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04.12.2014

10:26 Uhr

Intelligente Technik

Der bessere Mensch

VonKaren Grass

Der Wissenschaftler Stephen Hawking warnt, dass intelligente Technologien den Menschen verdrängen könnten. Schon jetzt ergänzen sie die menschliche Arbeit. Ein Besuch in einer Fabrik, in der die Zukunft Gegenwart ist.

Getty Images

DüsseldorfEigentlich kennt er die Arbeitsabläufe im Schlaf, insgesamt braucht er für ein Teil kaum eine Minute, es ist Routine. Mateusz Baraniecki greift in eine der Gitterboxen neben sich, nimmt eine Griffschale und setzt Vorder-, Hinterdichtung und drei Puffer ein. Der gelernte Schreiner steht an diesem Freitagmorgen im Spätherbst im Werk der Firma WS Kunststoff-Service in Stuhr nahe Bremen, um ihn herum 2000 Quadratmeter Betonbau, durch den gedämpfter Radiosound hallt. Er baut Autogriffe für einen bekannten Kleinwagenbauer zusammen.

Der 24-Jährige ist Teil eines Projekts, auf dem momentan viele Hoffnungen des Mittelständlers ruhen: Am Kopf trägt Baraniecki eine Datenbrille - Modell Vuzix M100 Smart Glasses, die ihm bei seiner Arbeit einen Teil des Denkens abnimmt.

Mit seinem Vorstoß hin zu intelligenter Technik steht der Kunststoffproduzent nicht allein da. Das Interesse der Industrie an den neuen Technologien ist etwa bei Autobauern wie Daimler und Logistikriesen wie Amazon groß.

Durch ein Interview des Wissenschaftlers Stephen Hawking mit der „BBC“ ist die künstliche Intelligenz wieder stärker in den Fokus gerückt. Die primitiven Formen von künstlicher Intelligenz, die bisher entwickelt wurden, seien zwar sehr nützlich, sagte der Wissenschaftler. Er fürchtet jedoch die Konsequenzen einer Entwicklung, die dem Menschen gleich kommt oder diesen sogar übertreffe. „Da der Mensch durch langsame biologische Evolution beschränkt ist, könnte er nicht konkurrieren und würde verdrängt werden“, so Hawking.

Die intelligente Fabrik

Forschung in der Smart Factory

Langfristig dürfte die Vision der smarten Technik weit über den Einsatz einzelner Komponenten wie Datenbrillen hinaus gehen. So forschen Dominic Gorecky und seine Kollegen am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in einem Smart Factory-Laboratorium an neuen Technologien und ihrem Einfluss auf die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Produktionssteuerung per Chip

Produktionsmodule verschiedener Firmen lassen sich wie Legobausteine zu einem beliebigen Produktionsprozess kombinieren: Ein Modul fräst etwa eine individuelle Gravur in eine Platte, das nächste Modul setzt ein spezielles Gehäuse auf, ein anderes führt eine Qualitätskontrolle durch. Jedes Produkt kommuniziert mittels RFID-Kennzeichnung mit den Modulen, welcher Prozessschritt ausgeführt werden soll - die zentrale Steuerung wird damit aufgehoben. Um die Flexibilität von Industrie 4.0-Anlagen voll auszuschöpfen, agiert der Menschen als Manager des Gesamtsystems und trifft im Problemfall relevante Entscheidungen.

Noch lange kein Alltag

Bis zur Realisierung von Industrie 4.0 im Arbeitsalltag mit smarten Produktionsanlagen und mehr Freiräumen für Mitarbeiter dauert es laut Experten noch mindestens zehn Jahre. Eines der Hauptprobleme liegt laut Dominic Gorecky darin, dass sich die verschiedenen Maschinen- und Komponentenhersteller bisher nur schwer auf gemeinsame, offene Schnittstellen einigen können. Diese sind aber nötig, um eine umfassende Vernetzung möglich zu machen

Für Mateusz Baraniecki bei WS bedeutet die Datenbrille derzeit vor allem Entlastung. Obwohl er die Prozesse kennt, fokussiert Baranieckis Blick immer wieder kurz auf das Display schräg vor seinem rechten Auge. Kleine Abbilder der Griffschale und der Dichtungselemente zeigen ihm grafisch den nächsten Schritt an – bei sehr routinelastigen Arbeiten kann so eine Gedankenstütze helfen. Vorher standen die Anweisungen auf laminierten Blättern, sie hängen noch über der Linie. „Da habe ich selten drauf geschaut, viel zu umständlich beim Arbeiten“, sagt Baraniecki und zeigt über den Tisch gebückt, wie unbequem die Kopfstellung war. Doch nicht nur die Instruktionen hat der Monteur jetzt direkt im Blick. Mit einer Handpresse zurrt er den Widerstand fest, der den Türgriff nach dem Ziehen wie gewohnt zurückschnellen lässt. Es kann leicht passieren, dass der Monteur die Presse nicht weit genug drückt und der Widerstand nicht fest genug sitzt. Auch da hilft nun die Datenbrille: Sie kontrolliert die Prozessschritte und weist den Mitarbeiter mit einem Signal auf Mängel hin. „Seitdem passieren mir keine Fehler mehr, das nimmt mir viel Unsicherheit“, sagt Baraniecki. Als Bevormundung empfindet er die Hinweise nicht.

Kommentare (7)

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Frau Annette Bollmohr

04.12.2014, 10:28 Uhr

Zum Zitat des MIT-Forschers Robert Desimone: „Er sehe keinen Hinweis darauf, dass Maschinen bald die Weltherrschaft übernehmen“ aus Ihrem heutigen Aufmacher auf Seite 1, „Der Kampf ums Gehirn“:

Och, wär’ doch gar nicht so schlecht. Sollen die (die Maschinen) sich doch um den ganzen Sch… kümmern, in dem wir uns tagtäglich verheddern. Und wir könnten endlich das machen, was wir wollen.

Jetzt mal im Ernst:
Ich finde, wir wären tatsächlich gut beraten, die Warnung Stephen Hawkings sehr ernst zu nehmen.
Und dann lieber gleich damit anzufangen (mit dem, was wir wollen).
Setzt natürlich voraus, dass jeder von uns sich mal wirklich ernsthaft Gedanken dazu macht und darüber macht, was uns Menschen eigentlich als solche ausmacht. Statt weiterhin einen immer größer werdenden Teil seiner Energien auf die Erfüllung vermeintlicher oder tatsächlicher Erwartungen seiner Umwelt – d.h. fremdbestimmter Gedanken und Aktivitäten zu verschwenden.

Herr Peter Spiegel

04.12.2014, 10:40 Uhr

Der Mensch richtet zu große Schäden an. Wenn die Maschinen uns am Leben ließen wäre das unlogisch,
also kommen wir weg.

Herr Helmut Paulsen

04.12.2014, 10:42 Uhr

"Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vergangenen Samstag die Wilhelm-Leuschner Medaille verliehen bekommen. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, von dem die Verleihung ausging, würdigte Merkels “hervorragenden Verdienste um die demokratische Gesellschaft”. ..."

(...)

Wie bitte ? demokratisch ?? Wenn da nicht die ganzen Stiftungen wären, die uns in Wahrheit regieren. Die Demokratien sind nur Schein-Demokratien mit "Abnick-Parlamenten".

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