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04.04.2014

16:57 Uhr

Interview zum Umgang mit dem Boss

Wenn der Chef zur Dampfwalze mutiert

VonCarina Kontio

Die einen sind impulsiv, ungeduldig und spontan, den anderen fällt es leicht, nach außen ruhig zu bleiben, wenn die Zeiten hektisch sind. Wie extro- und introvertierte Chefs ticken und was sie niemals tun sollten.

Extro-Vorgesetzte sind in Umgebungen erfolgreicher, die die direkte Umsetzung von Anordnungen und einen eher hierarchischen Führungsstil pflegen.  Machina Ex

Extro-Vorgesetzte sind in Umgebungen erfolgreicher, die die direkte Umsetzung von Anordnungen und einen eher hierarchischen Führungsstil pflegen.

Der Chefsessel ist nicht nur für Extrovertierte. Das erklärt Sylvia Löhken im Interview. Sie hat sich auf Persönlichkeitsmerkmale spezialisiert und analysiert in ihrem aktuellen Buch die Stärken von Introvertierten und Extrovertierten. Im Interview spricht sie mit Handelsblatt Online über leise Chefs, sich extrovertiert gebende Introvertierte und die Unterschiede bei der Motivation.

Wer hat es einfacher, ein extro- oder ein introvertierter Chef?
Beide – wenn sie es verstehen, ihre eigenen starken Seiten zum Handeln und Kommunizieren zu nutzen. Das wiederum ist einfacher, wenn sie diese starken Seiten gut kennen - und optimalerweise auch die Bedürfnisse derjenigen, die vom eigenen Persönlichkeitstypus abweichen.

Könnte ein leiser Mensch auch mal der bessere Vorstandschef sein?
Der Erfolg ist sogar durch die Realität nachgewiesen – es gibt illustre Beispiele erfolgreicher Intros an der Führungsspitze, etwa Karl Albrecht (Aldi), Bill Gates (Microsoft), Gabriele Strehle (Strenesse), Mark Zuckerberg von (Facebook) oder Larry Page (Google).

So unterschiedlich sind Intro- und Extro-Hirne!

Elektrische Aktivität

Im frontalen Kortex introvertierter Versuchspersonen lässt sich im Vergleich zu extrovertierten Probanden eine höhere elektrische Aktivität nachweisen. In diesem Bereich findet die Auseinandersetzung mit inneren Vorgängen statt. Dort sind Lernen, Entscheiden, Erinnern und Problemlösen angesiedelt (Roming 2011).

Die längere Leitung

Die amerikanische Ärztin Debra Johnson konnte 1999 nachweisen, dass Introversion im erwähnten frontalen Bereich mit einem erhöhten Blutfluss verbunden ist. Sie zeigte außerdem, dass Unterschiede zwischen Intros und Extros dadurch zustande kommen, dass ihr Blut im Hirn unterschiedliche Wege geht. Intros haben buchstäblich eine »längere Leitung« – Reize legen auf den Nervenbahnen einen längeren Weg zurück als in Extro-Hirnen. Darin liegt der Grund, dass leise Menschen manchmal eine längere Zeit zum Nachdenken oder Reagieren benötigen.

Sind Intros treuer als Extros?

Diese beiden Neurotransmitter haben ganz unterschiedliche Wirkungen: Dopamin sorgt für motorischen Antrieb, Neugier, für die Suche nach Abwechslung und die Erwartung einer Belohnung. Acetylcholin ist dagegen besonders für Konzentration, Gedächtnis und Lernen wichtig (Roth 2007). Susan Cain bringt die Folgen dieses neurobiologischen Unterschiedes auf den Punkt: Sie bezeichnet Extros als belohnungsorientiert und Intros als sicherheitsorientiert (Cain 2011).

Das hat Folgen in der Kommunikation: Extrovertierte Menschen neigen mit ihrer biologischen Ausstattung stärker zu Freude, Aufregung, Überschwang und sogar zu Euphorie. Extros sind auch eher bereit, Risiken einzugehen: Sie haben z. B. mehr Konflikte, neigen in Verhandlungen eher zu gewagten Aktionen und fühlen sich auch vor einem größeren Publikum meist wohler. Intros dagegen haben weniger häufig und intensiv euphorische Gefühle. Dafür legen sie Wert auf genaues Hinsehen und Hinhören, bevor sie handeln. Sie meiden Konflikte gern und sind selbst selten offensiv. Es gibt sogar Studien, die behaupten, Intros seien treuer als Extros …

Verdauung

Die Neurotransmitter stehen in einem größeren Zusammenhang. In unserem vegetativen Nervensystem (also in dem Teil, in dem alles »automatisch« abläuft) gibt es zwei »Gegenspieler«. Der Sympathikus sorgt dafür, dass der Körper etwas leistet; er bereitet ihn auf Angriff, Flucht oder besondere Anstrengungen in Kontakt mit der Außenwelt vor. Zur Erregungsübertragung nutzt der Sympathikus den »Extro-Transmitter« Dopamin. Der Parasympathikus
(oder Ruhenerv) sorgt dagegen für das genaue Gegenteil: für Ruhe, Erholung und Schonung. Er senkt den Herzschlag und fördert die Verdauung. Zur Erregungsübertragung nutzt der Parasympathikus den »Intro-Transmitter« Acetylcholin.

