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22.10.2013

18:34 Uhr

Interview Nikolas Gebhard

„Vorstände sind keine Monster“

VonMartin Dowideit

Spitzenmanager sollten stärker über die eigene Verantwortung diskutieren – sonst drohen sie abzustumpfen, sagt Nikolas Gebhard. Der Soziologe hat viele Konzernlenker interviewt und auch ernüchternde Auskünfte erhalten.

Vorstandschef bei einer Rede: Mit einer Handbewegung können Spitzenmanager Entscheidungen treffen. Doch werden Sie der eigenen Verantwortung gerecht? dpa

Vorstandschef bei einer Rede: Mit einer Handbewegung können Spitzenmanager Entscheidungen treffen. Doch werden Sie der eigenen Verantwortung gerecht?

Herr Gebhard, Sie haben für Ihre Dissertation mit 30 hochrangigen deutschen Managern über deren Verantwortungsverständnis gesprochen. War es einfach, Zugang zu bekommen?

Es war zunächst extrem schwierig. Hilfreich war aber mit Sicherheit, dass über verschiedene persönliche und universitäre Kontakte erste Referenzen vorhanden waren. Empfehlungsschreiben von Gesprächspartnern haben mir dann zu immer weiteren Interviews verholfen.

Nikolas Gebhard hat an der Universität Hohenheim in Soziologie promoviert und arbeitet bei einem Anbieter von Automatisierungstechnik als Projektingenieur. PR

Nikolas Gebhard hat an der Universität Hohenheim in Soziologie promoviert und arbeitet bei einem Anbieter von Automatisierungstechnik als Projektingenieur.

Mit wem haben Sie gesprochen?

Ich habe mit 30 Vorständen aus Dax- und MDax-Konzernen beziehungsweise Firmen dieser Größenordnung gesprochen. Dabei habe ich Wert auf ein möglichst breites Spektrum gelegt was etwa Alter der Interviewten oder ihre Branche angeht. Absolute Anonymität war den Beteiligten höchst wichtig ...

... weil sie sich Ihnen gegenüber geöffnet haben?

Ich denke schon. Einige Vorstände kamen zunächst mit ihrem Manager für Compliance-Fragen in das Gespräch, also einem Mitarbeiter, der für die Regeleinhaltung im Unternehmen zuständig ist. Doch im weiteren Verlauf haben wir uns unter vier Augen unterhalten.

Spitzenmanager zum Thema Verantwortung (1)

Mainstream im Unternehmensinteresse

„Das bringt auch die Schnelligkeit der heutigen Zeit mit sich, dass diese Dinge leider leider auf der Strecke bleiben und man auch auf Mainstream gehen muss, im Unternehmensinteresse. Dass man auch mal den Weg des Ehrbaren Kaufmanns verlässt, weil im Unternehmensinteresse andere Ansätze schlagender sind.“

(Quelle: Anonymisierte Interviews mit 30 Spitzenmanager deutscher Großkonzerne. Zitiert in: „Das Verantwortungsverständnis deutscher Spitzenmanager“, UVK 2013)

Akzeptables Verhalten finden

„Man muss mit der Ehrbarkeit, eine Verhaltensweise finden, die die unternehmerische Gewinnerzielungsabsicht gesellschaftlich, moralisch und sozial akzeptabel macht.“

Koordinatenkreuz nicht delegierbar

„Das Thema einer persönlichen Verantwortung, eines persönlichen Koordinatenkreuzes für Moral und Ethik, Disziplin, Tugenden: das ist nicht delegierbar. Das bin ich und sonst niemand.“

Es gibt einen klaren Chef

„Wir kokettieren wirklich mit der Organverantwortung des Vorstandes einer deutschen AG und sagen, die einzige Stelle, wo wir die Kollektivverantwortung nicht loswerden konnten, ist der Organvorstand der AG. Und trotzdem gibt es einen klaren Chef.“

Das gleiche Moral-Kostüm wie zuhause

„Ein anderes moralisches Kostüm in der Firma anzuziehen als ich es zuhause bei meiner Frau, meinen Kindern, habe, ist einfach nicht denkbar für mich. Die Grundkoordinaten müssen die gleichen sein.“

Government-Kodex oder Bibel

„Wenn ich einen Kodex habe ist es letztendlich egal, ob der jetzt Government-Kodex oder Bibel heißt.“

In Gedanken in der Zeitung

„Ich führe für mich bildhaft (den Gedanken) mit, wie ich morgen (mit meiner Handlung) in der Zeitung dastünde.“

Warum?

