Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.02.2017

06:19 Uhr

Zoff bei Volkswagen

Per Rundbrief ins PR-Desaster

VonThomas Schmelzer

Poltern, sticheln, Druck ausüben: Statt geschlossen aufzutreten, fallen bei Volkswagen Betriebsrat und Management mit Rundbriefen übereinander her. Ein Desaster für den angeschlagenen Konzern – Experten sehen nur einen Ausweg.

„Interne Konflikte werden nicht direkt, sondern öffentlich ausgetragen.“ AFP; Files; Francois Guillot

VW-Chef Matthias Müller

„Interne Konflikte werden nicht direkt, sondern öffentlich ausgetragen.“

DüsseldorfAm Montagmorgen hatte Matthias Müller genug. „Interne Konflikte werden nicht direkt, sondern öffentlich ausgetragen“, schrieb der VW-Konzernchef in einem Rundbrief. Es entstehe der Eindruck, dass es bei VW nur noch gegeneinander gehe. „Das Volkswagen, das uns in diesen Tagen in den Medien begegnet, ist nicht das Unternehmen, das ich kenne und das mir am Herzen liegt.“

Adressiert war das Schreiben an alle Mitarbeiter des Konzerns. Ein Machtwort. Und der vorläufige Höhepunkt eines Kommunikations-Desasters, das der angeschlagene Autobauer nach Diesel-Skandal und Debatten um überhöhte Mangergehälter so gar nicht gebrauchen kann.

VW-Chef Matthias Müller: Das Machtwort des Vorstandsvorsitzenden

VW-Chef Matthias Müller

Premium Das Machtwort des Vorstandsvorsitzenden

Matthias Müller kann den ewigen Streit offenbar nicht mehr ertragen: Der Volkswagen-Boss schaltet sich in die festgefahrenen Gespräche um den Sanierungsplan ein. Für die Marke VW geht es um nicht weniger als die Zukunft.

In der vergangenen Woche ging es los. Erst verschickte Betriebsratschef Bernd Osterloh eine Art Ultimatum an Personalvorstand Karlheinz Blessing und VW-Markenchef Herbert Diess. Die Themen: Streit über den Stellenabbau im Rahmen des „Zukunftspaktes“ bei der Kernmarke und Uneinigkeit über die Frage, wie man die vereinbarten Sparmaßnahmen umsetzen soll. Kopien des Briefs landeten bei Journalisten. Zwei Tage später druckte der Betriebsrat die Forderungen in seiner Zeitung ab. Am Freitag stand die Antwort von Herbert Diess wiederrum in der Mitarbeiterzeitung von VW. Ebenfalls öffentlich zugänglich, ebenfalls gedruckt.

Dabei scheut vor allem der Betriebsrat nicht vor markigen Worten zurück. Die Arbeitnehmer warfen Markenchef Diess in der vergangenen Woche unter anderem vor, „zutiefst unsozial“ zu agieren und Gesprächsbrücken „mit dem Hintern“ wieder einzureißen. Ein erstes Treffen am Montag wurde ohne konkrete Ergebnisse vertagt.

Die Beschuldigten im VW-Dieselskandal

Heinz-Jakob Neußer

Heinz-Jakob Neußer ist der prominenteste Volkswagen-Manager, der von der US-Justiz als Beschuldigter geführt wird. Der Rheinländer, Jahrgang 1960, hat von Juli 2013 bis September 2015 als Entwicklungsvorstand für die Marke Volkswagen gearbeitet. Damit hatte er Macht und Einfluss im Unternehmen, er war der Chef von rund 10.000 Mitarbeitern. Neußer war 2011 von Porsche zu Volkswagen gekommen, zunächst leitete er die Motorenentwicklung der Marke Volkswagen.

Die Ermittler werfen Neußer nicht vor, dass er an der Entwicklung der illegalen Abschaltvorrichtung beteiligt war. Vielmehr sei er maßgeblich dafür verantwortlich gewesen, die Informationen über die manipulierte Software gegenüber den US-Umweltbehörden unter Verschluss zu halten. Neußer hat eng mit Konzernchef Martin Winterkorn zusammengearbeitet.

Bernd Gottweis

Vergleichbare Vorwürfe aus den USA wie Neußer muss sich Bernd Gottweis anhören. Der Endsechziger, inzwischen im Ruhestand , leitete in Wolfsburg den sogenannten Ausschuss für Produktsicherheit (APS). Große Schadensfälle und Probleme landete auf seinem Tisch, damit auch das Dieselthema aus den USA. Auf diesem Posten hatte er sich intern den Ruf des „Feuerwehrmannes“ erworben, der immer dann in Erscheinung trat, wenn es brenzlig wurde. Damit stand er nahe zu Konzernchef Winterkorn. Gottweis habe, so heißt es in den Papieren der US-Justiz, frühzeitig von den Dieselproblemen erfahren.

