Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.10.2015

15:24 Uhr

Wiedeking-Prozess

Staatsanwälte überraschen früheren „Mr. Porsche“

VonMartin-W. Buchenau

Patriarch Ferdinand Piëch? Wurde gar nicht befragt. Am zweiten Prozesstag um die Übernahmeschlacht von Porsche um VW wird die Strategie der Verteidigung von Wendelin Wiedeking deutlich.

Ferdinand Piëch im Porsche-Prozess mit „eine untergeordneten Rolle“. dpa

Wendelin Wiedeking

Ferdinand Piëch im Porsche-Prozess mit „eine untergeordneten Rolle“.

StuttgartEntspannt verfolgt der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking den zweiten Prozesstag im Verfahren wegen Marktmanipulation gegen ihn und seinen damaligen Finanzchef Holger Härter. Er nippt zwischendurch an einem Wasserglas und schaut wohlwollend, als die Staatsanwaltschaft zu Prozessbeginn etwas zurückrudert. Sie untersuche nicht mehr, ob es eine verdeckte Beschlusslage gegeben habe, also einen geheimen Übernahmeplan von Anfang an, sondern nur die in ihren Augen fehlerhaften Mitteilungen aus dem Jahr 2008, mit denen der Kapitalmarkt und Anleger getäuscht worden sein sollen.

Erstaunt blickt der „Mr. Porsche“ von früher dann doch drein: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart misst dem früheren VW-Patriarchen Ferdinand Piëch im Porsche-Prozess „eine eher untergeordnete Rolle“ zu. Auf das zerrüttete Verhältnis zwischen Wiedeking und Piëch komme es nicht an, sagte Staatsanwalt Aniello Ambrosio vor dem Landgericht.

Das ist Wendelin Wiedeking

Vor Gericht

Anstatt am Steuer eines Sportwagens muss Manager Wendelin Wiedeking in den kommenden Monaten zumindest zeitweise auf der Anklagebank Platz nehmen. Für den einstigen Porsche-Chef ist das ein lästiges Kapitel, das er schnell wieder schließen will. Wer ist der Mann, der einst Deutschlands bestbezahlter Manager war?

Quelle: dpa

Porsches Lichtgestalt

Wendelin Wiedeking war in der Autobranche lange Zeit eine Art Lichtgestalt: Irgendwie war er stets auf der Überholspur. Als der Maschinenbauer 1992 an die Spitze des Sportwagenbauers Porsche berufen wurde, liefen die Geschäfte mau. Der gebürtige Westfale schaffte es, Überkapazitäten in der Produktion sowie im Personalbereich am Stammsitz Stuttgart-Zuffenhausen abzubauen und Porsche zum profitabelsten Autobauer der Welt zu machen.

Alphatier und Lebemann

Der heute 63-Jährige wurde der bestverdienende angestellte Manager Deutschlands. Medienberichten zufolge soll das machtbewusste «Alphatier» im Geschäftsjahr 2007/08 sage und schreibe 100,6 Millionen Euro für seine Tätigkeit beim PS-starken Unternehmen eingestrichen haben. 2009 musste Wiedeking nach der verlorenen Übernahmeschlacht mit VW seinen Chefsessel räumen. Er trat stets selbstbewusst auf, im edlen Zwirn und mit dicken Zigarren genoss er seinen Erfolg.

Unternehmer mit vielen Steckenpferden

Eine Rückkehr in die Chefetage eines großen Konzerns hat Wiedeking nach seinem Porsche-Abgang ausgeschlossen - er will sein eigenes Ding machen als Unternehmer. Sein Vermögen hat Wiedeking auch in zahlreiche Firmen investiert, etwa in die Italo-Restaurantkette Tialini. Auch Internet-Reiseportale und einen Schuh-Hersteller nennt er sein Eigen. Im Privaten setzt er auf Konstanz: Seine Frau und er sind seit Schulzeiten ein Paar, die beiden haben zwei Kinder.

Kurze Zeit später lässt sich Wiedeking sein Erstaunen nicht anmerken. Der Beamte des LKA, der die Ermittlungen leitete, wird als erster Zeuge vernommen. Auf Nachfrage der Verteidiger bestätigt der Beamte, dass Piëch nicht vernommen wurde. Der Mann, der als Aufsichtsratschef von Volkswagen, Aufsichtsrat und Miteigentümer von Porsche eine der Schlüsselfiguren in der Übernahmeschlacht um Volkswagen in den Jahren 2005 bis 2009 war, fand scheinbar kein Interesse bei der Staatsanwaltschaft.

Bis auf Wolfgang Porsche wurden keine Aufsichtsräte aus den Reihen der Eigentümerfamilien vernommen. Auch die vier weiteren Porsche-Vorstände neben Wiedeking und Härter, die nicht angeklagt wurden, bleiben von den Ermittlern völlig unbehelligt.

Auch wenn der Prozess noch in einem frühen Stadium ist, wird klar, dass die Verteidigung vor Gericht zeigen will, dass einseitig gegen ihre Mandanten ermittelt wurde. Und offensichtlich ist auch, dass Wiedeking die Rolle von Piëch beleuchtet sehen will. Piëch selbst muss vermutlich nicht Aussagen, wenn die Gefahr besteht, sich selbst zu belasten.

Wiedeking und Härter sind wegen des Verdachts der Marktmanipulation angeklagt. Sie sollen 2008 verschleiert haben, beim Branchenriesen VW eine Dreiviertelmehrheit für Porsche angestrebt zu haben. Die beiden früheren Top-Manager weisen die Vorwürfe der Anklage energisch zurück. Auch einen Geheimplan dazu habe es nicht gegeben. Der Übernahmeplan scheiterte, Volkswagen drehte den Spieß um und machte den hoch verschuldeten Sportwagenbauer zu seiner Konzerntochter.

