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03.06.2013

14:27 Uhr

Interview

Wie Firmen Hochwasser-Schäden vermeiden können

VonCarina Kontio

Wenn ein Unternehmen von Hochwasser betroffen ist, kann der Schaden schnell existenzbedrohend werden. Wie man finanziellen Verlusten vorbeugt, weiß Hochwasserrisiko-Fachmann Wilfried Baumann.

Baumann: „Wenn ein „100-jähriges“ Hochwasser abgeflossen ist, darf man sich nicht in der völlig falschen Sicherheit wiegen, man hätte jetzt ja 100 Jahre Zeit.“ dpa

Baumann: „Wenn ein „100-jähriges“ Hochwasser abgeflossen ist, darf man sich nicht in der völlig falschen Sicherheit wiegen, man hätte jetzt ja 100 Jahre Zeit.“

DüsseldorfDauerregen herrscht auch in Freiburg. Viele Pegel in der Region melden Hochwasser und die Feuerwehr ist ständig im Einsatz – auch bei vielen Unternehmen. Ihnen setzt das Hochwasser schwer zu, dabei wären viele Schäden vermeidbar. Ein Gespräch mit Wilfried Baumann, der für Hochwasser und Umwelt zuständige Ansprechpartner beim Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertag (BWIHK).

Herr Baumann, was genau heißt HQextrem?

Bei Hochwasser spricht man häufig von HQ10 oder HQ50 oder HQ100. Das sind Hochwasserereignisse, wie sie statistisch gesehen einmal in 10, beziehungsweise 50 oder 100 Jahren vorkommen. Ereignisse, die statistisch noch viel seltener sind, werden als HQextrem bezeichnet, manche reden auch von 500-jährigen oder 1000-jährigen Hochwasser. Das klingt, als würde man es nie erleben, aber leider häufen sich diese Extremereignisse.

Vorbeugen ist ja besser, als hinterher aufräumen zu müssen: Gibt es Schäden, die Unternehmen eigentlich vermeiden könnten?

Sicherlich ja, sowohl durch technische als auch durch organisatorische Maßnahmen. Das kann aufwändig sein, wenn etwa Fässer höher gelagert werden sollten. Es kann aber auch ganz einfach und trotzdem wichtig sein, wenn zum Beispiel Notfallnummern oder Ansprechpartner in Notfallplänen aktuell gehalten werden müssen.

Was können Firmen tun, um sicher Hochwasserschäden zu vermeiden?

„Sicher“ im Sinne von vollständig vermeiden kann man solche Naturgewalten leider nicht. Aber man kann sie minimieren, angefangen von Sensibilisierung im Unternehmen bis zu konkreten Planungen und Übungen, wer was in welchem Fall tun soll und wer wen informiert etc.

Wie wichtig ist es, für den Notfall einen Krisenmanagementplan in der Schublade zu haben und was muss dabei beachtet werden?

Sehr wichtig, ein solcher Plan ist das A und O. Gerade weil Hochwasser zum Glück vergleichsweise selten auftritt, geht die Thematik im Alltagsgeschäft meist unter und wenn es dann soweit ist, soll alles sehr schnell gehen. Besonders wichtig für Unternehmen ist die Abstimmung ihrer Pläne mit den kommunalen Alarm- und Einsatzplänen und die Festlegung des Informationsflusses und möglicher Transportwege im Vorfeld. Zu beachten ist dabei zum Beispiel, dass in Notfällen ggf. die Telefonverbindung gestört oder Zufahrtswege überschwemmt sind.

Ratschläge für Hochwassergeschädigte

Verunreinigte Lebensmittel noch essen?

