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01.01.2006

09:32 Uhr

Wirtschaft

Konzerne greifen wieder an

VonMarcello Berni

Nach Jahren der Enthaltsamkeit geht Deutschlands Wirtschaft zwar wieder in die Offensive. Doch auch die Restrukturierung läuft weiter.

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Die wichtigsten im Jahr 2005 angemeldeten Unternehmensübernahmen.

HB DÜSSELDORF. Das Jahr 2005 erzählt zwei Geschichten über Deutschland. Sie könnten widersprüchlicher nicht sein. „Gute Zeiten“ heißt die eine, „Schlechte Zeiten“ die andere. Hüben spielen dynamische Macher die Hauptrolle, drüben miesepetrige Bedenkenträger. Die erste Handlung findet auf der Bühne der Wirtschaft statt, die zweite auf den Brettern der Politik. Das Publikum ist irritiert. Welche Geschichte kommt der Wahrheit näher?

Die Antwort in Zahlen: Während die Unternehmensgewinne der größten deutschen Konzerne in diesem Jahr um mehr als 25 Prozent gestiegen sind, liegt das konjunkturelle Wachstum der Republik bei einem schlappen Prozentpunkt. Während die Unternehmen den Steuerknüppel herumgerissen und den Turbo eingelegt haben, lavieren die Volksparteien nach der Bundestags-Pattwahl um den kleinsten gemeinsamen Nenner. Von konjunktureller Dynamik kaum eine Spur. „Der Erfolg der deutschen Unternehmen ist zuletzt exorbitant gewesen. 2005 war in vielerlei Hinsicht ein Rekordjahr. Aber dieser Erfolg hat sich weitgehend abgekoppelt von der wenig dynamischen gesamtwirtschaftlichen Lage“, sagt Christian Horn, Vorsitzender der Geschäftsführung der internationalen Unternehmensberatung Droege & Comp.

Die unglaubliche Intensität, mit der die Konzerne sich des Themas Globalisierung annehmen, findet noch keinen adäquaten Widerhall in der Politik. Fassungs- und bewegungslos werden die zunehmend plastischen Folgen der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtung in der öffentlichen Debatte quittiert. „Überrascht hat mich, dass die Wirtschaft anders als 2002 oder 1998 die politische Hängepartie nach den Wahlen unbeeindruckt gelassen hat. Aus Unternehmenssicht war der Oktober sogar ein sehr guter Monat. Daran kann man sehen, dass die Kluft zwischen politischer Meinungsbildung und wirtschaftlicher Realität wächst,“ sagte Klaus-Peter Gushurst, Deutschland-Chef der internationalen Strategieberatung Booz Allen Hamilton.

Experten sind sich einig: Die machtvollen Kräfte, die von der Globalisierung freigesetzt werden, bilden den entscheidenden Hebel für die zunehmende Unabhängigkeit der Wirtschaft von der Politik. Gigantische Investitionen wie der 2,4 Mrd. Euro teure Bau eines der größten Chemiewerke der Welt im chinesischen Nanjing durch BASF machen deutlich, dass Globalisierung modernen Zuschnitts nichts mehr zu tun hat mit der zahmen Exportwirtschaft früherer Jahrzehnte. Die Konzernchefs meinen es ernst mit dem weltweiten „Footprint“. Klaus-Peter Gushurst: „Wir befinden uns in einer neuen Phase, wie Wirtschaft definiert wird. Man orientiert sich nicht mehr an Deutschland, sondern an den Weltmärkten und den besten Konkurrenten in der jeweiligen Branche. Deshalb wird es in Zukunft immer öfter passieren, dass die Gewinne weiter steigen und parallel Arbeitsplätze abgebaut werden. Hier muss dringend der Dialog zwischen Wirtschaft und Politik wieder aufgenommen werden.“

Vor welche Zerreißproben die konsequente Anwendung dieses Prinzips durch Unternehmenslenker mittlerweile die Gesellschaft führt, wird am Beispiel des Autozulieferers Continental deutlich. Der als einer der erfolgreichsten Vorstandschefs des Landes geltende Manfred Wennemer will die traditionsreiche Reifenproduktion in Hannover Ende 2006 einstellen, obwohl das Werk keinen Verlust macht. Wennemer begründet dies mit dem Argument, dass die Fabrik im internationalen Vergleich die am wenigsten gewinnträchtige ist und daher den Standortwettbewerb verloren hat. Bislang hat Conti nur unprofitable Fertigungen in Niedriglohnländer transferiert. Künftig wird selbst Ertrag keine Versicherung mehr für Bestand sein.

Gewerkschafter beklagen, dass selbst die jüngsten Rekordgewinne den Arbeitsplatzabbau nicht stoppen konnten. Mercedes wird 8 500 Stellen streichen, die Deutsche Telekom 30 000, VW 10 000. Mitarbeiter ahnen, dass die frühere Logik heute nicht mehr zwingend Gültigkeit besitzt. Restrukturierungen gehören zu den laufenden Prozessen; das Messer wird nicht mehr nur dann angesetzt, wenn die Probleme offenbar werden. Außerdem: Hoch erscheinende Gewinne deutscher Konzerne erscheinen plötzlich nicht mehr so exorbitant, wenn man sie einem internationalen Vergleich unterzieht. Folge: Die Börsenbewertung hinkt häufig ausländischen Konkurrenten hinterher. Beispiel: An der Börse wird der japanische Autohersteller Toyota – Benchmark für die ganze Branche – höher bewertet als Daimler-Chrysler, BMW, VW und Porsche zusammen.

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