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28.06.2015

17:30 Uhr

Zehn Jahre VW-Affäre

„Gebauer, wo bleiben die Weiber?“

In der VW-Belegschaft sind mehr als 90 Prozent in der IG Metall. Die Arbeitnehmerseite genießt im Konzern ungewöhnlich viel Macht. Vor zehn Jahren erlebte das VW-Mitbestimmungsmodell sein schwärzestes Kapitel.

Die VW-Affäre brachte dem früheren Volkswagen-Manager eine Anklage wegen Untreue in 44 Fällen sowie wegen Begünstigung eines Betriebsrates ein. ap

Peter Hartz vor Gericht

Die VW-Affäre brachte dem früheren Volkswagen-Manager eine Anklage wegen Untreue in 44 Fällen sowie wegen Begünstigung eines Betriebsrates ein.

WolfsburgAls Betriebsratschef stand Klaus Volkert 15 Jahre lang wie kein anderer für das „System VW“: In enger Abstimmung mit dem Vorstand sah sich der gelernte Schmied auf Augenhöhe mit der Chefetage und als „Co-Manager“ der Unternehmensspitze. Am Ende parkte Volkert auch wie selbstverständlich neben den Vorstandsbossen vor dem Wolfsburger Verwaltungshochhaus. Wenn er wollte, zogen Zehntausende Mitarbeiter zum Protest aufs Werksgelände. Doch die Macht dafür hatte Volkert von der Belegschaft eigentlich nur geliehen. Und zum Schluss missbrauchte er sie schamlos – bestens unterstützt aus der Chefetage.

Die VW-Affäre um geheime Boni, Schmiergelder und Lustreisen auf Firmenkosten samt Bordellorgien erschütterte Mitte 2005 nicht nur den Autobauer, sondern mit dem VW-Land Niedersachsen auch die Republik. Der Skandal zog den Mitbestimmungsgedanken als Errungenschaft der Gewerkschaftsbewegung in den Dreck und kratzte heftig am Image von Volkswagen. Als „Mist“ bezeichnete Volkert seine Rolle rückblickend. Er habe VW, der Arbeitnehmerseite und seiner Familie sehr geschadet.

Der frühere VW-Betriebsratschef Klaus Volkert ließ sich kaufen. dpa

Korrupter Betriebsrat

Der frühere VW-Betriebsratschef Klaus Volkert ließ sich kaufen.

Volkert selber kassierte damals fast zwei Millionen Euro an Boni von Personalvorstand Peter Hartz, der einräumte, Volkert „gekauft“ zu haben. Volkerts Geliebte aus Brasilien bekam zudem rund 400.000 Euro zugeschanzt. Während Hartz mit Bewährung und Geldstrafe davonkam, erhielt Volkert zwei Jahre und neun Monate Haft, aus der er ein Jahr vor Ablauf entlassen wurde. VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, der Luxushotels, Partys und Nachtclubs organisierte, bekam wie Hartz Bewährung. „Gebauer, wo bleiben die Weiber?“, soll damals im System VW oft ein Ausruf gewesen sein. Die Affäre hallte noch lange nach.

In jenen Zeiten kriselte es auch wirtschaftlich. Von 89 Milliarden Euro Umsatz blieben 2004 nur rund 700 Millionen Euro Überschuss. Das Sparprogramm „ForMotion“ griff, Volkswagen galt vor zehn Jahren noch als „kranker Mann der Automobilindustrie“, sagt Branchenkenner Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. „Die Affäre symbolisierte die negativen Folgen von Intransparenz und ungesunden Einfluss- und Machtbeziehungen im Volkswagen-Konzern.“

Chronologie der VW-Affäre

25. Juni 2005

Erste Berichte über eine Schmiergeld-Affäre bei VW tauchen auf. Hauptpersonen sollen Ex-Skoda-Personalchef Helmuth Schuster sowie VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer sein.

28. Juni 2005

VW erstattet bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig Anzeige gegen Schuster. Auch gegen Gebauer ermittelt die Justiz.

30. Juni 2005

Betriebsratschef Klaus Volkert tritt zurück.

5. Juli 2005

Medien berichten, der VW-Vorstand habe dem Betriebsrat teure Luxusreisen ins Ausland zugeschanzt. Dafür seien Betriebsräte bereit gewesen, Vorstandsbeschlüsse mitzutragen. VW-Arbeitsdirektor Peter Hartz weist die Vorwürfe zurück. Volkerts Nachfolger Bernd Osterloh tritt sein Amt als Betriebsratschef an.

28. Juli 2005

VW stellt Strafantrag wegen des Verdachts der Begünstigung von Betriebsräten.

31. Juli 2005

Gebauer erklärt, er habe für Betriebsräte auf VW-Kosten Besuche in Nobelhotels und Nachtclubs organisiert. Er habe im Auftrag des Vorstands gehandelt.

5. August 2005

Der VW-Aufsichtsrat nimmt Hartz’ Rücktritt an.

15. November 2006

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig erhebt Anklage gegen Hartz wegen Untreue in 44 Fällen.

25. Januar 2007

Hartz bestätigt vor Gericht, den früheren Betriebsratschef Volkert „gekauft“ zu haben. Hartz wird zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe von 360 Tagessätzen verurteilt – 576 000 Euro.

22. Februar 2008

Das Braunschweiger Landgericht verurteilt Volkert wegen Beihilfe und Anstiftung zu Untreue und Betriebsratsbegünstigung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Gebauer wird zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

2. September 2011

Volkert wird etwa ein Jahr und neun Monate nach dem Antritt seiner Strafe vorzeitig aus der Haft entlassen.

Die große Bedeutung des VW-Betriebsrates war historisch gewachsen. Die Keimzelle des Konzerns in Wolfsburg entstand unter den Nazis mit enteignetem Gewerkschaftsvermögen. Daher sah die Arbeitnehmerseite in VW stets einen Sonderfall. „Wer dies unterschlägt oder verkennt, verkennt den Charakter des Werkes, seine Identität und seine Erfolgsfaktoren“, sagte der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber 2008. Das SPD-Mitglied führt jüngst, nach dem Rücktritt von Ferdinand Piëch, den VW-Aufsichtsrat als kommissarischer Chefkontrolleur.

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