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28.04.2017

12:40 Uhr

Zwei Jahre nach Germanwings-Absturz

Cockpit-Regelung wird wieder abgeschafft

Nachdem ein psychisch kranker Copilot ein Germanwings-Flugzeug mutwillig abstürzen ließ, mussten deutsche Airlines sicherstellen, dass sich immer zwei Personen im Cockpit befinden. Das soll sich nun wieder ändern.

Die Regelung, wonach immer zwei Crew-Mitglieder im Cockpit anwesend sein müssen, hätte keine zusätzliche Sicherheit gebracht, Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). dpa

Flugzeug-Cockpit

Die Regelung, wonach immer zwei Crew-Mitglieder im Cockpit anwesend sein müssen, hätte keine zusätzliche Sicherheit gebracht, Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL).

Berlin/FrankfurtZwei Jahre nach der Germanwings-Katastrophe mit 150 Toten nehmen die großen deutschen Fluggesellschaften eine nach dem Absturz eingeführte Sicherheitsvorschrift zurück. Demnach darf sich ab spätestens Juni ein Pilot wieder allein im Cockpit aufhalten. „Die Evaluierung hat gezeigt, dass die Zwei-Personen-Regelung keinen Sicherheitsgewinn bringt“, begründete der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) die Entscheidung am Freitag in Berlin. Durch das häufigere Öffnen der Pilotenkanzel entstünden vielmehr zusätzliche Risiken, dass Unbefugte hineinkommen.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) begrüßte die Rücknahme der verschärften Vorgaben. „Wir finden es gut und konsequent, dass die Zwei-Personen-Regelung wieder abgeschafft wird“, sagte VC-Sprecher Markus Wahl am Freitag auf Nachfrage. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass der Sicherheitsgewinn fraglich ist.“ Die Regelung habe im Gegenteil neue Risiken geschaffen - und die wögen schwerer als der „unwahrscheinliche Fall eines Piloten-Suizids“.

Chronologie der Germanwings-Katastrophe

Das Unglück

Am 24. März 2015 zerschellte ein Airbus der Lufthansa-Tochter Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen. Eine Chronologie dessen, was danach geschah.

26. März 2015

Die Auswertung des Stimmenrekorders nährt den Verdacht, dass Copilot Andreas Lubitz den Airbus mit Absicht in die Katastrophe steuerte.

30. März 2015

Es wird offiziell mitgeteilt, dass der Copilot vor Jahren als suizidgefährdet eingestuft wurde und sich in Psychotherapie befand.

17. April 2015

Bei einer Trauerfeier mit rund 1400 Gästen im Kölner Dom gedenken Angehörige und Staatsspitze der Opfer.

6. Mai 2015

Nach dem Zwischenbericht der französischen Flugsicherheitsbehörde hatte der Copilot ein erkennbares Ziel: „das Flugzeug auf den Boden stürzen zu lassen“.

11. Juni 2015

Der Copilot war nach Angaben der französischen Staatsanwaltschaft fluguntauglich. Zu diesem Urteil seien mehrere Ärzte gekommen.

18. Juni 2015

Die Staatsanwaltschaft in Marseille leitet ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung ein. Es soll auch eine mögliche Verantwortung von Germanwings und der Konzernmutter Lufthansa geklärt werden.

24. Juli 2015

Hunderte Hinterbliebene der Katastrophe trauern im Bergdorf Le Vernet nahe der Absturzstelle.

29. Dezember 2015

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigt an, Kontrollen auf Alkohol und Drogen für Piloten einzuführen. Ein Gesetzentwurf der Regierung wird im Februar 2016 bekannt.

17. Februar 2016

Nach eigenen Angaben haben Lufthansa und Germanwings bisher 11,2 Millionen Euro an Vorschusszahlungen und Schmerzensgeld an die Angehörigen der Absturzopfer gezahlt.

4. März 2016

Ein deutscher Anwalt teilt mit, dass sich eine Zivilklage von Hinterbliebenen gegen die Flugschule der Lufthansa im US-Staat Arizona richten soll. Dort sei der Copilot ausgebildet worden. Germanwings entgegnet, dass US-Recht aus Sicht des Unternehmens keine Anwendung finde.

13. März 2016

Als Konsequenz aus der Katastrophe fordert die französische Untersuchungsbehörde BEA in ihrem Abschlussbericht routinemäßige Überprüfungen bei Ausfällen von Piloten. Außerdem verlangt die Behörde klare internationale Regeln zur Schweigepflicht von Ärzten: Gesundheitsdienstleister sollten die Behörden informieren, wenn die Gesundheit eines Patienten die öffentliche Sicherheit gefährde.

Die Fluggesellschaften sichern aber zu, dass Ärzte bei Untersuchungen von Piloten stärker auf psychologische und psychiatrische Aspekte achten. Zugesagt werden auch stabile Beschäftigungsverhältnisse, Zugang zu Berufsunfähigkeitsversicherungen, psychologischen Beratungsprogrammen und eine intensivere Mitarbeiterbetreuung.

Der psychisch kranke Copilot Andreas Lubitz hatte den Ermittlungen zufolge im März 2015 die Germanwings-Maschine in den französischen Alpen bewusst abstürzen lassen. 150 Menschen starben. Die Behörden gehen davon aus, dass der Copilot den Flugkapitän aus dem Cockpit gesperrt hatte.

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Der Vater des Copiloten Andreas Lubitz zieht das Ermittlungsergebnis zum Germanwings-Absturz 2015 in Zweifel. Er möchte das Bild von seinem Sohn geraderücken. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wies die Vorwürfe zurück.

Die Airlines führten als Sofortmaßnahme die Zwei-Personen-Regel ein. Auswertungen des BDL haben jedoch ergeben, „dass die Gefahr eines Angriffs von außen durch terroristische beziehungsweise kriminelle Handlungen nach wie vor höher eingeschätzt werden muss“, wie es am Freitag hieß. Seit 1931 habe es nur etwa vier vergleichbare Suizidfälle gegeben, davon zwei, in denen der Täter allein im Cockpit gewesen sei. Demgegenüber stünden 1074 Entführungen.

Um die Zwei-Personen-Regel einzuhalten, werde die Cockpit-Tür häufiger und vorhersehbarer geöffnet. Es wachse auch der Kreis derer, die die Flugkanzel überhaupt betreten dürfen. Gewerkschaften von Piloten und Flugbegleitern hatten den Nutzen der Regelung schon früh bezweifelt. Sie beruht auf einer Empfehlung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit, die inzwischen gelockert wurde.

Der BDL teilte mit, die neue Sicherheitsregelung werde dem Luftfahrt-Bundesamt angezeigt und spätestens zum 1. Juni umgesetzt.

Von

dpa

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