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14.01.2016

18:16 Uhr

Wirtschaftskrise in Russland

Autobauer fürchten neuen Absatzeinbruch

Russlands Autobranche brummt schon lange nicht mehr. Der einstige Hoffnungsmarkt ist wegen der Wirtschaftskrise weit davon entfernt, Europas größter Umschlagplatz für Autos zu werden. Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

Ursprünglich galt Russland als Hoffnungsmarkt für europäische Autobauer. Nach der Ukraine-Krise und den Sanktionen durch den Westen jedoch krankt die Wirtschaft – auch wegen des billigen Öls. ap

Vom Hoffnungsmarkt zum hoffnungslosen Fall

Ursprünglich galt Russland als Hoffnungsmarkt für europäische Autobauer. Nach der Ukraine-Krise und den Sanktionen durch den Westen jedoch krankt die Wirtschaft – auch wegen des billigen Öls.

MoskauNach einem katastrophalen Jahr fürchten die Autobauer auf dem russischen Markt für 2016 eine Fortsetzung der Talfahrt. Wegen der andauernden Wirtschaftskrise in Russland würden in diesem Jahr voraussichtlich nur 1,5 Millionen Neuwagen verkauft werden, sagte der Autoexperte Jörg Schreiber von der Vereinigung Europäischer Unternehmen (AEB) am Donnerstag in Moskau. Das entspräche einem neuerlichen Rückgang um knapp fünf Prozent im Vergleich zu 2015.

„Wir erwarten, dass dieses Jahr weniger turbulent wird als 2015“, betonte er jedoch. AEB-Chef Frank Schauff wies darauf hin, dass es für ein Ende der Krise zunächst keine konkreten Anzeichen gebe.

Das alte Jahr ging für die Hersteller mit dem stärksten Einbruch seit Beginn der Absatzkrise 2013 zu Ende. Mit rund 1,6 Millionen Fahrzeugen wurden fast 36 Prozent weniger Autos verkauft als 2014.

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Besonders bitter fällt die Dezember-Bilanz aus: Zwar gelang den Herstellern zum Abschluss mit knapp 150.000 verkauften Autos das beste Ergebnis des Jahres. Dennoch mussten sie damit Absatzeinbußen von fast 46 Prozent im Vergleich zum Dezember 2014 schlucken.

Der einstige Hoffnungsmarkt Russland rutschte damit europaweit auf Platz vier hinter Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Stark betroffen vom Absatzrückgang sind auch deutsche Marken wie VW (minus 39 Prozent) und BMW (minus 23 Prozent).

Noch im Rekordjahr 2012 – als fast drei Millionen Fahrzeuge verkauft wurden – erwarteten die Hersteller, dass der größte Flächenstaat der Erde bald auch der stärkste Automarkt Europas werden würde. „Russland wird das irgendwann auch sein“, meinte Schreiber nach drei Jahren Absatzkrise dazu. „Wann das sein wird, spielt keine Rolle.“

Die Auswirkungen der Russland-Sanktionen auf deutsche Branchen

Maschinenbau

Der wichtige Industriezweig leidet besonders stark unter dem Einbruch des Russland-Geschäfts – denn die Branche ist für mehr als ein Fünftel (2014: 22 Prozent) aller deutschen Ausfuhren in das Riesenreich verantwortlich. 2014 brachen sie um 17 Prozent ein. Damit ging Geschäft im Volumen von 1,3 Milliarden Euro verloren. Russland fiel damit in der Rangliste der wichtigsten Abnehmerländer auf Rang zehn zurück. 2013 war das Land noch der viertgrößte Absatzmarkt für den deutschen Maschinenbau. In diesem Jahr setzt sich der Trend fort: Allein bis Mai gingen die Exporte um 30 Prozent zurück.

Elektroindustrie

Die deutsche Elektroindustrie hat 2014 soviel Waren ins Ausland geliefert wie nie. Insgesamt kletterten die Exporte um 4,9 Prozent auf den Rekordwert von 165,5 Milliarden Euro. Und das, obwohl das Russland-Geschäft um 1,2 Milliarden Euro geringer ausfiel als 2013 – und damit die mit Abstand größte Belastung des Exportwachstums der Branche war.

Auto

Der russische Automarkt brach im vergangenen Jahr um zehn Prozent ein. Das trifft nicht alle deutschen Hersteller gleichermaßen. Für Daimler ist Russland nur ein vergleichsweise kleiner Markt. Europas größter Autobauer Volkswagen muss dagegen spürbare finanzielle Einschnitte in Kauf nehmen. Der Autobauer Opel stellt wegen der Absatzkrise sein Geschäft auf dem einstigen Hoffnungsmarkt bis zum Jahresende komplett ein.

Textilien

Gelitten hat auch die deutsche Textilindustrie. Der Gesamtverband Textil und Mode spricht von einem Exportminus von zwölf Prozent. Für den Hemdenhersteller Olymp ist Russland inzwischen nur noch der zweitgrößte Markt. Dem Hemdenhersteller macht unter anderem der schwache Rubel zu schaffen, der seine Produkte vergleichsweise teurer macht.

Nahrungsmittel

Russland galt lange als wichtigster Absatzmarkt für deutsche Agrar- und Lebensmittelexporteure außerhalb der EU. Schon vor den Sanktionen erschwerten nach Angaben des Verbandes BVE aufwendige Einfuhrvorschriften sowie Handelshemmnisse und Betriebssperrungen das Exportgeschäft. Nun schätzt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, den Schaden durch die Sanktionen allein für die deutsche Landwirtschaft auf 600 bis 800 Millionen Euro. „Russland war einer unserer drei größten Exportmärkte, und der ist praktisch weggebrochen“, sagte Rukwied dem „Tagesspiegel“ (Donnerstag).

Hauptgründe für den scharfen Einbruch seien die tiefe Rezession und der immer weiter fallende Ölpreis, der sowohl den Staatshaushalt der Rohstoffmacht beeinflusst als auch eine starke Abwertung der Landeswährung Rubel zum US-Dollar und zum Euro ausgelöst hat. Diese Krise habe dazu geführt, dass das reale Einkommen der Russen spürbar gesunken sei, erklärte Schreiber. „Das Auto wird mehr und mehr zu einem Luxusgut in Russland“, sagte Schreiber.

Ob es 2016 tatsächlich bei den erwarteten fünf Prozent weniger verkauften Autos bleibt, hängt vor allem davon ab, wie sich die Wirtschaftslage entwickelt. „Es bleibt ungewiss, wann sich der Markt endlich wieder stabilisiert und zu dringend benötigtem Wachstum zurückkehrt“, betonte Schreiber.

Von

dpa

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