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29.03.2017

14:10 Uhr

Westinghouse-Insolvenz

Toshibas globaler Atom-Traum ist geplatzt

VonMartin Kölling

Milliardenverluste in der US-Atomsparte Westinghouse haben Toshiba an den Rand des Ruins gebracht. Nun schickt der Konzern sein Sorgenkind in die Pleite – und will sich mit einer Radikalkur gesundschrumpfen.

Der Kraftwerksbauer Westinghouse wurde für Toshiba von der Wachstumshoffnung zum Milliardengrab. Reuters, Sascha Rheker

AKW-Baustelle in Georgia

Der Kraftwerksbauer Westinghouse wurde für Toshiba von der Wachstumshoffnung zum Milliardengrab.

TokioDer japanische Traditionskonzern Toshiba hat seinen Traum, der weltweit größte Atomkraftwerksbauer zu werden, zu Grabe getragen. Am Mittwoch beschloss der Vorstand in Japan, Gläubigerschutz für den Kern seiner AKW-Sparte, den amerikanischen Kraftwerksbauer Westinghouse, zu beantragen. Mitbetroffen ist Toshiba Nuclear Energy Holdings in Großbritannien.

Der dramatische Schritt ist politisch hochbrisant. Denn er stürzt wichtige Kraftwerksprojekte in den USA und Großbritannien in große Schwierigkeiten. Bisher ist noch unklar, wie sich Westinghouse sanieren kann. Aber die Toshiba-Chefs sah offenbar keine andere Möglichkeit, den überraschenden finanziellen Fall-out seines Atomgeschäfts zu begrenzen, der die Ikone der Japan AG an den Rand des Ruins gedrängt hat. Dabei hatte Toshibas globale Expansion im Atomgeschäft so hoffnungsvoll begonnen.

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Daheim war der Konzern neben Hitachi und Mitsubishi Heavy ohnehin eine Stütze von Japans ambitionierter Atomstrategie. 2006 kaufte Toshiba dann Westinghouse hinzu, um zu einem globalen AKW-Anbieter zu werden. Westinghouse erfüllte die Erwartungen zuerst. Das Unternehmen gewann Aufträge in China und schnappte sich dann auch in seinem Heimatmarkt die ersten beiden Kernkraftwerk-Neubauten seit 30 Jahren in Georgia und South Carolina. Doch 2011 verwandelte die Atomkatastrophe in Fukushima die Wachstumshoffnung in ein Milliardengrab.

Daheim erstarb das Geschäft schlagartig. Und in den USA sorgten neue Sicherheitsvorschriften für Verzögerungen und steigende Kosten, die das Baukonsortium tragen musste. Über die Aufteilung der Summen gerieten Westinghouse und der Baukonzern CB&I Stone & Webster in Streit.

Umstrittene Atomanlagen an Deutschlands Grenzen

Tihange in Belgien

Der Standort bei Lüttich ist rund 70 Kilometer von Aachen in Nordrhein-Westfalen entfernt. Block 2 war dort im März 2014 wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet worden und trotz Haarrissen im Dezember 2015 wieder ans Netz gegangen. Das Land Nordrhein-Westfalen und die Städteregion Aachen reichten im Februar 2016 gegen die Wiederaufnahme des Betriebs Klage am höchsten belgischen Verwaltungsgericht ein.

Cattenom in Frankreich

Das 1986 ans Netz gegangene Kernkraftwerk an der Mosel liegt am Dreiländereck Frankreich-Deutschland-Luxemburg. Luxemburg, das Saarland und Rheinland-Pfalz fordern seit langem die Stilllegung des Kraftwerks, in dem es schon Hunderte Störfälle gab. Frankreich lehnt das ab.

Fessenheim in Frankreich

Das älteste Atomkraftwerk des Landes liegt direkt am Rhein an der Grenze zu Baden-Württemberg. Beim Stresstest für Atomanlagen 2012 sahen Fachleute unter anderem Mängel bei der Prüfung von Erdbeben- und Flutgefahren. Ein Gutachten stufte Fessenheim als „sicherheitstechnisch unzureichende Anlage“ ein. Das Atomkraftwerk soll bis Ende 2016 stillgelegt werden.

Beznau in der Schweiz

Ein Gutachten für das Stuttgarter Umweltministerium machte massive Sicherheitsmängel an dem Akw aus. Der Meiler steht direkt an der deutsch-schweizerischen Grenze bei Waldshut. Beznau ist seit 1964 am Netz und damit das älteste im Betrieb befindliche Atomkraftwerk der Welt.

Temelin in Tschechien

Der Meiler sowjetischen Bautyps ist 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Kritiker vor allem in Österreich und Deutschland sehen schwere Sicherheitsmängel bei der Anlage. Im Februar 2016 kritisierte auch die Leiterin der Atomaufsichtsbehörde in Prag die Sicherheitsvorkehrungen der Betreiberfirma für Temelin.

Die vermeintliche Lösung erwies sich nun als Selbstmord: Westinghouse kaufte 2015 den Partner und damit auch die finanziellen Probleme. Doch erst im Dezember kündigte Toshiba zur Überraschung der Aktionäre hohe Wertberichtigungen für die Tochter an. Mit sechs Milliarden Euro drohten sie das Eigenkapital auszulöschen. In seiner Not musste Toshiba mehrfach die Veröffentlichung seiner Quartalsbilanz verschieben, weil die Buchprüfer die Zahlen der immer neuen Rettungspläne nicht absegnen wollten.

Dieser beispiellose Vorgang unterstreicht, wie schlecht es Toshiba geht. Als erste Notoperation beschloss der japanische Traditionskonzern zuerst, einen Teil, später die gesamte lukrative Speicherchip-Sparte zu versilbern, um sich aus der drohenden Pleite zu befreien.

Kommentare (1)

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Herr Marc Hofmann

29.03.2017, 14:23 Uhr

Gute Nachrichten für die anderen Wettbewerber in der Kernkraftbranche.

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