Über das eigene Verständnis von Verantwortung zu reden, war für die Manager interessant. Aber das ist eine persönliche Sache für sie. Denn im Arbeitsalltag ist dafür kein Platz. Das Gespräch kam vielen als Möglichkeit zur Selbstreflexion gelegen. Über Verantwortung nachzudenken – dafür gibt es in Konzernen meiner Meinung nach zu wenig Raum. Die Manager an der Spitze machen das Thema nur mit sich selbst aus.

Das ist ein wenig erschreckend.

Es gibt nur äußerst selten einen Gegenpart, der dabei hilft, die eigene Verantwortung zu hinterfragen. Das wird maximal mit der Ehefrau offen besprochen. Manche Manager haben zwar einen Mentor. Ein Gesprächspartner hat aber offen gesagt, dass er mit dem nur die nächsten Karriereschritte bespreche.

Kommentare (4)

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Koboldo

23.10.2013, 07:07 Uhr

Das Problem der Leute in den Vorstandsetagen ist ihre Herkunft. Dies gilt auch bei Richtern und Staatsanwälten. Sie haben nicht "Granit gefressen", haben eine stromlinienförmige Karriere hingelegt, wissen aber nicht, mit welchen Problemen die ihnen Anvertrauten zu kämpfen haben. Sie sind zeitlich mehr mit ihrer Karriere beschäftigt, als mit ihrer eigentlichen Aufgabe. Aufgrund eines unterentwickelten gesunden Menschenverstandes werden Beraterstäbe und Gutachter in Massen beschäftigt, Verantwortung also schlicht abgeschoben auf Menschen, die Tag und Nacht zur Verfügung stehen sollen. Obwohl also das unternehmerische oder eigenständige Risiko auf diese Art minimalisiert wurde, entstanden Entlohnungsansprüche, die für Normalsterbliche nicht mehr nachvollziehbar sind. Gefördert wurde diese Einstellung von der Kapitalseite, die selbst nicht mehr denken will und für die der Verdienst von Vorständen nur Brotkrümel sind. Diese Entwicklung hat die Verantwortung für diejenigen, die den Wohlstand erschaffen, weitgehend verkümmern lassen. Betriebsräte, Aufsichtsräte, Gewerkschaften, Kirchen und die Politik haben meines Erachtens allesamt kläglich versagt. Die herrschende Geisteshaltung wird leider erst dann eine Änderung erfahren, wenn die Pfründe und Vorteile der Letztgenannten ernsthaft gefährdet sind...

Kobolde_korrigieren

23.10.2013, 07:46 Uhr

@Koboldo

Selten so einen Unsinn gelesen. Immer, wenn man verallgemeinert, liegt man falsch. Ich persoenlich entstamme einer Arbeiterfamilie, habe mich aber nach oben gearbeitet (was Sie als 'Grant fressen' bezeichnen). Einser-Abi, Studium, Doktortitel (Naturwissenschaften Summa cum laude), Auslandsaufenthalte. Nun bin ich (Forschungs-)Vorstand in einem grossen Unternehmen und kenne das Leben der 'kleinen Angestellten' aus eigener Kindheitserfahrung.
Sie sollten akzeptieren, dass auch die Vorstandsetage eine gemischte Gesellschaft ist, mein Lieber.

Koboldo

23.10.2013, 08:08 Uhr

Es liegt mir fern, zu verallgemeinern. Ich spreche lediglich Symptome an, die mir aus meiner Berufserfahrung bekannt sind. Außerdem sollten Sie so ehrlich sein und zugeben, dass Kinder aus Arbeiterfamilien es selten in die Vorstandsetagen großer Firmen schaffen. Abgesehen davon ist eine solche Herkunft selbstverständlich keineswegs ein Garant für ethisch-moralisch einwandfreies Verhalten.

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