Gewohnheiten

In den Hirnen von Intros und Extros dominieren unterschiedliche Neurotransmitter. Dies sind Botenstoffe, die die Aktivitäten in der Großhirnrinde beeinflussen und uns unter anderem Zufriedenheit und Wohlsein vermitteln (Roth 2007). Die Wege, die Neurotransmitter zurücklegen, werden von wiederholtem Handeln gebahnt und prägen alles, was wir aus Gewohnheit tun. Jeder Mensch verfügt über einen individuellen »Spiegel« an verschiedenen Neurotransmittern, der genetisch bestimmt ist. Extros zeigen deutlich mehr Aktivitäten in den Bahnen des Neurotransmitters Dopamin, während Intros über mehr Acetylcholin verfügen (Olsen Laney 2002).

Extros auf Entzug

Marti Olsen Laney (2002) zieht aus diesen Zusammenhängen (und einigen weiteren Studien) den Schluss, dass Intros und Extros sich biologisch vor allem durch die unterschiedliche Ausprägung des vegetativen Nervensystems unterscheiden: Extros werden von den Aktivitäten des Sympathikus, Intros von den Aktivitäten des Parasympathikus geprägt. Extros scheinen außerdem (so Debrah Johnson in der erwähnten Forschungsarbeit 1999) auf mehr Stimulation durch die Außenwelt angewiesen zu sein als Intros, weil sie sich innerlich nicht in gleicher Intensität stimulieren können. Äußere Ruhe und Innehalten sind für Extros deshalb eine Herausforderung. Die Wissenschaftler
Dean Hamer und Peter Copeland konnten zeigen, dass für Extros die Abwesenheit äußerer Reize (z. B. Routinetätigkeiten, wenig aktive Menschen, starre Rituale) mit einer Unterstimulation verbunden ist (Hamer / Copeland 1998). Extros werden entsprechend leicht unruhig oder gelangweilt, wenn eine reizarme Phase zu lange anhält: Sie sind auf Dopaminentzug.

In der Ruhe liegt die Kraft?

Damit wird biologisch erklärbar, warum Extros ihre Energie aus aktivem, nach außen gerichteten Verhalten beziehen, während Intros in der Ruhe ihre Kraft finden: Die beiden Möglichkeiten der Energiegewinnung entsprechen den Verhältnissen in den unterschiedlich ausgestatteten vegetativen Nervensystemen.

(Quelle: Silvia Löhken: "Leise Menschen - starke Wirkung - Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden"; Gabal Verlag).

Aber besteht bei introvertierten Führungskräften nicht die Gefahr, dass die Mitarbeiter gar nicht so genau wissen, woran sie sind?
Kein Mensch ist perfekt – das gilt für Intros wie für Extros. Ja, eine introvertierte Führungskraft, die ihre natürliche Neigung zum Nach-innen-Gehen nicht reflektiert, kann manchem Mitarbeiter ein Rätsel sein. Aber ebenso kann ein extrovertierter Chef auf die Intros im Team wie eine Dampfwalze mit Heißluftgerät kombiniert wirken, wenn er sein für ihn normales Verhalten nicht überdenkt.

Konflikte stehen im Arbeitsalltag auf der Tagesordnung. Nun neigen leise Menschen aber dazu, Problemen aus dem Weg zu gehen. Kein Verhalten, das einen guten Chef ausmacht, oder?
Für Konflikte gilt das Gleiche wie für öffentliche Redeanlässe: Es lässt sich lernen, sie zu bewältigen. Zwar gehen Extrovertierte Konflikte persönlichkeitsbedingt direkter und mutiger an. Sie sind aber nicht unbedingt erfolgreicher, wenn man das Ergebnis ansieht: Was nützt es, wenn ein Konfliktpartner sich überrannt oder in die Enge getrieben fühlt? Extrovertierte neigen manchmal zu Verhaltensweisen, die als impulsiv oder sogar aggressiv empfunden werden – dadurch löst sich kein Konflikt in Wohlgefallen auf. Wenn ein Introvertierter mit Vorsicht, sorgfältiger Planung und Einfühlungsvermögen – und ja, womöglich auch mit Herzklopfen – in ein ihm nicht ganz geheures Konfliktgespräch geht, sehe ich da große Erfolgschcancen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Was ist der größte Fehler, den man als introvertierte Führungskraft machen kann?
Versuchen, eine extrovertierte Führungskraft zu spielen: Das macht unauthentisch, kostet jede Menge Energie und verbaut den Zugang zu den Stärken, die Intros gerade eigen sind.

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