Vom Verzehr unzureichend verpackter Lebensmittel raten wir Ihnen ab. Überlegen Sie auch, ob Sie in Ihrem Keller oder in anderen Lagerräumen Giftstoffe (Rattengift, Pflanzenschutzmittel etc.) aufbewahrt haben und lassen Sie diese Räume gegebenenfalls durch die Feuerwehr oder eine Fachfirma abpumpen, so daß das verunreinigte Wasser sicher entsorgt werden kann. Geben Sie der Feuerwehr oder der Entsorgungsfirma Hinweise auf die enthaltenen Giftstoffe!

Wenn der Heizölkeller voll Wasser steht

Den Keller leer zu pumpen ist erst dann sinnvoll, wenn das Hochwasser abgeflossen und der Grundwasserpegel ausreichend abgesenkt ist. Sind auf der Wasseroberfläche nur Ölschlieren erkennbar, kann das Wasser ohne weitere Maßnahmen ins Freie gepumpt werden - vorzugsweise in den nächsten Kanaleinlauf. Bei einer deutlichen Ölschicht auf der Wasseroberfläche sollte das Abpumpen der Feuerwehr überlassen werden, die über Geräte verfügt, um Wasser und Öl zu trennen. Gleiches gilt, wenn im Keller außer Öl auch andere wassergefährdende Stoffe wie z.B. Pflanzenschutzmittel, Rattengift und ähnliches gelagert wurden, oder wenn ölverunreinigter Schlamm möglicherweise nach Leerpumpen des Kellers zurückbleibt.

Bitte verwenden Sie kein Ölbindemittel ohne Absprache mit der Feuerwehr und achten Sie auf die ordnungsgemäße Entsorgung! Es erschwert das Abpumpen und kann Schäden an den Pumpen anrichten. Nach dem Leerpumpen den Keller gut lüften. Öl, das in Bauteile aus Beton, Ziegel, Holz usw. eingedrungen ist, beeinträchtigt nicht deren Festigkeit.

Was tun bei Ölschlämmen und Öldämpfen im Haus?

Ausgelaufenes Heizöl verursacht erhebliche Geruchsbelastungen, die in der Regel jedoch keine gesundheitliche Gefährdung bedeuten. Von einem längeren Aufenthalt in unbelüfteten Räumen, insbesondere Kellerräumen, raten wir jedoch ab. Was ist zu tun? Nicht rauchen, kein offenes Feuer! Lüften mit starkem Luftaustausch. Öl absaugen (in der Regel nur durch Fachkräfte möglich!). Ölbindemittel, Emulgatoren sollten nur zur Beseitigung kleinerer Rückstände und zur abschließenden Reinigung in Gebäuden verwendet werden. Bitte beachten Sie: Beim Einsatz von Ölbindemitteln ist in geschlossenen Räumen Brand- und Explosionsgefahr nicht auszuschließen. Falls Sie derartige Mittel einsetzen wollen, schalten Sie die örtliche Feuerwehr ein.

Schaden Öldämpfe im Freien der Gesundheit?

Öldämpfe im Freien können eine intensive Geruchsbelastung darstellen, gefährden in aller Regel jedoch nicht die Gesundheit. Behördliche Messungen, die vorgenommen wurden, haben keine Hinweise auf eine gesundheitliche Gefährdung erbracht.

Was tun bei Öldreck im Garten und auf dem Feld?

Häufig wird in den Bereichen, die vom Hochwasser überflutet waren, Hof und Garten mit einem dünnen Ölfilm überzogen sein. Im allgemeinen werden nur geringe Ölmengen in die oberste Bodenschicht eingedrungen sein, die bis zum Herbst abgebaut sein dürften. Sie werden keine dauerhafte Nutzungseinschränkung verursachen. Ist der Boden aber erkennbar mit Öl getränkt oder mit einer dicken Ölschlammschicht bedeckt, sollten Sie sich mit Ihrem Landratsamt, Ihrer kreisfreien Stadt bzw. dem Amt für Landwirtschaft über einen Abtrag des belasteten Bodens und die Art seiner Entsorgung abstimmen.
Gartenböden sollen aber in regelmäßigen Abständen - etwa alle 2-3 Wochen - 5 bis 10 cm tief umgegraben werden, um für ausreichende Luftzufuhr zu sorgen; zur Beschleunigung des Abbaus von Mineralöl können Hilfsstoffe (z.B. Biocrack) eingesetzt werden. Gras, Grünfutter sind als Restmüll zu entsorgen und eignen sich nicht zum Kompostieren. Komposthaufen: der Komposthaufen sollte umgesetzt werden, der kontaminierte Kompost in diesem Jahr nicht mehr in den Boden eingearbeitet werden.

