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25.05.2000

14:39 Uhr

iProFile sucht Personal für multinationale Firmen

Headhunter vermitteln junge Talente in China via Internet

VonMARKUS GÄRTNER

Jahrzehntelang wies das kommunistische China seinen Werktätigen die Arbeitsplätze zu. Bei der Jobsuche auf dem freien Arbeitsmarkt helfen den Bewerbern jetzt Headhunter – und das Internet.

PEKING. Wenn Douglas Ireland aus seinem Büro im 19. Stock des Pekinger Henderson Centres schaut, blickt er entweder auf den riesigen Hauptbahnhof der chinesischen Hauptstadt oder auf die Prachtstraße Chang´an. Douglas Ireland sitzt am Puls der Stadt. „Wir müssen gut erreichbar sein“, sagt der junge Amerikaner, der englische Literatur studierte, einige Jahre in Japan Manager weiterbildete und in New York die Datenbank einer Assekuranzfirma pflegte. Jetzt jagt Douglas Ireland Talente für multinationale Firmen in China. Rund 400 bekannte Namen stehen auf seiner Kundenliste, darunter Ericsson, IBM, VW, Toshiba, Bayer und Siemens.

Ireland ist Präsident von iProFile, einem der vielen hundert Internet-Senkrechtstarter in Chinas Hauptstadt, und er führt ein Team von zwölf Kollegen. „Zu Jahresbeginn waren wir noch sieben", sagt er mit breitem Grinsen und stolzem Unterton und er verrät, „ich könnte gut 40 Leute brauchen“.

Ireland herrscht über ein kleines Büro und acht Computerstationen. Ünd über die brechen zur Mittagszeit und abends - wenn die Büros der Stadt schließen - hordenweise junge Chinesen herein. Ehrgeizige Sachbearbeiter, aufstiegswillige Buchhalter, umtriebige IT-Talente und Ingenieure, Verwaltungsspezialisten und Manager, die noch ein paar Stufen klettern wollen: Sie alle lassen sich bei iProFile eine Stunde lang an den Computern eingehend testen, um in die begehrte Datenbank zu gelangen.

Die 400 Firmenkunden von iProFile können jederzeit auf die Daten unter www.iprofile.com.cn zugreifen. „Wir prüfen ihre Kenntnisse, leuchten ihre Erfahrung aus und schauen, wie belastbar sie sind“, erläutert Nandani Lynton. Die professionelle Personalberaterin gehört dem Vorstand von iProFile an und bringt neben exzellenten Kontakten zu Firmen auch gehöriges organisatorisches Talent ein. Lynton hat einen Doktortitel der Cornell-Universität und lebt seit 1993 in China. Ihre Personalberatung, die im benachbarten Büroturm angesiedelt ist, managt die gesamte Human Resources Abteilung von VW in China. „Der Arbeitsmarkt dieses Landes“, erläutert Ireland die Geschäftsidee, „hat ganz eigene Gesetzmäßigkeiten. Die Universitäten bereiten die Studenten nicht auf die Jobsuche vor.“

In der Tat: Arbeitsplätze wurden im kommunistischen China jahrzehntelang zugewiesen. Wie man sich richtig um eine Stelle bewirbt, wissen auch heute noch wenige junge Chinesen. „Ihre Bewerbungsmethoden sind unterentwickelt, die Lebensläufe kaum aussagekräftig“, sagt Ireland. „Bislang kopieren viele Chinesen dutzendweise Adressen aus den Gelben Seiten und schreiben per Rundschlag an alle. Bei iProFile filtern wir die Kandidaten, bewerten ihre Fähigkeiten, helfen ihnen, aussagefähige Lebensläufe zu schreiben, die ihre wahren Stärken besser hervorheben.“

Die Bewerber sprechen eine Minute lang vor einer Kamera über die Erwartungen, die sie an ihren nächsten Job haben. Das Statement wird als Video in der Datenbank mit abgelegt. So sollen Firmen, die Mitarbeiter suchen, auch gleich einen optischen Eindruck erhalten. Und nicht nur das: „Wir wollen auch sicherstellen“, sagt Lynton, „dass die Leute wirklich sind, wer sie vorgeben zu sein.“ Personalabteilungen in China können ein Lied davon singen, dass in vielen Fällen schwach qualifizierte Bewerber Freunde vorschicken, um für sie Bewerbungsgespräche zu führen und die künftigen Arbeitgeber zu täuschen.

Bis zu 80 Bewerber kommen jeden Tag ins Henderson Centre, um bei iProFile den einstündigen Test abzuzlegen. Mehr als 1 000 Kandidaten wurden bereits in die Datenbank aufgenommen. Die Firmenkunden von iProFile greifen via Internet darauf mit einem Password zu. „Firmen, die die Daten eines Bewerbers nicht sehen sollen, zum Beispiel der aktuelle Arbeitgeber, werden auf Wunsch vom Kandidaten am Zugriff auf die betreffende elektronische Akte gehindert“, sagt Lynton.

„Die Firmen, die auf die iProFile- Datenbank zugreifen wollen, zahlen einen jährlichen Beitrag von 15 000 Yuan, umgerechnet knapp 4 000 DM. Die Cyberspace-Headhunter inserieren aber auch in herkömmlichen Zeitungen und Stadtmagazinen, zusammen mit ihren Firmen-Kunden. iProFile wählt die Kandidaten aus und berechnet pro Stellenbesetzung eine Prämie von etwa 500 Dollar. „Wir haben vor einem Jahr mit einem Katalog angefangen, nicht als Internet-Firma“, sagt Douglas Ireland. Der Feddback aus den Personalabteilungen, an die wir den Katalog verteilt haben, war phantastisch“, sagt er.

Die Idee zu dem Unternehmen hatte Charles Bingham, der Inhaber von Empire Graphics, einem vor allem unter westlichen Firmen bekannten Druck- und Grafikunternehmen in Peking. Der chinesische Name für iProFile, „yibufei“, kündet von Versprechen des Unternehmens gegenüber den Kandidaten, die es testet und registriert: Es heißt so viel wie „ein Schritt und Du fliegst“. Die zehn besten Bewerber in jeder von zehn Berufssparten empfiehlt iProFile jeden Monat in einem großen Rundumschlag allen 400 Firmenkunden.

Ein Jahr nach dem Start haben die Cyber-Talentjäger Platzprobleme. Zwei Büros im Henderson Centre und im benachbarten COFCO-Plaza reichen nicht mehr aus. Eine Expansion nach Shanghai steht an, Guangzhou und Shenzhen sollen folgen. „Rund 60 % der Fachkräfte in China konzentrieren sich auf die Ballungsräume Peking, Schanghai und Guangzhou“, sagt Ireland. Obwohl das Internet im vergangenen Jahr in China seine Nutzerzahl auf 10 Mill. vervierfachten konnte, dürften solche Marktvorgaben nicht missachtet werden, ist sich Irland sicher.

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