Das sagte Wendelin Wiedeking vor Gericht (1. Prozesstag)

Ex-Porsche-Chef vor Gericht

Wegen Marktmanipulation beim VW-Übernahmepoker steht Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vor Gericht. Nun hat er sich erstmals geäußert. Zitate aus Wiedekings Verteidigungsrede.

... den „Nischenanbieter Porsche“

„Das Eingehen einer Beteiligung von Porsche an VW entsprach nicht nur industrieller Logik. Es war für den Nischenanbieter Porsche geradezu überlebenswichtig. Die gesamte Kommunikation von Porsche [gegenüber Kapitalmarkt, Presse und sonstiger Öffentlichkeit] gab zu jeder Zeit exakt den Stand der Willensbildung der zuständigen Organe des Unternehmens – also Vorstand und Aufsichtsrat - wieder!“

...„Visionäre“ und „Spieler“

„Die Unterstellung, wir hätten im Vorstand bereits im Jahr 2005 die Absicht gebildet, „aufs Ganze zu gehen“, steht tatsächlich im Widerspruch zu allem, was damals gedacht und diskutiert worden ist. Wir waren Visionäre, aber keine Spieler“.

...das „Übernahmedrehbuch“

„Für mich ist die These nicht nachvollziehbar, Porsche hätte einen verdeckten Auftrag erteilt, eine Art „Übernahmedrehbuch“ zu schreiben. Ein Übernahmedrehbuch mit einer auf Irreführung des Kapitalmarkts gerichteten Kommunikation. Und einer systematischen Falschprotokollierung von Gremiensitzungen. Ein solch abenteuerliches Machwerk hat niemand beauftragt. Und ein solches Machwerk hat niemand geschrieben.“

Über seine „Nähe zu Ferdinand Piëch“

„Ferdinand Piëch hat sich einmal damit zitieren lassen, er ‚lasse sich sein Lebenswerk bei VW und Audi nicht von einem angestellten Manager ruinieren‘. Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in meiner Amtszeit aus den Familien Porsche und Piëch Milliardäre wurden, die mittlerweile die Mehrheit an VW halten. Die Staatsanwaltschaft hält es für ernsthaft möglich, dass ich mich trotz seiner öffentlich geäußerten Haltung mit Ferdinand Piëch
verschworen haben soll. Verschworen, VW heimlich zu übernehmen, Vorstands- und Aufsichtsratsprotokolle zu manipulieren und den Kapitalmarkt systematisch zu täuschen! Diese Unterstellung ist für mich eine intellektuelle Zumutung. Die mir unterstellte Nähe zu Piëch schmerzt mich richtig.“

Über ein „heimliches Anschleichen an die VW AG“

„Die Kurssicherungsgeschäfte haben wir nicht verheimlicht. Wir haben wiederholt in unseren Pressemitteilungen, in Geschäftsberichten, auf Bilanzpressekonferenzen, in Beiträgen auf Hauptversammlungen und sonstigen Verlautbarungen darauf hingewiesen. Von einem heimlichen Anschleichen an die VW AG kann daher überhaupt keine Rede sein. Jeder Investor, der sich mit den Publikationen von Porsche und der Presse auseinandergesetzt hat, wusste, dass wir neben Beteiligungszukäufen auch Kurssicherungsgeschäfte eingegangen sind. Auch den Leerverkäufern und insbesondere den Hedgefonds , die der Staatsanwaltschaft offensichtlich so sehr am Herzen liegen, war dies beim Eingehen ihrer Wetten gegen VW bekannt.“

Über die nachgeschobene zweite Anklage

„Leider hat es die Staatsanwaltschaft im Juni 2015 für richtig gehalten, wenige Wochen vor dem ursprünglich geplanten Prozessbeginn eine Anklage gegen Holger Härter und mich nachzuschieben. Die Staatsanwaltschaft hat in den vergangenen sechs Jahren verzweifelt versucht, der der zweiten Anklage zu Grunde liegenden Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008 irgendetwas Strafbares anzudichten. Die Kommunikation von Porsche war auch am 26. Oktober 2008 zutreffend. Zu dieser Überzeugung war die Staatsanwaltschaft selber auch schon 2012 gelangt, bevor sie auf Intervention von Leerverkäufern neue Ermittlungen gestartet hat.“

Über „Wetten gegen VW“

„Porsche ist durch diverse Hedgefonds bei verschiedenen Gerichten verklagt worden. Die Hedgefonds sind mit Leerverkäufen hochspekulative Wetten gegen VW eingegangen. Sie haben diese Wetten im Herbst 2008 verloren. Und sie bemühen sich seit Jahren erfolglos im In- und Ausland, ihren Wetteinsatz wieder hereinzuholen. Mit der nachgeschobenen, zweiten Anklage will die Staatsanwaltschaft die Hedgefonds offensichtlich unterstützen. Meines Erachtens hätte die Staatsanwaltschaft vor Erhebung der Anklage einmal kritisch hinterfragen sollen, auf wessen Seite sie sich da geschlagen hat. Immerhin haben die Hedgefonds die Wirtschafts- und Finanzkrise mit verursacht. Und ich bin überzeugt, dass sie auch für die Kursturbulenzen der VW-Aktie aus dem Herbst 2008 verantwortlich sind. Dass gerade diese ‚Spezialisten‘ von der Staatsanwaltschaft zu Opfern stilisiert werden, kann ich nicht nachvollziehen.“

Am Freitag wird der Prozess mit der Vernehmung einer polizeilichen Ermittlerin fortgesetzt. Dabei geht es um die Ermittlung zum Aufbau der komplizierten Optionsstruktur, mit der Porsche versuchte, VW komplett zu übernehmen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×