Sandkästen, Kinderspielplätze: sichtbar verunreinigter und nach Öl riechender Sand muß ausgetauscht werden. Gartenteiche: bei einem dünnen Ölfilm auf dem Gartenteich kann der Abbau durch Zugabe von Biocrack beschleunigt werden. Falls Öl auf dem Wasser aufschwimmt, muß es von der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk abgepumpt werden. Danach ist der Teich zu reinigen und neu zu befüllen.

Welche Gefahren drohen durch Strom?

Welche Gefahren drohen durch Strom in feuchten Räumen? Schalten Sie den Strom in überschwemmten und ausgepumpten Gebäuden sowie in sonstigen feuchten Räumen nicht einfach wieder ein! Es besteht eine erhebliche Gefahr von Stromschlägen und Kurzschlüssen.

Das gleiche gilt, wenn Sie elektrische Geräte, die der Wassereinwirkung ausgesetzt waren, wieder in Betrieb nehmen. Wir empfehlen dringend, elektrische Anlagen und Geräte durch eine Elektrofachkraft überprüfen zu lassen! Nehmen Sie Ihre Heizung erst nach der Inspektion durch einen Fachmann in Betrieb.

Gemüse aus dem überschwemmten Garten essen?

Wir raten vom Verzehr von Gemüse aus überschwemmten Bereichen ab. Obst, Gemüse, Salat sind aus Vorsorgegründen nicht mehr zum Verzehr geeignet und sollten mit dem Restmüll entsorgt werden. In Zweifelsfällen wenden Sie sich bitte an Ihre Kreisverwaltungsbehörde (Landratsamt bzw. kreisfreie Stadt), wo Sie kostenlos beraten werden.
Auskünfte erteilen auch die Verbraucherberatungsstellen. Bei gewerblich oder landwirtschaftlich genutzten Flächen stehen die örtlichen Behörden beratend zur Seite. Sie können den Boden Ihres Gartens aber wieder bepflanzen, sobald kein Ölgeruch mehr wahrzunehmen ist.

Kommen nach dem Hochwasser die Mücken?

Das ablaufende Hochwasser und das zurückgehende Grundwasser lassen in den Überschwemmungsflächen der Flüsse stark vernässte Flächen mit vielen Pfützen und Tümpeln zurück. Herrschen in dieser Zeit sommerliche Temperaturen, so entwickeln sich darin in wenigen Tagen Stechmücken, die zwar die Gesundheit der Bewohner nahegelegener Siedlungen nicht gefährden, sie aber durch ihre außergewöhnlich hohe Zahl doch sehr belästigen können. Nur die Mückenweibchen, die für die Entwicklung ihrer Eier auf Blut angewiesen sind, stechen Warmblüter.

Um eine Belästigung in den Wohnungen zu vermeiden, empfiehlt es sich, als völlig harmloses Mittel Mückengaze oder -gitter (z.B. von Baumärkten) vor den Fenster- und Türöffnungen anzubringen. Die Insekten können damit praktisch vollständig aus den Wohnräumen ferngehalten werden.
Besonders in den Dämmerungsstunden ist es ratsam, sich in den Überschwemmungsflächen und den angrenzenden Wohngebieten nur so lang wie nötig im Freien aufzuhalten. Lange Bekleidung mindern die Erfolgschancen der Stechmücken. Zusätzlich sind an unbedeckten Körperteilen Mückenabwehrstoffe zum Einreiben oder Sprühen hilfreich.