James Liang

James Liang ist der erste Volkswagen-Manager gewesen, der in die Fänge der US-Justiz geriet. Im Sommer vergangenen Jahres war der 62-Jährige von den Ermittlern als einer derjenigen ausfindig gemacht worden, die vor ungefähr zehn Jahren die illegale Abschaltvorrichtung für die US-Diesel von Volkswagen entwickelt hätten. Liang besitzt einen deutschen Pass und hat an der Technischen Universität in Hannover studiert. Er hat sich im September selbst als schuldig bekannt und arbeitet mit den US-Behörden zusammen. Er lebt in Kalifornien und darf nicht ausreisen.

Oliver Schmidt

VW-Manager Oliver Schmidt sitzt seit Anfang Januar wegen seiner Verstrickung in der Dieselaffäre in Miami in Untersuchungshaft. Schmidt arbeitete von 2012 bis Anfang 2015 bei Volkswagen of America und war dort für die Zulassung der Autos auf dem US-Markt verantwortlich. Auch er soll zum Kreis derjenigen gehören, die die US-Umweltbehörden über die wahren Gründe der Abgasmanipulationen im Dunkeln gelassen haben.

Weitere Beschuldigte

Darüber hinaus führt die US-Justiz die VW-Mitarbeiter D., H. und P. als Beschuldigte. Sie sollen etwa in der Motorenentwicklung an der Planung der illegalen Software beteiligt gewesen sein.

Für den Kommunikationsexperten Thorsten Hofmann, geschäftsführender Gesellschafter von Advice Partners, ist diese Diskussionskultur ein Warnsignal. „Wenn man sich nur noch über Rundbriefe unterhält, ist das ein Zeichen für Sprachlosigkeit“, sagt er. „Es geht dann darum, wer die Deutungshoheit behält.“ Der Betriebsrat wolle mobilisieren, das Management einem Streik vorbeugen.

Hofmann berät jeden Tag Unternehmen bei ihrer Kommunikation. Das, was er gerade bei VW beobachtet, hält er für verantwortungslos. „Beide Seiten ziehen am gleichen Strang“, sagt er. „Aber sie ziehen in entgegengesetzte Richtungen – und bei beiden hängt der Strang um den Kopf.“ An die Kunden, Geschäftspartner und vor allem die Mitarbeiter sende so ein Verhalten die vollkommen falsche Botschaft. „Das zeigt, wie zerstritten der Konzern ist, obwohl er gerade jetzt Geschlossenheit demonstrieren müsste.“

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Tante Mila

15.02.2017, 09:46 Uhr

Vor allem der Betriebsrat sollte sich mal hinter die Löffel schreiben, dass es a) schließlich Mitarbeiter waren, die die Manipulationssoftware programmiert und millionenfach verbaut haben und b) man selbst im Aufsichtsrat alles kräftig mit abgenickt und verbockt hat, wogegen man nun protestiert. Offensichtlich sind doch auch die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat ihrer Aufsichtsverpflichtung nicht wirklich gerecht geworden. Und mal ehrlich, gerade diese hätte u.a. wissen können/müssen, dass man niemals in der Lage ist, solche angeblichen Wundermotoren zu bauen. Hat man da was kritisch hinterfragt? Wohl kuam!

Herr Max Marx

15.02.2017, 10:54 Uhr

Bei VW hilft nur ein Sanierer ... Dr. WENDELIN WIEDEKING.
Ein excellenter Fachmann der PIECH gefährlich wurde ... deshalb von Piech abgesägt.

Herr Eduardo Lopez

15.02.2017, 11:16 Uhr

Ich stelle immer wieder erstaunt fest, welchen Einfluße der Betriebsrat und sein Vorsitzender im VW-Konzert hat. Grundsätzlich bin ich für einen Betriebsrat in Unternehmen ab einer bestimmten Betriebsgröße. Ich kenne es aus eigener Anschauung in einem ehemaligen Montanbetrieb. Bei VW habe ich allerdings den Eindruck, dass Osterloh glaubt, er sei der Konzernchef. Es ist an der Zeit, dem Betriebsratschef mit seinen Betriebsratskollegen ein wenig die Flügel zu stutzen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×