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30.09.2013

14:24 Uhr

Ableger in Irland

Die Steuertricks von SAP

Die irische Tochter des Walldorfer Softwarekonzerns SAP ist wirklich ein Gewinnwunder. Obwohl dort nur ein Prozent des Umsatzes erzielt werden, hat sie am Gewinn der Firma einen Anteil von 20 Prozent. Das hat Gründe.

SAP soll Gewinne systematisch ins steuergünstige Irland verschieben. Reuters

SAP soll Gewinne systematisch ins steuergünstige Irland verschieben.

LondonSommer 2012: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble macht Urlaub auf der Nordseeinsel Sylt. Da kündigt sich unerwarteter Besuch an. Sein damaliger US-Kollege Timothy Geithner kommt vorbei, um über die Euro-Krise zu reden. Schäuble nutzt die Gelegenheit und spricht gleich noch ein anderes schwieriges Thema an: die legalen Steuertricks amerikanischer Unternehmen in Europa. Viele Technologiekonzerne parken wertvolles geistiges Eigentum, wie etwa Software-Know-how, in Niedrigsteuerländern und lassen Firmentöchter hohe Lizenzen für dessen Nutzung bezahlen. Das reduziert die Gewinne in Hochsteuerländern zu Gunsten der Erträge in Steuerparadiesen.

Solche Verschiebungen beträfen vor allem US-Konzerne, erklärt Schäuble seinem amerikanischen Kollegen. Die Steuergesetze in Deutschland machten dies deutlich schwieriger. „Das könnte erklären, warum wir keine deutschen Unternehmen mit vergleichbaren Steuer-Arrangements kennen“, heißt es in einem Brief, den der Finanzminister nach dem Treffen an Geithner schrieb und in dem er die Inhalte des Gesprächs wiedergab.

Doch da war Schäuble offenkundig etwas voreilig. Denn ein Jahr später zeigen Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters, dass sich Unternehmen auch in Deutschland legal ärmer rechnen und Gewinne in Staaten mit niedrigen Steuersätzen wie Irland verschieben können. Das zeigt das Beispiel SAP: Ohne die in der Politik umstrittenen Möglichkeiten zur Steuervermeidung müsste die Walldorfer Software-Schmiede über 100 Millionen Euro pro Jahr mehr an Abgaben zahlen, wie eine Auswertung der SAP-Bücher zeigt. Davon betroffen ist demnach auch der US-Fiskus.

SAP bezeichnete die errechnete Summe als rein hypothetisch. „Das Unternehmen hat zu keinem Zeitpunkt IP-Rechte aus Deutschland in Länder mit niedrigen Steuersätzen verlagert“, erklärte ein Sprecher. Der Eindruck, SAP vermeide Steuern, sei abwegig. Im vergangenen Geschäftsjahr habe das Unternehmen in Deutschland 500 Millionen Euro Steuern gezahlt.

Zukäufe von SAP

Wachstum dank Zukäufen

Der Walldorfer Software-Konzern SAP hat in den vergangenen Jahren hohe Milliardenbeträge für Großübernahmen ausgegeben. Damit verstärkte sich das Unternehmen für zukunftsträchtige Geschäftsfelder.

Business Objects

2007 übernahmen die Deutschen den französischen Softwarehersteller Business Objects für 4,8 Milliarden Euro. SAP kauft sich damit Analyse-Software, die Daten aus einzelnen Geschäftsbereichen von Unternehmen auswertet – und ist inzwischen Marktführer.

Sybase

Den Datenbankspezialisten Sybase übernimmt SAP im Jahr 2010 für 5,8 Milliarden Dollar und erwirbt damit Expertise für den Mobilfunkmarkt. Mit Hilfe der Sybase-Plattform lassen sich die SAP-Programme leichter auf Smartphones und Tablets spielen. Die Software von Sybase stellt außerdem den Grundstock für das wachsende Datenbankgeschäft von SAP.

Success Factors

2012 geht SAP die Übernahme von Success Factors für 3,4 Milliarden Dollar an. Software, die nicht mehr auf Firmenservern lagert, sondern nach Bedarf „on Demand“ über das Internet abgerufen wird, ist bereits heute ein Milliardenmarkt.

Ariba

Mit der Handelsplattform Ariba, die SAP ebenfalls 2012 für 4,3 Milliarden Dollar übernahm, sicherte sich der Softwarekonzern weitere Fähigkeiten. Ariba ist nicht nur eine Art Ebay für Unternehmen. Die Firma verkauft auch Software, zum Beispiel Programme, mit deren Hilfe Firmen ihren Lieferanten digitale Rechnungen stellen können.

Das mit einer Marktkapitalisierung von knapp 70 Milliarden Euro viertgrößte deutsche Unternehmen verkauft weltweit Software an Firmen. Ein Blick in die Bilanz der Software-Schmiede zeigt, dass sie ähnlich wie Google oder Microsoft Gewinne an Konzerntöchter in Irland verschiebt, das mit 12,5 Prozent einen der niedrigsten Unternehmenssteuersätze in der Europäischen Union verlangt.

In Deutschland sind nach Daten der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) im Schnitt 30 Prozent fällig und im größten SAP-Markt, den USA, gar 39 Prozent. Das sind allerdings Durchschnittswerte: Im Einzelfall kann die Steuerbelastung für jeden Konzern in den einzelnen Ländern stark variieren.

In den vergangenen drei Jahren haben die Walldorfer im Schnitt jährlich 26 Prozent Unternehmenssteuer gezahlt – zwanzig Prozentpunkte weniger als noch vor einem Jahrzehnt. Der Rückgang liegt zum Teil an der Steuerreform in Deutschland, die zu einer geringeren Belastung geführt hat. Doch andere Gründe kommen dazu: So fährt SAP in Irland 20 Prozent des Konzerngewinns ein, erwirtschaftet dort aber nur ein Prozent des Umsatzes mit ebenso wenigen Mitarbeitern. Die Töchter in Dublin beheimaten Software-Know-how von SAP-Mitarbeitern weltweit, das dann innerhalb des Konzerns lizensiert wird. Zum Steuersparmodell gehört es auch, dass eine Finanztochter in Irland anderen SAP-Gesellschaften Milliarden von Dollar verleiht – zu deutlich höheren Zinsen als am Markt üblich.

Kommentare (10)

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DerAufklaerer

30.09.2013, 07:27 Uhr

Solange die EU solche Steuermodelle zulässt, darf es keine Steuererhöhungen hier in Deutschland geben, das ist doch wirklich absurd. Europa muss wieder bürgernah und gerecht werden ... der deutsche Steuerzahler ist aktuell der Blödmann der EU.

Partages

30.09.2013, 07:47 Uhr

Wasser fließt immer zum tiefsten Punkt... unabhängig hiervon wird SAP auf Grund der Kostensituation Probleme bekommen. Das zukünftige Geschäftsmodell liegt in patentierten Innovationen - mit hohem Kundennutzen ... das sagt übrigens auch das WEF ... wir in Deutschland sind super - behandeln unsere Patent entwickler wie Penner... Irland macht alles richtig...

Be_Frank

30.09.2013, 08:14 Uhr

Die Anstrengungen von Herrn Schâuble & Co. werden nur dazu führen, dass nach den Steuern nun auch die Arbeitsplätze verlegt werden. Unserer Steuereintreiber sind die wahren Totengräber der Nation. Aber der deutsche Michel merkt es immer erst wenn alles in Schutt und Asche liegt.

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