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08.07.2013

15:30 Uhr

Zulassungsstopp für Mercedes

Kalter Krieg mit den Franzosen

VonLukas Bay, Frank G. Heide, Thomas Hanke

Frankreich stoppt die Zulassung für neue Kompaktmodelle und Sportwagen von Mercedes. Die Klimaanlage entspreche nicht den EU-Vorgaben, sagen die Pariser Behörden. Die Deutschen halten das Vorgehen für rechtswidrig.

Blick in den Innenraum von Daimlers neuer S-Klasse: Die Klimaanlage kühlt mit dem alten Mittel, was für erhebliche mediale Unruhe sorgt. Obwohl Daimler aus Sicht der Kunden wohl alles richtig gemacht hat. PR

Blick in den Innenraum von Daimlers neuer S-Klasse: Die Klimaanlage kühlt mit dem alten Mittel, was für erhebliche mediale Unruhe sorgt. Obwohl Daimler aus Sicht der Kunden wohl alles richtig gemacht hat.

Paris/DüsseldorfDie Nachricht aus Paris hat die Daimler-Manager kalt erwischt. Mitte vergangenen Woche stoppten die französischen Behörden die Zulassung von drei wichtigen Baureihen des Konzerns. Das verwendete Kältemittel der Klimaanlage entspreche nicht den EU-Vorgaben, so die offizielle Begründung. Modelle der A-Klasse, B-Klasse und SL-Klasse, die nach dem 12. Juni produziert wurden, dürfen derzeit in Frankreich zwar noch verkauft werden - aber ein Nummernschild gibt es für die Neuwagen nicht mehr. Es ist die nächste Eskalationsstufe in einem Streit um Kühlmittel, der innerhalb der EU seit Jahren schwelt und nun einen neuen Höhepunkt erreicht.

Die EU schreibt vor, für Neuwagen, deren Typprüfung nach dem 1. Januar 2011 beantragt worden ist, ein neues Kältemittel für Klimaanlagen zu verwenden. Der neue Kühlstoff mit dem umständlichen Namen R1234yf sollte das alte extrem umweltschädliche Kältemittel R134a ablösen, das seinerzeit das Treibhausgas CO2 abgelöst hatte. Hersteller, die nicht mitspielten, sollten sogar mit Strafgeldern belegt werden. Soweit der Plan der EU.

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Dass nun ausgerechnet Daimler-Modelle mit einem Zulassungsstopp belegt werden, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Denn die Stuttgarter waren 2011 als Vorbild vorangegangen und hatten sich zunächst brav an die Brüsseler Verordnung gehalten. Als erster deutscher Hersteller setzten sie das neue, von Auto Bild auch schon mal „Killer-Kältemittel“ genannte R1234yf in den Klimaanlagen der neuen SL-Baureihe ein. Doch die Fahrzeuge - in Deutschland traf es 705 Sportwagen - ereilte im Oktober 2012 genau deswegen eine Rückrufaktion. Nach Daimler-Tests, die in einem flammenden Inferno endeten, entschieden sich die Stuttgarter, nicht mehr das neue, sondern wieder das alte Kühlmittel zu verwenden.

Das ging, weil andere deutsche Hersteller vorher schon einen Trick angewandt hatten, um die Verordnung aus Brüssel zu umgehen, dessen sich nun auch Daimler bediente. Denn die Typprüfungs-Richtlinie des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) lässt ein Hintertürchen offen: Sie ist nur dann vorgeschrieben, wenn es sich bei dem betreffenden Fahrzeug um eine komplette Neuentwicklung handelt. Fußt das neue Auto aber in Teilen auf seinem Vorgänger – und dazu reicht bereits eine Übereinstimmung mit Teilen der Bodengruppe –, dann gilt der Neue als Weiterentwicklung und die Typprüfung erübrigt sich.

Die zehn größten Autohersteller Europas 2012

Platz 10

Nissan

Verkaufte Fahrzeuge: 0,42 Millionen (-6,3 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 9

Toyota

Verkaufte Fahrzeuge der Marken Toyota und Lexus: 0,5 Millionen (-3,1 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 8

Daimler

Verkaufte Fahrzeuge der Marken Mercedes-Benz und Smart: 0,63 Millionen (-3 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 7

BMW Gruppe

Verkaufte Fahrzeuge der Marken BMW und Mini: 0,77 Millionen (-1,8 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 6

Fiat Gruppe

Verkaufte Fahrzeuge der Marken Fiat, Lancia/Chrysler, Alfa Romeo, Jeep: 0,78 Millionen (-16,1 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 5

Ford

Verkaufte Fahrzeuge: 0,91 Millionen (-13,2 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 4

General Motors

Verkaufte Fahrzeuge der Marken Opel, Vauxhall, Chevrolet, GM: 0,98 Millionen (-13,8 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 3

Renault Gruppe

Verkaufte Fahrzeuge der Marken Renault, Dacia: 1,03 Millionen (-19,1 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 2

PSA Gruppe

Verkaufte Fahrzeuge der Marken Peugeot und Citroën: 1,43 Millionen (-12,9 Prozent gegenüber Vorjahr)

Platz 1

Volkswagen

Verkaufte Fahrzeuge der Marken VW, Audi, Seat, Skoda: 2,98 Millionen (-1,6 Prozent gegenüber Vorjahr)

Quelle

Volkswagen, Audi und BMW haben darum seit dem 1. Januar 2011 kein neues Auto mehr zur Typprüfung beim Kraftfahrt-Bundesamt vorgestellt, sondern nannten ihre neuen Modelle einfach Weiterentwicklungen vorhandener Fahrzeuge. So entkam beispielsweise der neue Golf VII der Brüsseler Anordnung - ganz legal. Und auch die neue S-Klasse, Daimlers Flaggschiff, wurde ohne Probleme zugelassen, obwohl das alte Kühlmittel eingesetzt wurde.

Kommentare (30)

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Labaguette

08.07.2013, 15:45 Uhr

Es lebe die deutsch/französische Völkerfreundschaft!

Rene

08.07.2013, 15:51 Uhr

Als ob die Franzosen den Niedergang ihrer eigenen Autoindustrie damit aufhalten könnten. Anstatt den positiven Weg der Forschung, Entwicklung und Investition zu gehen und wettbewerbsfähig auch über die französische Grenze hinaus zu werden, versuchen sie den mittelalterlichen Weg des Protektionimus' durch Verbote. Hollande wird die Quittung bekommen. Man kann nur hoffen, dass die Kommunisten/Sozialisten in Dtl. nicht an die Macht kommen...

esenmann

08.07.2013, 15:58 Uhr

Wer Vorschriften nicht einhält, fällt hinten runter! Wozu sind die Manager da? Sie sollten ihre Stühle räumen. Obendrein ist alles ein Zeichen für das Auseinanderdriften in der EU. Der Spaltpilz Einheitseuro befördert das. Von Frankreich ist es ein weiteres Zeichen, dass es niemals seine Souveränität aufgeben würde, im Gegensatz zu den dummen Deutschen. Die Diktat-EU ohne Bürger ist bereits tot.

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