Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.04.2016

16:16 Uhr

Würstchengate bei Daimler

„Dividende aufbessern und sich durchfuttern“

VonMichael Greuel und Christoph Kapalschinski

Auf der Hauptversammlung von Daimler muss ein Streit um Würstchen von der Polizei geschlichtet werden. Die „Naturaldividende“ stößt seit jeher auf das besondere Interesse der Kleinaktionäre – und ist nicht unumstritten.

Der Streit um die Bockwurst bei Daimler sorgt für Gesprächsstoff. Imago

Aufgespiesst!

Der Streit um die Bockwurst bei Daimler sorgt für Gesprächsstoff.

Düsseldorf/Hamburg12.500 Würstchen hatte Daimler auf der Hauptversammlung für seine 5500 Aktionäre angerichtet, und sie scheinen wohl gemundet zu haben. Einem Aktionär haben sie sogar besonders gut geschmeckt, er ließ gleich mehrere Portionen davon in seiner Tasche verschwinden. Das wiederum passte einer ebenfalls hungrigen Aktionärin überhaupt nicht – es kam zum Streit. Am Ende musste das Buffet-Gefecht dann gar von der Polizei beendet werden.

Auf der Hauptversammlung des Schokoladenherstellers Lindt ist ein solcher Vorfall eigentlich undenkbar. Schließlich haben die Schweizer vorgesorgt. Seit Jahren schon müssen sich die Aktionäre dort keine Sorgen darüber machen, dass sie während des stundenlangen Redemarathons kulinarisch zu kurz kommen könnten.

Jeder von ihnen erhält einen großen blauen Koffer. Der Inhalt: vier Kilogramm Süßkram. Von Schokoladenbonbons über -tafeln bis hin zu Pralinenvariationen ist alles dabei. Um in den Besitz eines solchen Koffers zu kommen, müssen Anleger allerdings tief in die Tasche greifen – der Aktienkurs beläuft sich aktuell auf fast 67.000 Euro.

Solche Geschenke an Aktionäre werden Naturaldividende genannt, kommen durchaus häufiger vor und nehmen teilweise kuriose Formen an. Beim norddeutschen Erotikhändler Beate Uhse beispielsweise wurden schon einmal String-Tangas gereicht, bei diversen Brauereien waren es Bierkästen, andere wiederum verschenkten Freikarten für den Zoo.

Als beliebt gilt bei Aktionären aber auch die Verpflegung während der Hauptversammlungen. Beim Spirituosen-Hersteller Berentzen bestand sie viele Jahre lang größtenteils aus Hochprozentigem, den Versammlungen wurde ein gewisser Volksfestcharakter nachgesagt. Inzwischen ist es dort jedoch ruhiger geworden.

Im Internet existieren gar Listen, auf denen detailliert aufgeführt wird, welcher Konzern welche Speisen zu welcher Tageszeit anbietet. Gibt es Frühstück mit Croissants oder nur Kaffee? Ist der O-Saft frisch gepresst? Wird nachmittags Kuchen gereicht? Und ganz wichtig – wie der Fall Daimler zeigt: Ist genug von allem da?

Bis 2005 wurden einige dieser Fragen Jahr für Jahr in dem Buch „Zom Fressa gern“ beantwortet. Herausgeber war die Schwäbische Bank in Stuttgart, zusammengestellt wurden die Informationen über das Essen auf Aktionärsversammlungen von den Azubis. Vor rund elf Jahren dann stellten die Unternehmen ihre Auskünfte jedoch ein – und die Aktionäre sind seither auf sich allein gestellt.

„Viele Kleinaktionäre nutzen diese Möglichkeit gerne, um ihre Dividende aufzubessern und sich durchzufuttern“, sagt ein Anlage-Experte, der seinen Namen in diesem Zusammenhang lieber nicht veröffentlicht sehen will. Dass sich Anleger wie nun bei Daimler die Taschen mit Essen vollstopfen, sei kein neues Phänomen. Dass es dabei zu Rangeleien komme und sogar die Polizei gerufen werden müsse, habe er jedoch noch nicht erlebt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×