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09.11.2014

11:29 Uhr

Interview zum Thema Effizienz

„Niemand steigt auf, weil er gut organisiert ist“

VonLisa Hegemann

Dem Fleißigen gehört die Welt? Mitnichten. Im Interview erklären zwei Managementberaterinnen, warum es sich nicht lohnt, Schwächen zu bekämpfen, und ein Meeting weniger die Karriere ankurbeln kann.

Eine Karriere fußt nicht nur auf Leistung und optimaler Arbeitszeitausbeute. dpa

Eine Karriere fußt nicht nur auf Leistung und optimaler Arbeitszeitausbeute.

Viel arbeiten, dann klappt es schon mit der Karriere: In vielen Ratgebern wird der Eindruck erweckt, jeder könne zum Topmanager werden, wenn er nur fleißig ist. Doch eine effiziente und schnelle Arbeitsweise bringt unsere Karriere kaum voran, meinen Dorothea Assig und Dorothee Echter. Die beiden Führungskräftetrainerinnen beraten Topmanager darin, wie sie den Aufstieg schaffen können. Im Interview mit Handelsblatt Online erklären die beiden Frauen, warum Effizienz dem Chef egal ist, bis wann Leistung überhaupt entscheidet und was die Karriere wirklich vorantreibt.

Frau Assig, Frau Echter, unsere Gesellschaft steckt im Optimierungswahn. Selbst in Bewerbungen preisen wir unsere effiziente und schnelle Arbeitsweise an. Sie sagen, das bringt gar nichts. Warum nicht?
Assig: Eine große Karriere zu machen und Arbeitsziele zu erreichen, sind zwei ganz unterschiedliche Dimensionen, die nichts miteinander zu tun haben. Gut organisiert und fleißig zu sein, ist allenfalls wichtig, um Arbeitsziele, zum Beispiel in Projekten, zu erreichen.

Dorothea Assig, Managementberaterin. PR

Dorothea Assig, Managementberaterin.

Aber es heißt doch immer: Dem Fleißigen gehört die Welt. Wer also besonders effizient arbeitet und fleißig ist, der muss doch auch im Arbeitsalltag aufsteigen.
Echter: Nein, denn warum sollte ein Aufsichtsrat einen Einkaufsmanager oder einen Marketingchef berufen, nur weil dieser gut organisiert ist?

Weil er viel leistet?
Assig: Er leistet viel, wenn er die Zukunft profitabel gestaltet, wenn er wichtige Verbindungen weltweit herstellt, wenn er andere Menschen von seinem Unternehmen und seinem Anliegen begeistert. Es mag manchmal leichter sein, wenn jemand gut organisiert ist, aber es gibt keinen Menschen, der wegen seiner Selbstoptimierung eine Top-Position errungen hat. Er steigt auf, weil er Ergebnisse liefert – wie er es geschafft hat, sie zu liefern, das ist doch dem Chef egal.

12 Karriere-Mythen

Mit 50 ist man zu alt für die Karriere

Nein! In der Realität gibt es diese Altersschranke oft gar nicht, glaubt Headhunter Marcus Schmidt: „Manche Mandanten suchen sogar explizit Führungskräfte ab 50, weil sie viel Wert auf Erfahrung legen und nicht wollen, dass der Neue gleich wieder weiterzieht.“ Zudem gilt in Deutschland seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das eine Diskriminierung aus Altersgründen verbietet.

Seine Erfahrungen hat Schmidt in dem Buch „Die 40 größten Karrieremythen“ niedergeschrieben. Handelsblatt Online hat die spannendsten Zitate ausgewählt.

Ohne Doktortitel geht es nicht

„Die Frage, ob man promovieren soll oder nicht, hängt von der angestrebten Karriere ab“, sagt Schmidt. Denn die Promotion koste immer auch Zeit – in der Diplomanden ein vergleichsweise geringes Gehalt beziehen. „Nicht alle jungen Berater, Anwälte und Wirtschaftsprüfer wollen in einem Unternehmen zum Partner aufsteigen oder erreichen dieses Ziel.“

Eine Top-Karriere macht man nur im großen Konzern

Falsch! Entscheidend für die Karriere sei nicht, bei welchem Unternehmen man arbeite, sondern welche Aufgaben und Entfaltungsmöglichkeiten man habe, sagt Personalberater Schmidt. „Gerade in weniger etablierten Unternehmen gibt es oftmals spannendere und weniger standardisierte Aufgaben als in Großkonzernen“, so Schmidt.

Nur wer sich anpasst kommt weiter

Im Gegenteil: Eigene, gut argumentierte Überzeugungen hält Headhunter Marcus Schmidt für unabdingbar. „Wer nur mitläuft, um ja keinen Fehler zu machen, kann nichts Herausragendes leisten und wird nicht dauerhaft auf sich aufmerksam machen“, so Schmidt. So könne man sich nicht profilieren oder für die nächsten Ebenen empfehlen.

Der MBA ist ein Karriere-Turbo

Die deutsche Wirtschaft zeigt ein anderes Bild: Absolventen hätten sich selten in die Führungsetage hochgearbeitet, sagt Schmidt. Anders als der Doktortitel ist der MBA zudem kein normierter akademischer Grad, seine Vergabe wird also grundsätzlich nicht staatlich geregelt oder kontrolliert. Wer Studiengebühren von bis zu 70.000 US-Dollar auf sich nehme, solle deshalb das Renommee der Schule immer überprüfen.

Ohne Examen gibt es keinen Aufstieg

Muss man heute studieren, wenn man Karriere machen will? Nein, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Und einige prominente Konzernlenker geben ihm recht: Telekom-Chef René Obermann etwa hat sein Studium abgebrochen, und auch Klaus-Peter Müller, bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender, hat nie studiert.