Im Hochwassergebiet Trinkwasser konsumieren?

Das Hochwasser kann bei einzelnen Versorgungsanlagen das Trinkwasser beeinträchtigen. Chlorung: Bei manchen Trinkwasseranlagen wird deshalb zur Abwehr von möglichen Gesundheitsgefahren das Wasser gechlort. Damit werden Krankheitserreger abgetötet, die durch das Hochwasser u.U. in das Trinkwasser gelangt sein können. Diese Chlorung ist gesundheitlich völlig unbedenklich, es verursacht lediglich eine leichte Geruchs- oder Geschmacksbeeinträchtigung.

Trinkwasserverbot und Abkochanordnung: Wenn eine Chlorung nicht ausreicht (oder aus technischen Gründen unmöglich ist), um den bei uns vorgeschriebenen hohen Sicherheitsstandard zu gewährleisten, kann es erforderlich werden, das Trinken von Trinkwasser zu verbieten und anzuordnen, daß Wasser nur im abgekochten Zustand getrunken werden darf. Über die Notwendigkeit des Abkochens werden die betroffenen Bürgerinnen und Bürger in geeigneter Weise (z.B. über den Rundfunk) informiert.
Trinkwasser darf erst dann wieder getrunken werden, wenn Trinkwasserverbot und Abkochanordnung aufgehoben wurden. In der Zwischenzeit sollte Mineralwasser oder Wasser aus einer anderen freigegebenen Zapfstelle verwendet werden. In Zweifelsfällen rufen Sie bitte Ihr zuständiges Wasserwerk an, gegebenenfalls die Gemeinde. Auch die Gesundheitsabteilung am Landratsamt bzw. der kreisfreien Stadt gibt Ihnen Auskunft.

Wohin mit Ölverseuchten Hausabfällen?

Nach der Überschwemmung können Fußbodenbeläge, Holzverkleidungen, Estrich, Putz und andere saugfähige Bauteile sowie Hausrat durch Öl belastet sein. Sie können in der Regel als Sperrmüll entsorgt werden. Weitere Auskünfte kann Ihnen der Abfallberater des Landratsamtes bzw. der kreisfreien Stadt oder Gemeinde erteilen.

Wohin mit belastetem Heu, Gras oder Treibholz?

Sie können dieses belastete Material verbrennen, sollten vorher aber die Feuerwehr informieren und möglichst wenige Brandherde schaffen. Eine dringende Bitte: Verbrennen Sie das Material erst, wenn es trocken ist!
Um Bränden vorzubeugen, sollte das Feuer sorgfältig kontrolliert, Sicherheitsabstände beachtet und eine Verbrennung bei starkem Wind vermieden werden. Trockenes Treibholz sollte gehäckselt oder gesammelt verbrannt werden. Diese Maßnahmen gelten nur für eine Übergangszeit im Katastrophenfall. Für weitere Auskünfte steht Ihnen der Abfallberater Ihres Landkreises, Ihrer Stadt oder Gemeinde zur Verfügung.

Quelle

Gibt es Hilfe für die Erstellung eines solchen Notfallplans?

Ja, hierzu gibt es verschiedene Leitfäden zum Beispiel von behördlicher Seite oder auch von den Sachversicherungen. Von großer Bedeutung ist dabei die Frage für potentiell Betroffene, ob ihr Grundstück denn im Einzugsbereich solcher seltenen Hochwasserereignisse liegt. Dazu werden derzeit bundesweit Hochwassergefahrenkarten erarbeitet, die zum Teil schon im Internet veröffentlicht sind oder bis zum Jahresende veröffentlicht werden. In vielen Gebieten wird sich die Veröffentlichung allerdings noch verzögern, weil die notwendigen Vorarbeiten und Berechnungen sehr komplex sind.

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