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11.01.2005

07:12 Uhr

Zetsche hat es den Zweiflern gezeigt

Verkehrte Welt in der Welt AG

VonCarsten Herz

Chrysler hui, Mercedes pfui – womöglich entscheidet das Duell der Marken auch über die Nachfolge von Jürgen Schrempp. Dessen Vertrag läuft bis 2008.

DETROIT. Im Laufschritt nimmt Dieter Zetsche die Stufen und erklimmt die kleine Bühne. Scheinwerferlicht kreist über dem deutschen Chef des drittgrößten amerikanischen Autoherstellers, das Publikum auf der Detroit Motor Show applaudiert. Im vergangenen Jahr hatte der groß gewachsene Mann mit dem Walrossschnäuzer und der rahmenlosen Brille noch seinem Vize Wolfgang Bernhard den Vortritt gelassen. Damals steckte die US-Sparte von Daimler-Chrysler tief in den roten Zahlen.

Heute ist alles anders. Chrysler hat die Trendwende geschafft. Gewinn geschrieben. Und Zetsche gibt sich selbstbewusst. Nach gut drei Jahren „totaler innerer Erneuerung“ hätten die Chrysler-Modelle in Qualität, Styling, Ausstattung und Fahrverhalten „Weltformat“, verkündet er. Auch deshalb feiert ihn dieser Tage die Szene auf der ersten großen Automesse des neuen Jahres. Journalisten und Kameraleute drängen sich, halten ihm Mikrofone wie Dolche vor den Hals, gerade so, als sei Zetsche der neue Star unter den Footballern der „Detroit Lions“.

Auch Eckhard Cordes bemüht sich gut zwei Stunden später bei seinem ersten bedeutenden Auftritt als neuer Mercedes-Chef um Aufbruchstimmung. Zackig steht er da, das Kinn vorgestreckt, grauer Nadelstreifenanzug, rosa Krawatte, randlose Brille. Die Augen flitzen hellwach hin und her, sein Lächeln erinnert an das eines Teenagers. Dass der Top-Manager in der Defensive steckt, ist ihm erst einmal nicht anzumerken. Eine freundliche Hostesse überreicht ihm quasi als Antrittsgeschenk eine Torte in den US-Landesfarben Blau-Weiß-Rot.

Doch als Cordes das Wort erhebt, wird schnell klar, dass die Mercedes-Welt anno 2005 vor einem kleinen Kulturwandel steht. Cordes spricht von Weichenstellungen und zeigt sich zuversichtlich, mit vielen neuen Produkten wie etwa den Neuauflagen des Geländewagens M-Klasse und der Limousine S-Klasse „ein substanzielles Wachstum“ zu schaffen.

So weit, so gut. Die anschließenden Fragen der Journalisten an den Mercedes-Chefpiloten aber klingen eher nach Panne als nach Vollgas: Wie sollen die Qualitätsprobleme bei Mercedes behoben werden? Wann sind die Zeiten wegbrechender Gewinne vorbei? Und was wird aus der notleidenden Marke Smart?

Verkehrte Welt bei Daimler-Chrysler. Mercedes hui, Chrysler pfui – so sind es die Investoren seit Jahren gewöhnt. Jetzt aber ist die Zeit zum Umdenken gekommen: Nach drei äußerst dürftigen Jahren fließen für Chrysler in Nordamerika wieder Milch und Honig. Die US-Autosparte wird im Gesamtjahr ein operatives Ergebnis deutlich über der Milliardengrenze vorlegen. Dagegen entwickelt sich Mercedes-Benz zum neuen Bremsklotz des Konzerns. Mehrere Modellwechsel, kostspielige und imageschädigende Qualitätsprobleme und ein schleppender Absatz machen der Premiummarke zu schaffen.

Wolfgang Bernhard, der im vergangenen Sommer Jürgen Hubbert an der Spitze von Mercedes beerben sollte, aber wenige Tage vor seinem Amtsantritt seinen Posten verlor, hatte die Marke sogar als „Sanierungsfall“ bezeichnet.

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