Gehalt ist ein untrüglicher Gradmesser des Karriereerfolgs

Die Position mit Perspektive sei nicht immer die am besten bezahlte, sagt Marcus Schmidt. So könne sich für ein renommiertes Traineeprogramm ein kurzfristiger Gehaltsverzicht durchaus auszahlen - etwa, wenn das ausbildende Unternehmen in seiner Branche als Kaderschmiede gilt.

Ein Auslandsaufenthalt fördert die weitere Karriere

Nicht immer, sagt Headhunter Marcus Schmidt – stattdessen kann der Auslandseinsatz sogar zum Nachteil werden. „Oftmals sind es die Daheimgebliebenen, die dann verbleibende Inlandsposten unter sich aufteilen“. Sie säßen dann auf Stühlen, auf die Auslandsrückkehrer vergeblich spekulieren.

Der erste Job muss der richtige sein

Wer auf standardisierte Einstiegsprogramme in Unternehmen mit hohem Bekanntheitsgrad setze, müsse auch in Kauf nehmen, dass die eigene Berufslaufbahn nachgemacht wirkt, sagt Personalberater Marcus Schmidt. „Gehen Sie eigene Wege. Suchen Sie Ihren Einstieg ruhig gegen den Strich. Probieren Sie etwas aus, was sie wirklich interessiert.“

Karriere macht, wer mehr als 60 Stunden pro Woche arbeitet

Falsch, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Ebenso wichtig wie der tatsächliche Zeiteinsatz sei der gefühlte Zeiteinsatz. Und der definiere sich auch durch die Befriedigung mit der getanen Arbeit. „Wer es schafft, aus seines Arbeit weitgehend Befriedigung zu ziehen, muss auch nicht Karriereschablonen zum persönlichen Zeiteinsatz nachjagen.“

Frauen hindert die „gläserne Decke“ am Aufstieg

Tatsächlich finde sich diese „gläserne Decke“ vor allem in den Köpfen der männlichen Entscheider, glaubt Schmidt. Für weibliche Führungskräfte scheine sie hingegen kein Thema zu sein. „Viele Beratungsunternehmen und große Konzerne bitten uns öfter sogar explizit, nach weiblichen Kandidatinnen zu suchen.“

In der Wirtschaftskrise macht man keine Karriere

„In der Krise wählen Unternehmen bei der Besetzung von Stellen zwar sorgfältiger aus. Aber sie stellen trotzdem noch ein“, ist die Erfahrung von Marcus Schmidt. Gerade in Phasen des Umbruchs gebe es etwa die Chance zur Übernahme von Restrukturierungsjobs, bei denen wirklich die Fähigkeit der Verantwortlichen zählt.

Aber wer sich gut organisiert, der schafft mehr und erzielt möglicherweise doch auch bessere Ergebnisse.
Echter: Das mag auf den unteren Ebenen schon so sein, bis zu einem gewissen Punkt.

Bis zu welchem?
Echter: An der Grenze zum oberen Management. Bis dahin ist Leistung entscheidend, danach gilt Leistung als erwiesen. Sie führt zu keiner Karriere mehr. Jetzt muss sich jemand als Persönlichkeit zeigen. Wer eine große Karriere machen möchte, spricht über sein persönliches Anliegen, und zwar, wie er das Unternehmen, wie er die Welt verbessern will.

Dorothee Echter, Managementberaterin. PR

Dorothee Echter, Managementberaterin.

Warum denn das?
Assig: Weil es nur so gelingt, die entscheidende Resonanz im Topmanagement zu gewinnen. Es geht um wertvolle Verbindungen, die hergestellt werden. Um Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit schlägt also Weiterbildung?
Echter: Nein. In Ihrem eigenen Themenfeld und Ihrer Branche sollten Sie sich immer gut auskennen und beides durch neue Informationen ergänzen. Aber statt zum Beispiel Mandarin zu lernen, können Sie besser einen Übersetzer engagieren.

Kommentare (7)

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Herr Alex Hemp

10.11.2014, 10:05 Uhr

*lacht* Ich sehe sie schon vor mir, wie sie jetzt rennen und Selbstpositionierung betreiben, die Leute im mittleren Management.
Als ob jemand, der bereits die oberen Etagen erklommen hat, noch einen Ratgeber benötigt, wie er oder sie Karriere macht.
Das macht soviel Sinn, wie einem erfolgreichen Aktienhändler Tipps zur Anlageberatung zu geben.

Herr Paul Mueller

10.11.2014, 10:29 Uhr

"...wie sie jetzt rennen und Selbstpositionierung betreiben, die Leute im mittleren Management..."

Naja, aber so kriegen diese Leute immerhin den Tag rum und haben keine Zeit sich ins operative Geschäft einzumischen um so Schaden anzurichten.

Herr Marco Hass

10.11.2014, 11:03 Uhr

Mit etwas geschickteren Fragen, hätte der Artikel richtig gut werden können. Frau Assig hat ihre Antworten dem Niveau der Fragen angepaßt. Ich vermute, Frau Assig könnte weit Wertvolleres zu diesem Themengebiet beitragen.
Menschen im operativen Geschäft werden zwar mit solchen "Ansichten", wie sie Frau Assig geäußert hat, Probleme haben, doch die Fähigkeiten ab dem mittleren Management sollten nicht nur, sondern müssen sogar über operative Angelegenheiten hinausgehen, ohne sie dabei zu vergessen. Gerade junge oder "fleißige" neue Führungskräfte sollten sich externe Unterstützung oder Fortbildungen zu diesen Themen holen, wenn sie wirklich ins Management wollen.

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