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02.12.2011

11:51 Uhr

Interview Lothar Seiwert

„Haben Sie den Dalai Lama schon mal gestresst gesehen?“

VonThorsten Giersch

Fühlen Sie sich auch, als ob Sie ferngesteuert durch das Berufsleben wandeln? Dann gehören Sie zur Mehrheit der Deutschen. Zeitmanagement-Papst Lothar Seiwert gibt Tipps, wie man die innere Unabhängigkeit zurückgewinnt.

Lothar Seiwert hat beinahe 30 Jahre Erfahrung mit Zeitmangement. Campus Seiwert

Lothar Seiwert hat beinahe 30 Jahre Erfahrung mit Zeitmangement.

Herr Seiwert, glauben Sie, dass jemand wie Siemens-Chef Peter Löscher über seinen Arbeitstag selbst bestimmen kann?

Ob Herr Löscher oder Frau Merkel: Sie alle sind Teil eines größeren Systems oder vorgeschalteten Office-Managements, das schon im Vorfeld Prioritäten und Tagesabläufe bestimmt oder vorschlägt. Aber zweifelsohne haben die Top-Entscheider in Wirtschaft und Politik wesentlich mehr Selbst – als  Fremdbestimmung als die meisten von uns.

Dann hat der Grad der Selbstbestimmung im Beruf doch nur sehr bedingt etwas mit dem Status zu tun, oder?

Ob Manager oder Taxifahrer oder Kellner im Straßencafé: Sie alle haben mehr Einflussmöglichkeiten in ihrem Job, als sie zunächst glauben. Entscheidend ist die innere Haltung oder Einstellung zu sich selbst und ihrem Job. Fremdbestimmung macht zweifelsohne Stress – Selbstbestimmung hingegen ist ein entscheidender Meilenstein für persönliche Zeit- und Lebensqualität.

Inwiefern stresst uns das Gefühl der Abhängigkeit?

Weil wir nicht so agieren können wie wir wollen – und andere über uns bestimmen. Wenn ich in einem Flieger sitze, bin ich von vornherein ausgeliefert und abhängig, egal was passiert. In einem Zug hingegen kann ich an jedem Bahnhof aussteigen oder sogar die Notbremse ziehen und den Zug zum Stehen bringen, wenn ich will. Darum reise ich lieber mit dem ICE als mit dem Flieger, weil ich in der Bahn grundsätzlich ein besseres Gefühl der geringeren Abhängigkeit habe.

Wie werden wir unabhängiger?

Indem wir im Rahmen unserer Möglichkeiten die äußeren Rahmenbedingungen verändern und/oder uns mental befreien, innerlich loslassen und aus einer inneren Haltung der Stärke und Eigensouveränität agieren. Nur wer den Mut hat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und seine Prioritäten nach eigener Überzeugung zu setzen, kann uneingeschränkt über seine Ressourcen verfügen.

Sie schreiben in Ihrem Buch: Aus dem Multitasker werden Workaholics, und die sind bewiesenermaßen weniger leistungsfähig. Was folgt daraus?

Wenn wir wirklich effektiv und glücklich sein wollen, müssen wir uns fokussieren, also auf das Wesentliche konzentrieren und konsequent Nein zu Dingen sagen, die uns von unseren wirklich wichtigen Berufs- und Lebensprioritäten abhalten. Monotasking ist auch hier die bessere Strategie. Also zum Beispiel nicht jede Email sofort öffnen, sondern wirklich nur zwei bis drei mal am Tag hineinschauen, auch wenn einen die Neugier oder Ungewissheit treibt, eventuell etwas verpassen zu können.

Sie haben elf Persönlichkeiten identifiziert. Inwiefern dienen sie als Vorbilder?

Für mich sind sie persönliche Vorbilder, weil sie besondere Eigenschaften verkörpern wie beispielsweise Steve Jobs: Der leider kürzlich verstorbene Apple-Visionär steht für mich in besonderer Weise für Eigensinnigkeit. Wie er gegen alle Widerstände seinen Kopf durchsetzte und jeden Produktentwurf zurück in die Überarbeitung schickte, der ihm nicht simpel oder schön genug war. Wie er dem Markt immer eine Nasenlänge voraus war und nicht die Dinge tat, die man von ihm erwartete.

Die Elf der Eigensinnigen

Seiwerts Dreamteam der Vorbilder

Folgende elf Persönlichkeiten haben laut Lothar Seiwert vieles gemeinsam. Sie haben die Welt verändert und wirken dabei nie gestresst. Was sie auszeichnet...

Torwart: Der Dalai Lama

In-Sich-Ruhen: Weit über zwei Millionen Follower hat der Dalai Lama bei Twitter. Er selbst folgt niemandem, außer seiner inneren Stimme. Kein anderer lebender Mensch steht derartig für Ausgeglichenheit. Die schlimmsten Schicksalsschläge scheinen ihm nichts anhaben zu können, stets verzeiht er den Menschen, auch wenn sie Böses tun.

Libero: Franz Beckenbauer

Souveränität: Der „Kaiser“ übernahm auch in schwierigen Momenten die Führung und wirkte der Sache stets gewachsen – auf dem Platz und erstrecht in seinen Karrieren danach.

Verteidiger: Bill Clinton

Charisma: Clinton nimmt Gesprächspartner durch seine Ausstrahlung für sich ein. Ein geborener Leader, eine Führernatur ohne Allüren, voller natürlicher Autorität.

