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21.02.2014

12:58 Uhr

A.T. Kearney

Europas IT-Branche am Rande der Bedeutungslosigkeit

Die nordamerikanische und asiatische IT-Branchen wachsen jeweils doppelt so stark wie die europäische. Nur noch neun der weltweit 100 größten Unternehmen in der IT-Branche sitzen in Europa, darunter noch Nokia.

Ein Smartphone von Nokia: Wenn Nokia sein Handygeschäft an Microsoft abgegeben hat, verschwindet wieder einer der Top-Konzerne aus Europa. Reuters

Ein Smartphone von Nokia: Wenn Nokia sein Handygeschäft an Microsoft abgegeben hat, verschwindet wieder einer der Top-Konzerne aus Europa.

MünchenDie europäische Hightech-Industrie versinkt einer Studie zufolge im internationalen Wettbewerb immer weiter in der Bedeutungslosigkeit. Lediglich noch neun der weltweit 100 größten Unternehmen der Informations- und Telekommunikationsbranche (ICT) haben ihren Sitz in Europa, teilte die Beratungsfirma A.T. Kearney am Freitag mit. Zusammen kommen sie demnach auf einen Anteil von einem Zehntel am globalen Branchenumsatz.

Der Trend verstärkt sich zudem: Wenn Nokia sein Handygeschäft an Microsoft abgegeben hat, verschwindet wieder einer der Top-Konzerne aus Europa. „Danach ist Europa unter den zehn größten Telefonherstellern der Welt nicht mehr präsent, ganz anders als vor 15 Jahren, als europäische Unternehmen den Sektor dominierten“, heißt es in der Studie.

6Wunderkinder, Millionen Nutzer

Gründer als Namensgeber

Die 6Wunderkinder-Gründer arbeiteten gemeinsam in einer Web-Agentur. Weil ihnen ein Programm zur Organisation der Arbeit fehlte, entwickelten sie selbst eines – der Vorgänger der heutigen Anwendung Wunderlist. Der Name des Start-ups 6Wunderkinder rührt daher, dass sich 2010 sechs Gründer in Berlin und Brandenburg zusammentaten. Treibende Kraft war Firmenchef Christian Reber, der auch die meisten Anteile hält.

Werkzeug für Arbeit und Alltag

Wunderlist ist ein Werkzeug, um Alltag und Arbeit zu organisieren. Nutzer legen Listen an, delegieren Aufgaben und haken Erledigtes ab. Die Basisversion ist kostenlos, die Team-Version kostet eine monatliche Gebühr.

Telekom als Geburtshelfer

Zu den Geburtshelfern der Firma zählen die Telekom-Tochter T-Venture sowie der High-Tech Gründerfonds – beide gehörten zu den frühen Investoren, haben sich aber inzwischen von ihren Anteilen getrennt.

Kapital vom Skype-Gründer

Bei der ersten großen Investment-Runde beteiligte sich Skype-Gründer Niklas Zennström am Start-up 6Wunderkinder: Er investierte im November 2011 über seine Firma Atomica 4,2 Millionen Dollar. Zennström hob die internationalen Wachstumsperspektiven hervor.

Auch Sequoia steigt ein

Im November 2013 stieg der berühmte Finanzier Sequoia Capital ein. In einer Finanzierungsrunde von 19 Millionen Dollar zahlte er den Großteil, die Altinvestoren Atomico und Early Bird unterstützten den US-Risikokapitalgeber mit einem geringen Anteil. „Wunderlist ist eine dieser süchtig machenden Apps, bei der man sich fragt, warum man sie nicht schon vorher entdeckt hat“, lobte Sequoia-Chef Michael Moritz. Sie passe zu Produktivitäts-Anwendungen wie Dropbox und Evernote, wo sich der Geldgeber bereits engagiert. Insgesamt hat 6Wunderkinder damit 30 Millionen Dollar Finanzierung erhalten.

60 Millionen Dollar wert?

US-Medien taxieren die Bewertung von 6Wunderkinder auf 60 bis 65 Millionen Dollar. Firmenchef Christian Reber will dazu keine Details nennen, dementiert die Zahl aber nicht.

Große Ambitionen

Die Gründer des Unternehmens haben große Ambitionen. „Unser Ziel ist, nach SAP mal wieder einen Technologiekonzern in Europa oder Deutschland aufzubauen“, sagte Firmenchef Christian Reber Ende 2011. „Unser Anspruch ist, global funktionierende Software zu entwickeln, aus Berlin heraus.“ Zwei Jahre später spricht er davon, dass die Anwendung Wunderlist die Marke von 100 Millionen Nutzern erreichen soll.

Büros in Berlin und Kalifornien

Der Hauptsitz ist in Berlin, hier entwickelt die Firma das Produkt. Mit einem Büro in Kalifornien will sie aber ihre Präsenz in den USA steigern, vornehmlich, um Firmenkunden zu beraten.

A.T. Kearney macht vor allem wirtschaftspolitische Kleinstaaterei und Mutlosigkeit für die Entwicklung verantwortlich. „Zum einen fehlt es an strategischer Weitsicht und Innovationskraft, zum anderen an qualifizierten Fachkräften und strategischen Partnerschaften zwischen EU und Unternehmen sowie zwischen Unternehmen selbst“, klagen die Berater. „Die Fragmentierung des europäischen Markts und die Knappheit der Finanzmittel, die Unternehmen für internationale Expansion benötigen, begrenzen darüber hinaus das Wachstum des Sektors.“

In Nordamerika und Asien wachse die Branche jeweils etwa doppelt so stark. Die Politik der EU-Kommission zur Stärkung des Sektors versage. „Es fehlt ein strategischer Masterplan, bei dem die EU verstärkt auf ICT-Sektoren mit Wachstumspotenzial setzt sowie führende Unternehmen durch gezielte Industriepolitik dabei unterstützt, ihre Marktposition zu festigen und an Größe zu gewinnen“, sagte Studienautor Thomas Kratzert. Zu helfen sei der Industrie allenfalls noch durch starke Unterstützung der Politik. „Wir brauchen mehr paneuropäische Führung, nicht weniger.“

Von

rtr

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