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25.08.2012

08:24 Uhr

Alltag an Unis

Kavaliersdelikt Schummeln?

VonStefani Hergert

In einem Semester gibt jeder fünfte Student ein Plagiat ab. Auch Ghostwriter-Werke sind keine Ausnahme an den Universitäten. Das Aufspüren der Plagiate ist allerdings sehr mühsam. Die Unis sind nahezu machtlos.

Absolventen werfen bei der Zeugnis-Zeremonie ihre Hüte in die Luft. gms

Absolventen werfen bei der Zeugnis-Zeremonie ihre Hüte in die Luft.

DüsseldorfWenn acht von zehn Studenten innerhalb eines Semesters mindestens ein Mal schummeln und jeder Fünfte mindestens ein Plagiat abgibt, wie Soziologen der Universitäten Bielefeld und Würzburg in einer Umfrage herausfanden; wenn renommierte Vollblut-Wissenschaftler unter Plagiatsverdacht stehen, wie auf der Onlineplattform Vroniplag dokumentiert; wenn in einzelnen Fächern etwa jeder dritte Promovend seine Arbeit gar nicht mehr selbst schreibt, sondern schreiben lässt, wie Experten schätzen - dann führt das zwangsläufig zu dem Schluss, dass Plagiate und Tricksereien nicht nur Randerscheinungen einiger überlasteter Nebenbei-Doktoranden sind, sondern als Phänomen tief im Wissenschaftsbetrieb verwurzelt.

Aber ist dieser Schluss richtig? Sind Tricksereien nur ein Kavaliersdelikt?

"Der Umgang mit Texten scheint verlernt, beziehungsweise gar nicht erst korrekt vermittelt worden sein", sagte Debora Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und engagierte Plagiatsjägerin, vor kurzem in einem Interview in der Fachzeitschrift "Forschung und Lehre". Drastischer drückt es Manuel René Theisen, BWL-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München aus, der seit langem Plagiate anprangert: "Kopieren und einfügen läuft doch bei vielen Studenten und Doktoranden unter dem Stichwort Kavaliersdelikt."

Doktorarbeiten: Professor will Plagiate ausrotten

Doktorarbeiten

Professor will Plagiate ausrotten

Es ist eine Ankündigung wie ein Donnerhall: 1000 Doktorarbeiten von Politikern will ein Professor auf Plagiate untersuchen. Das ehrgeizige Projekt ist bei Experten wegen der Methoden und Erfolgsaussichten umstritten.

Deshalb will der Deutsche Hochschulverband stärker abschrecken - und hat vor kurzem gefordert, aus diesem vermeintlichen Kavaliersdelikt einen Straftatbestand Wissenschaftsbetrug zu machen. Jedoch wendet sich der nicht gegen all jene, die sich der Texte anderer bedienen, ohne dies kenntlich zu machen, sondern nur gegen jene, die gleich die komplette Arbeit schreiben lassen. Ghostwriter und sogenannte Promotionsberatungen will der Verband damit ebenso zu fassen bekommen wie den Auftraggeber, der für eine ganze Doktorarbeit bis zu mehrere Zehntausend Euro bezahlt.

Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbandes, hofft, dass dies Besserung bringt: "Wenn wir den Straftatbestand hätten, würden sich die Promotionsberater ihr Geschäft überlegen." Der Münchener Professor Theisen ergänzt: "Heute kann Ghostwriting für den Kunden maximal eine Geldstraße bedeuten. Und mal ehrlich, da fürchten etliche Leute zwei Punkte in Flensburg mehr als eine Geldstrafe."

Doch geht die Forderung nicht eigentlich am Kern vorbei? "Die Hauptleistung des Promotionsberaters ist doch, den willigen Doktorvater zu vermitteln, und nicht das Schreiben der Arbeit selbst", sagt Theisen. Das Geschäft funktioniert nur so lange, wie sich Professoren finden, die von den Beratern angepriesene Kandidaten auch nehmen. "Wir wollen den Schwarzen Peter nicht weiterschieben, wir wissen schon, dass es unsere allererste Aufgabe ist, in den Unis saubere Arbeiten zu haben", sagt Verbandspräsident Kempen.

Ghostwriter und Kunden zu ertappen ist schwer, weil keiner von beiden ein Interesse daran hat, aufzufliegen. Plagiate aufzuspüren ist einfacher - aber auch mühsame Arbeit, vor der viele Professoren noch immer zurückschrecken.

Kommentare (25)

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Edelzwicker

25.08.2012, 09:47 Uhr

......wenn in einzelnen Fächern etwa jeder dritte Promovend seine Arbeit gar nicht mehr selbst schreibt, sondern schreiben lässt, wie Experten schätzen .....
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Jeder Promovend muss seine Dissertation im Rigorosum verteidigen.In der "mündlichen Prüfung", dem Rigorosum, wird dem Promovend also von seinem Doktorvater und min. zwei weiteren gutachterlichen Professoren auf den Zahn gefühlt. Im Rigorosum haben die Profs also die Gelegenheit, sehr schnell herauszufinden, ob die Arbeit von eigener Substanz erzeugt wurde, oder ob sie gefälscht ist bzw. von Dritten geschrieben wurde.

Gast

25.08.2012, 09:55 Uhr

Als erstes müssen alle an staatlichen Universitäten abgeschlossenen Dissertationen in einem maschinenlesbaren pdf zum kostenlosen download veröffentlicht werden. Damit könnte dann wenigstens plumpes copy & paste recht einfach erkannt werden.

An der Einstellung der Studenten wird sich jedoch nicht viel ändern, solange viele Professoren sich nicht ändern. Wenn man nämlich sieht, wie viele Vorlesungen und Seminare von Doktoranden gehalten werden – obwohl der Name eines Profs im Vorlesungsplan steht. Dazu wird bei so vielen paper der Prof als Co-Autor genannt, obwohl er nichts dazu beigetragen hat.

Daher erst mal alle Dissertationen kostenlos als pdf veröffentlichen.

Titus_Livius

25.08.2012, 11:04 Uhr

Das Hauptproblem sehe ich eher in der Vielzahl und Anzahl der Studenten, die eine wissenschaftliche Ausbildung erhält, aber nicht in der Wissenschaft tätig ist.Was sollen den noch alles neu entdeckt und behandelt werden, da manche Themengebiete einfach nur wissenschaftlich ausgelutscht sind und es gar nichts mehr großartig in einer neuen Arbeit zu behandeln gibt?

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