt: Der Betriebsrat kritisiert das Unternehmen wegen neuer Mindeststandards zu Werkverträgen scharf.

StuttgartBeim Autobauer Daimler sind Verhandlungen zwischen Vorstand und Gewerkschaft über die Vergabe von Werkverträgen gescheitert. In den mehrtägigen Verhandlungen sei deutlich geworden, dass der Konzern „in erster Linie Kosten drücken will und ihn faire Bedingungen nicht wirklich interessieren“, erklärte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erich Klemm am Montag. Daimler beschloss ohne den Betriebsrat Standards für die Vergabe von Werkverträgen, wie das Unternehmen mitteilte. Diese gingen über bereits bestehende rechtliche und vertragliche Regelungen hinaus.

Bei Daimler arbeiten nach Angaben des Betriebsrates rund 6300 Leiharbeiter; zur Anzahl der Beschäftigten in Werkverträgen gebe es keine klaren Angaben. Insgesamt gehören demnach 168.000 Menschen zur Belegschaft. Zahlen gibt es allein für die Zentrale mit 12.000 Beschäftigten – hier sind laut Betriebsrat 1900 Menschen in Verwaltung, Forschung und Entwicklung in Werkverträgen beschäftigt.

„Es geht aber zunehmend auch um Arbeitsplätze in der Logistik und in der Produktion“, sagte Betriebsratssprecherin Silke Ernst. Der Betriebsrat habe Mindeststandards bei der Vergütung gefordert, erklärte Gesamtbetriebsratschef Klemm. Auch Werk- und Dienstleistungsunternehmen müssten Tarifverträge anwenden – die Beschäftigten also nach jeweils gültigem regionalen Tarifvertrag bezahlen.

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Das Unternehmen dagegen beschränke seine Anforderung an Fremdfirmen darauf, dass diese den untersten Mindestlohn der jeweiligen Branche zahle. Dies garantiere keine „faire und angemessene Vergütung“, kritisierte Klemm. Unter bestimmten Bedingungen könnten Menschen, die im Auftrag von Daimler arbeiteten, auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Sie hätten keinen Anspruch auf Urlaub oder Urlaubsgeld. Zudem wollte der Betriebsrat die Leiharbeit im Betrieb „weiterhin begrenzen“". Das Unternehmen dagegen wolle die Leiharbeitsquote „künftig deutlich erhöhen“, wie Klemm erklärte. Hier sei keine Einigung gefunden worden.

Daimler betonte am Montag, das Unternehmen übernehme mit den im Alleingang beschlossenen „sozialen Grundsätzen“ eine Vorreiterrolle. Diese Grundsätze gelten demnach für Firmen, die Aufträge vom Autobauer bekommen wollen. Es gehe „unter anderem um Arbeits- und Gesundheitsschutz“ und um Standards bei der Unterbringung der Beschäftigten von Fremdfirmen. Diese müssten mindestens die Einstiegsvergütung des regionalen Branchentarifvertrags zahlen. Die Einhaltung der Grundsätze werde vom Unternehmen stichprobenartig überprüft. Die Arbeitnehmervertreter würden „informiert“.

Werkverträge seien „seit Jahrzehnten unverzichtbare Instrumente für die Arbeitsteilung und den Erfolg der deutschen Wirtschaft“, erklärte Daimler. Das Unternehmen lehne „jeden Missbrauch ab“, teilte Personalvorstand Wilfried Porth mit.

Autohersteller wie Daimler vergeben Werkverträge, die nicht zum Kerngeschäft gehören. Dazu gehören Reinigungsarbeiten, aber auch Aufgaben in der Logistik oder in der Kantine. Der schwäbische Autohersteller war allerdings in die Kritik geraten, weil er nach Recherchen des SWR über Werkverträge an den Fließbändern Menschen beschäftigen soll, die ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken müssten. Daimler hatte der Darstellung des Senders widersprochen.

Kommentare (20)

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DEUTSCHE_GERECHTIGKEIT

07.10.2013, 19:09 Uhr

Hat Daimler eigentlich Entschädigungen wegen Zwangsarbeit im dritten reich bezahlt?

Weiß jemand was darüber?

Schwabe

07.10.2013, 19:48 Uhr

Ich hatte noch in den 80gern als Student mal einen Ferialjob in einer damaligen Niederlassung der Daimler-Benz AG.

Die Bezahlung war unterirdisch, die Führungskräfte hätten auch in einem Arbeitslager tätig sein können. Es kam wie es kommen musste. Trennung nach kurzer Zeit und juristisches Nachtreten des Konzerns.

Ich habe mir damals einen Satz zur Leitlinie für mein Leben eingeprägt: Ich kaufe NIE einen Mercedes!

O.k., Studium absolviert, Einstieg, Aufstieg und ich bin immer VW gefahren;-)

Dann 2011: Ein Auftrag bei einer Daimler-Tochter. Honorar o.k.. Führungskräfte wie aus einem Arbeitslager. Trennung nach kurzer Zeit. Diesmal hätte ich juristisch nachtreten können, aber wieso solchen Maschinen-Menschen noch irgendwelche Beachtung schenken? Meine Lebenszeit ist zu kostbar...

Henry Ford hat doch diesen Spruch geprägt, daß sich auch seine Arbeiter einen Ford leisten können sollen. Ich ergänze das mal: Nicht nur leisten können sollen, sondern aufgrund der Arbeitsbedingungen und der Begeisterung für die Marke oder the corporation auch leisten WOLLEN.

In anderen Worten: Daimler ruiniert sich über die Zeit selbst, weil sie ihre zahlungskräftige Zielgruppe in der Heimat nicht mehr für die Marke begeistern können. Man kann die Menschen, welche die eigenen Produkte herstellen, nicht wie Abfall behandeln. Wenn man dies dennoch probiert, schlägt es über den Absatz irgendwann zurück. Sobald die Petro-Dollar-Blase platzt, wird es eng in Untertürkheim;-))

OnkelJuergen

07.10.2013, 19:56 Uhr

Kannst doch nicht jedem, der am Band schraubt, nur weil er IGM sagen kann 60 TEUR in den A.... blasen. Werkverträge ist die Lösung. Der Werkvertragler verdient 18 TEUR. Im Durchschnitt stimmt es dann wieder.

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