Verteidiger: Ken Blanchard

Fokus: Ein US-Kollege von Lothar Seiwert, der vielleicht nicht jedem Deutschen ein Begriff ist, aber als einer der größten Management-Ratgeber gilt. Er entwickelte das Konzept des One-Minute-Managers. Seiwert schätzt Blanchard für seine Fähigkeit, den Fokus auf eine Sache zu legen.

Vorstopper: Steve Jobs

Eigensinnigkeit: Jobs konnte herrisch und unbequem sein für seine Mitarbeiter, doch er wollte nur das Beste aus den Produkten herausholen. Für Seiwert ist Jobs ein echtes Vorbild, wie man sich nicht unterkriegen lässt.

Rechtes Mittelfeld: Tony Robbins

Geistesgegenwart: Anthony Robbins ist der wohl bekannteste Erfolgstrainer und –autor in den USA. Seiwert hat einige Seminare mit ihm gemacht und berichtet von dem Erlebnis am 11. September 2001. Es war ein Seminar auf Hawai, das aufgrund der Ereignisse in Trauer erstickte. Robbins hielt spontan einen Vortrag über Glaubenssysteme, der die Anwesenden nicht nur aufmunterte, sondern ihnen auf Kraft gab.

Defensives Mittelfeld: Jack Welch

Konsequenz: Jack Welsh ist für Seiwert einer der besten Manager aller Zeiten und bestich durch das Festhalten am eingeschlagenen Weg. Der „Erfinder“ des Shareholder-Value brauchte allerdings auch über 25 Jahre, bis er erkannte, dass das Prinzip ein Riesenfehler war.

Linkes Mittelfeld: Ronald Reagan

Autorität: Seiwert zeigt sich von der Leistung Reagans beeindruckt, sich am Anfang der Amtszeit ein dermaßen hohes Maß an Autorität verschafft zu haben. Und trotz seiner  Arbeitsauffassung (nine to five) wurde Reagan in 49 von 50 Bundesstaaten wiedergewählt.

Spielmacher: Richard Branson

Begeisterung: Ein Sonnenkind des Lebens, das sich immer auf das konzentriert, was es gerade macht und das in anderen Dimensionen denkt als die meisten anderen Manager. Branson sprüht vor Tatendrang, seine Begeisterung reißt mit

Stürmer: Helmut Schmidt

Weitblick: Einen langen Atem hat Helmut Schmidt trotz der Mentholzigaretten stets bewiesen. Kaum einer laut Seiwert so glasklare, durchdachte Standpunkte.

Stürmer: Uli Hoeneß

Leidenschaft: Der hochrote Kopf, wenn es Ungerechtigkeiten zu benennen gilt – so kennt man Uli Hoeneß. Mit ehrlichem Herzen zu großem Erfolg. Er wirkt dabei nicht immer relaxt, aber auch nie gestresst. Sein Antrieb heißt Leidenschaft.

Kommentare (3)

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puenktli

02.12.2011, 13:56 Uhr

Ob ich den Dalai Lama schon mal gestresst gesehen habe? Ja natürlich! Und meistens dann, wenn die Kameras abgeschaltet waren. Es gibt Themen, da ist er sehr gestresst. Denken wir nur an die Shugden-Geschichte. Nein, mal ehrlich, Herr Siewert, jeder biegt sich seine Welt zurecht!

Kritiker

05.12.2011, 14:39 Uhr

Wer sich die Bibliographie von Lothar Seiwert anschaut, der sieht, dass er einfach nur einem Trend nach dem anderen hinterherläuft, darüber ein Buch schreibt und das seiner Leserschaft jedes Mal als ultima ratio präsentiert. Da widerspricht er ohne zu zügern mal eben seinen Thesen aus 1-2 vorangegangenen Büchern oder auch im gleichen Buch sich selbst, wenn er einerseits Fremdbestimmung als Stressfaktor ausmacht, aber andererseits das bedingungslose Grundeinkommen ablehnt, welches allen Menschen des jeweiligen Landes mehr Selbstbestimmung ermöglichen würde. Aber diese Freiheit und Selbstbestimmung gönnt er wohl ausschließlich seiner meist bessersituierten Leserschaft, die die Bücher kauft.

Wer sich hingegen nachhaltig mit Tao, Zen und anderen Elementen ostasiatischer Philisophie beschäftigt, kann sich diesen ganzen Affenzirkus von Seiwert und Konsorten sparen und findet langfristig einen geeigneten Weg zu mehr Zeit, Freiheit und Selbstbestimmung - und geht nicht einem klassenideologisch verblendeten Schreiberling auf den Leim.

Pro-D

26.03.2012, 16:16 Uhr

Keiner wird behaupten, dass Bhuddismus die höchste Stufe der Vollkommenheit ist. Jder Reliogion ist eben nur ein mehr oder minder geglückter Versuch, die Menschen wieder in die Hammelherde zurück zu treiben.

Die wahren Weisen erkennt keiner.
Sie haben es auch nicht mehr nötig, die Welt zu verbessern oder zu retten. Die Welt ist perfekt und vollkommen, so wie sie ist. Hier bekommt JEDER, was er will. Allerdings sollte man dabei berücksichtigen, dass wir zu 95% unbewusst sind und es sehr wohl auch einen unbewussten Willen gibt.

Es gibt übrigens keine Fremdbestimmung.

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