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16.01.2004

07:02 Uhr

Interview

Der Aufstieg des freiwilligen Investors

VonDie Fragen stellte Des Dearlove

Die traditionelle Management-Philosophie hat ausgedient, sagt Strategie-Guru Sumantra Ghoshal.

Ihre Arbeit nimmt weitreichende Veränderungen in der Art und Weise vorweg, in der Unternehmen sich selbst und ihre Ressourcen organisieren. Wird sich dadurch unsere Auffassung vom Management selbst verändern?

Die vorherrschende Philosophie, die die Wirtschaft in den vergangenen fünfzig Jahren angetrieben hat, basiert auf der Vorstellung, dass ein Unternehmen ein rein wirtschaftliches Gebilde ist. Im Kern dieser Philosophie steht die Auffassung, dass die Aufgabe eines Managers letztendlich darin besteht, die knappe Ressource Kapital als Hebel für den Vorteil des Unternehmens zu nutzen. Wir haben eine ganze Management- Doktrin um dieses Prinzip herum aufgebaut.

Diese Prämisse hat zu einer Unternehmensphilosophie geführt, die sich auf Strategie, Struktur und Systeme gründet. Die Aufgabe der Führungskräfte ist es, die richtige Strategie zu erfassen und die richtige Struktur zu entwerfen und die Strategie durch stark definierte Systeme mit der Struktur zu verbinden, um Leistung hervorzubringen. Diese Philosophie stammt eigentlich von Alfred Sloan und seinen Experimenten bei General Motors. Aber sie lässt sich heute nicht mehr anwenden.

Was hat sich verändert?

Das Finanzkapital ist nicht mehr die knappe Ressource. Das haben wir in den vergangenen Jahren beobachten können. Anleger mit Milliarden von Dollar sind hinter der heute wirklich knappen Ressource hinterhergejagt, nämlich Ideen, Wissen, Unternehmertum und Humankapital. Diese Ressource wird in den kommenden fünfzig Jahren noch viel knapper werden.

Diese Verlagerung vom Finanz- zum Humankapital als knapper Ressource hat enorme Auswirkungen. Die eigentliche Management-Philosophie - die Doktrin der Strategie, der Systeme und der Struktur - ist überholt, weil sie darauf angelegt ist, die Erträge aus dem Finanzkapital zu maximieren und Finanzkapital zu verwalten. Mit dieser Philosophie kann man keine Talente und Menschen fördern - wenn das die Quellen eines Wettbewerbsvorteils sind.

Was wird an die Stelle dieser Philosophie treten?

Es bildet sich gerade eine völlig andersartige Management-Philosophie heraus und sie wird dominieren. Wir nennen sie die Philosophie des Zwecks, des Prozesses und der Menschen. Also bewegen wir uns über die Strategie hinaus auf den Zweck zu, über die Struktur hinaus auf das Vorgehen und über die Systeme hinaus auf die Menschen zu. Alles zusammen erlaubt es dem Unternehmen, Talente anzuziehen, zu halten und sie dann als Hebel für den eigenen Erfolg einzusetzen. Die Management-Philosophie wird sich verändern.

Ändert sich damit auch der Kapitalismus selbst?

Die Basisdoktrin des Shareholder- Kapitalismus wird sich verschieben und abschwächen. Wenn also vor allem die Menschen für die größte Wertsteigerung sorgen, dann wird man die Menschen zunehmend als Investoren und nicht als Angestellte sehen müssen. Aktionäre investieren Geld und erwarten eine Rendite aus ihrem Engagement und das Wachstum ihres Kapitals. Genauso wird man bald die Menschen sehen. Sie werden ihr Humankapital in das Unternehmen investieren, einen Ertrag daraus erwarten und das Wachstum dieses Kapitals.

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